Design-Elememt

18. Dezember 2013

Rollende Praxen, Patientenbusse und Arztnetze

Regionale Modelle gegen den Ärztemangel

 
Der Ärztemangel ist eines der vorherrschenden Themen in ländlichen Regionen. Vielerorts finden Praxisinhaber keine Nachfolger. Einige Regionen versuchen, mit kreativen Lösungen die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten.

Der demografische Wandel stellt die medizinische Versorgung in den ländlichen Regionen vor große Herausforderungen: Immer mehr älteren Menschen steht eine sinkende Zahl niedergelassener Ärzte gegenüber. Viele junge Mediziner wollen heutzutage nicht mehr in der Provinz arbeiten – sie bevorzugen die Städte als Lebens- und Arbeitsräume. Deshalb finden Hausärzte, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, keine Nachfolger. Bereits jetzt sollen über 3.600 Haus- und Facharztsitze in Deutschland unbesetzt sein, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Die Folge: Patienten müssen weite Wege zurücklegen, um einen Arzt zu finden. Vielerorts suchen Kassenärztliche Vereinigungen (KV) und Gemeinden nach neuen Modellen, um die medizinische Versorgung auf dem Land aufrecht zu erhalten. Ein Weg sind finanzielle Anreize für Ärzte, die sich in den unterversorgten Gebieten niederlassen wollen. In Wolfsburg zum Beispiel bekommen Mediziner bis zu 20.000 Euro, wenn sie mindestens fünf Jahre in der Stadt praktizieren. Doch mit Geldgeschenken allein kann man das Problem nicht lösen.

(© Landkreis Wolfenbüttel)

Arztpraxis auf Rädern und Seniorenpraxen
Im Landkreis Wolfenbüttel sind seit August mobile Ärzte im Einsatz. Die rollende Arztpraxis fährt alle drei Wochen sechs Dörfer des Kreises an, in denen es keinen Hausarzt gibt. Der speziell ausgerüstete VW-Transporter bietet neben einer Untersuchungsliege auch eine Grundausstattung an medizinischen Geräten. Die beiden Ärzte, die das mobile Team bilden, können vor Ort Rezepte ausstellen oder an einen Facharzt überweisen. Sie stehen außerdem im direkten Austausch mit dem Hausarzt. Die Patienten können also bei ihrem Hausarzt bleiben, müssen aber nicht für jede Untersuchung den weiten Weg zur Praxis auf sich nehmen. An der Finanzierung beteiligen sich das Land, der Volkswagen-Konzern als Stifter des Fahrzeugs, der Kreis Wolfenbüttel, die KV sowie die Krankenkassen vor Ort. Das Projekt soll zunächst bis Ende 2014 laufen. Die rollende Arztpraxis gehört zur Initiative „Zukunftsregion Gesundheit“ des Landes Niedersachsen, deren Ziel es ist, Modelle gegen den Ärztemangel zu entwickeln.
Auch die KV Thüringen ist auf der Suche nach unkonventionellen Lösungen fündig geworden. Als es in Gotha immer weniger Ärzte gab, eröffnete sie eine Praxis in Eigenregie und holte Ärzte aus dem Ruhestand zurück in die Patientenversorgung. Tageweise kommen sie nun in die Praxis und versorgen als angestellte Ärzte wieder Patienten.


Patientenbus gescheitert
Wie schwierig es sein kann, mit neuen Modellen die Versorgung der Menschen zu verbessern, zeigt das Beispiel des Patientenbusses im Landkreis Märkisch-Oderland. Von Dezember 2012 bis Dezember 2013 fuhr der „KV RegioMed Patientenbus“ jeden Dienstag, um Menschen aus den umliegenden Dörfern für Arztbesuche nach Müncheberg und Buckow zu bringen. Das Projekt wurde von der KV Brandenburg initiiert und zusammen mit der AOK Nordost, der Barmer GEK, den betroffenen Gemeinden, regionalen Transportunternehmen und den niedergelassenen Ärzten vor Ort umgesetzt. „Damit haben wir bundesweit Neuland betreten“, sagt KV-Vorstandsvorsitzender Dr. Hans-Joachim Helming. Doch es zeigte sich, dass die Idee nicht ankam. Im Durchschnitt hätten nur 30 Fahrgäste pro Monat die Möglichkeit genutzt, sagt Jörg Schleinitz vom Landkreis Märkisch-Oderland. Davon sei nur ein kleiner Teil tatsächlich zum Arzt gefahren. Damit sei der Patientenbus hinter den erhofften Fahrgastzahlen und hinter den wirtschaftlichen Erwartungen zurückgeblieben, so Schleinitz. Ein Problem sei gewesen, dass der Bus des öffentlichen Nahverkehrs nur an offiziellen Haltestellen stoppen durfte. Kranke Menschen seien aber teilweise in ihrer Mobilität eingeschränkt und müssten deshalb bis vor die Haustür gebracht werden.
Auch wenn der Patientenbus vorerst gescheitert ist, soll weiter an neuen Modellen gearbeitet werden. „Wir brauchen Lösungen, mit denen wir Menschen aus dünn besiedelten, ländlichen Regionen zum Arzt befördern, auch um die immer stärker beanspruchten Ärzte zu entlasten“, sagt Frank Michalak, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordost. Und Helming ergänzt: „Innovationen müssen erdacht, diskutiert und getestet werden. Nur dann können wir erkennen, ob und wie sie Sinn machen.“


Ärzte vernetzen sich
Auch Arztnetze gelten als Chance, die medizinische Versorgung der Bevölkerung auf dem Land zu verbessern. Seit rund zehn Jahren schließen sich Mediziner zusammen, heute bestehen bundesweit rund 400 solcher Verbünde mit 30.000 Ärzten. Zu einem der ersten zählt das 2005 gegründete Nürnberger Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz (QuE). Ärzte verschiedener Fachrichtungen arbeiten hier mit Kliniken, Pflegeeinrichtungen und weiteren Leistungserbringern eng zusammen. Grundlage war ein Hausärztevertrag mit der AOK. Inzwischen beteiligen sich mehr als 110 Ärzte aus rund 65 Praxen an QuE, über 10.000 Versicherte haben sich eingeschrieben. „Wir wollen mit QuE die Qualität der ärztlichen Versorgung, die Effizienz und die Patientensouveränität in der Region erhöhen“, sagt Dr. Veit Wambach, Vorstand von QuE. Es gibt Feed-back-Gespräche und Beratungsangebote für die beteiligten Ärzte, zum Beispiel zur Medikamentengabe bei Multimorbidität. Patienten profitieren von einem höheren Service und einer klarer strukturierten Versorgung, sagt Wambach. Koordinationsärzte begleiten die Versicherten während der gesamten medizinischen Behandlung und sorgen für eine bessere Abstimmung von Diagnose und Therapie. Versorgungslücken beim Übergang vom Krankenhaus zu niedergelassenen Ärzten, Pflegeeinrichtungen oder anderen Leistungserbringern werden dadurch vermieden. Dass diese Art der Versorgung ankommt, zeigt eine Umfrage: 97,5 Prozent der 4.500 befragten Netzpatienten waren zufrieden mit den QuE-Praxen. Besonders positiv wurden die schnelle Terminvergabe und die kurzen Wartezeiten bewertet.


MoNi in Niedersachsen
In Niedersachsen und Baden-Württemberg wird noch eine andere Idee ausprobiert. Dort übernehmen Medizinische Fachangestellte (MFA) bestimmte ärztliche Aufgaben. Dadurch soll der Arzt von Routinearbeiten entlastet werden, ohne dass die Qualität leidet. Bei chronisch Kranken oder bei Patienten mit Demenz, Diabetes, chronischen Wunden oder Bluthochdruck müsse nicht immer ein Arzt dabei sein, heißt es. Das Modell Niedersachsen (MoNi) geht diesen Weg seit Ende 2010. „Ziel von MoNi ist es, den Beruf für Hausärzte in ländlichen Regionen attraktiver zu machen“, erklärte die KV Niedersachsen anlässlich der Verlängerung des Projekts für das Jahr 2013. MFA aus Arztpraxen in den Regionen Vechta und in Schneverdingen im Heidekreis machen Hausbesuche bei Patienten und übernehmen einfache ärztliche Tätigkeiten: Sie ziehen Fäden, messen Blutdruck und Blutzucker, verabreichen Medikamente nach ärztlicher Verordnung, nehmen EKG-Messungen vor und bieten Beratungen zum gesunden Verhalten an. „Der Modellversuch hat bisher gezeigt, dass die Delegation ärztlicher Leistungen auf MFA funktioniert und dies von den Patienten positiv aufgenommen wird“, sagt KV-Vorstandschef Mark Barjenbruch. Die Kosten für das Projekt tragen die beteiligten Krankenkassen sowie zu einem Fünftel die KV.


VERAH in Baden-Württemberg
Bereits fest etabliert sind die Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (VERAH) in Baden-Württemberg. Im neuen Hausarztvertrag sind sogar Dienstwagen für die Mitarbeiterinnen vorgesehen. Die Fahrzeuge sind Teil einer Mobilitätsoffensive zur Verbesserung der ambulanten Versorgung. VERAHs werden besonders häufig in Landarztpraxen eingesetzt, so die AOK. Dort könnten sie den Hausarzt durch Übernahme von Routine-Hausbesuchen entlasten. Dies sei, so Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg, angesichts einer abnehmenden Zahl von Hausärzten gerade auf dem Land von großer Bedeutung. Alle Hausärzte im AOK-Hausarztvertrag könnten die Autos zu Sonderkonditionen leasen, damit ihre Praxismitarbeiterinnen, die bisher zumeist mit ihren privaten PKWs unterwegs waren, auf das „VERAHmobil“ umsteigen können.
Rollende Arztpraxis, Patientenbus oder die Entlastung der Hausärzte durch Medizinische Fachangestellte – viele der neuen Modelle stecken noch in den Kinderschuhen. Ob sie sich rechnen und sie außerdem dazu beitragen können, die medizinische Versorgung langfristig zu sichern, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.


Wer mehr wissen möchte:
  • Ärztemangel - Die KBV informiert auf ihrer Homepage über den Ärztemangel und gibt auch einen Überblick darüber, welche Maßnahmen die KVen treffen, um dem Problem zu begegnen
  • Rollende Arztpraxis - Informationen zur rollenden Arztpraxis im Landkreis Wolfenbüttel
  • Agentur deutscher Arztnetze - Informationen zu rund 400 Arztnetzen und Gesundheitsverbünden in Deutschland
Digitorial

Literaturtipps
Cover Michaela Haas

"Stark wie ein Phönix" Michaela Haas
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Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Einfangen, auffangen und halten!" am 23.08.2016 in Kassel
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