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25. Februar 2014

Medikamentöse Adhärenz

Wie kann die Therapietreue von Patienten verbessert werden?

 
Rund die Hälfte aller chronisch kranken Menschen nehmen die Medikamente, die ihnen verschrieben werden, nicht regelmäßig ein. Zwei Wissenschaftler der Universität Köln haben nun am Beispiel von Bluthochdruck untersucht, wie die Therapietreue gesteigert werden kann.

(© vfa / S. Rudolph)
Die Formen, wie Patienten von ihrer verordneten Therapie abweichen, sind vielfältig: Manche nehmen verschriebene Medikamente von Beginn an nicht ein, andere brechen die Behandlung vorzeitig ab. Wieder andere nehmen die Arzneimittel nur unregelmäßig oder in falscher Dosierung ein. Die Auswirkungen können fatal sein: Der Therapieerfolg ist gering oder bleibt ganz aus, die Lebensqualität sinkt und die Behandlungskosten steigen. Experten haben in den vergangenen Jahren immer wieder Strategien entwickelt, mit denen die Adhärenz (englisch Adherence), also die Umsetzung der zwischen Arzt und Patient vereinbarten Therapie, gesteigert werden kann.

PD Dr. Jan Matthes (© Universitätsklinikum Köln)
Doch wie hilfreich sind diese Maßnahmen? Das wollten Dr. Jan Matthes vom Institut für Pharmakologie der Universität Köln und Prof. Dr. Christian Albus von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik Köln herausfinden. Die beiden Wissenschaftler haben dazu eine Übersicht über internationale Studien angefertigt1, die die Therapietreue bei Patienten mit Bluthochdruck überprüfen und mögliche Strategien evaluieren. Die Maßnahmen, die die Kölner in 21 relevanten Studien gefunden haben, waren sehr unterschiedlich: Sie reichten vom Einsatz von Kalenderblistern (Neuverpacken und Zusammenstellen von Arzneimitteln in Einheiten, die ein Patient zu einem bestimmten Termin einnehmen muss) über Informationsmaterial, Telefonanrufe, Gruppentreffen, die Einbindung von Verwandten, die Empfehlung, Tagebuch zu führen, bis hin zu komplexen Schulungsprogrammen. 62 Prozent der Studien zeigten im Vergleich zur Kontrollgruppe einen positiven Effekt auf die Adhärenz. In mehr als 90 Prozent hatte dies dann auch zur Folge, dass der Bluthochdruck gesenkt wurde.

Welche Faktoren beeinflussen die Therapietreue?
Faktoren, die die Adhärenz verschlechtern:
  • chronische Erkrankung
  • geringe oder keine Symptome
  • fortschreitende Therapiedauer
  • mehrere Arzneimitteleinnahmen pro Tag
  • komplexe Behandlungsschemata
  • Auftreten unerwünschter Arzneimittelwirkungen bzw. Angst davor
  • niedriges Lebensalter (unter 60 Jahre)
  • männlich, alleinstehend
  • geringes Bildungsniveau
  • fehlende Unterstützung
  • Mängel in Arzt-Patienten-Kommunikation
  • keine oder unzureichende Informationen

Faktoren, die die Adhärenz verbessern:
  • langjährige Arzneimitteleinnahme (mehr als fünf Jahre)
  • Bewusstsein der Notwendigkeit einer langjährigen Behandlung
  • höheres Lebensalter (mehr als 60 Jahre)
  • Familienstand: verheiratet
  • soziale Unterstützung
  • Zufriedenheit mit der Behandlung
  • Erfahren von Wirksamkeit
  • systematisches, engmaschiges Follow-up
  • guter Wissensstand bezüglich der Therapie
  • kurze Wartezeiten beim Arztbesuch und zwischen den Arztterminen


Welche Maßnahmen bringen am meisten?
Prof. Dr. Christian Albus (© Universitätsklinikum Köln)
Die Erkenntnis der Autoren: Die effektivste Maßnahme ist, die Therapie zu vereinfachen. Wenn beispielsweise weniger Tabletten auf einmal verordnet werden, fällt es den Betroffenen leichter, sich an ihren Plan zu halten. Vorteilhaft ist auch eine patientengerechte Verblisterung: Wenn in einer Schachtel oder einem Tütchen bereits die Medikamente individuell zusammengestellt sind, die ein Patient zu einem bestimmten Termin einnehmen soll, kann das die Therapietreue erhöhen.
Eine erfolgversprechende Maßnahme ist außerdem, so die Autoren, die Patienten besser zu informieren. Dies kann durch individuelle Ansprache, Schulungen oder schriftliches Material geschehen. Von besonderer Bedeutung ist auch die gemeinsame Entscheidungsfindung von Arzt und Patient, konstatieren Matthes und Albus. Beim shared-decision-making treffen der Mediziner und der Erkrankte gemeinsam die Entscheidung über eine angemessene Behandlung. Dabei werden auch die persönlichen Präferenzen des Betroffenen berücksichtigt. „In der Tat scheint die Förderung der partizipativen Entscheidungsfindung bei geeigneten Patienten auch den Therapieerfolg steigern zu können“, betonen die Autoren. Das Modell des shared-decision-making sollte deswegen Grundlage des Verordnungsgespräches sein. Allerdings sei die Studienlage hierzu noch unzureichend.
Zudem weisen die Kölner Wissenschaftler darauf hin, dass auch die Auswahl des Arzneimittels selbst dazu beitragen könne, die Adhärenz zu verbessern. Denn immer wieder gehörten unerwünschte Nebenwirkungen zu den Gründen, warum eine Therapie abgebrochen werde. Sie empfehlen außerdem, „eine Pharmakotherapie schon in Erwartung einer möglicherweise unzureichenden Einnahmetreue zu planen“ und Arzneimittel auszuwählen, die auch bei unregelmäßiger Einnahme möglichst wirksam und sicher seien.

Weitere Studien wünschenswert
Die Autoren der Übersichtsstudie fordern nun Untersuchungen in Deutschland, um zu überprüfen, wie man die Therapietreue vor dem Hintergrund des deutschen Gesundheitssystems verbessern kann.

1Matthes J, Albus C: Improving adherence with medication – a selective literature review based on the example of hypertension treatment. Dtsch Arztebl Int 2014; 111(4): 41–7. DOI: 10.3238/arztebl.2014.0041
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