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Ärzte halten pauschale Schließungen für wirkungslos

Berlin (pag) – Eine neue Strategie bei der Pandemiebekämpfung fordern Ärzte und Wissenschaftler in einem gemeinsamen Positionspapier. Der Schutz vulnerabler Gruppen müsse in den Vordergrund gerückt werden. Die pauschale Schließung von Theatern oder Gaststätten für vier Wochen halten sie für sinnlos.

Theater und Gaststätten sollen für vier Wochen geschlossen bleiben.„Kontakte zu reduzieren ist sinnvoll, andere Maßnahmen sind es nicht“, sagt Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, bei einer Online-Pressekonferenz, bei der die „gemeinsamen Positionen von Wissenschaft und Ärzteschaft“ zum weiteren Management der Covid-19-Pandemie vorgestellt werden. Mit anderen Maßnahmen meint Schmidt-Chanasit etwa die Schließung von Gaststätten, Kinos oder Theatern, die wenige Stunden später von der Runde der Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin beschlossen wird. Er und Prof. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Bonn, betonen, dass es keine wissenschaftliche Evidenz dafür gebe, dass Kultur- und Freizeiteinrichtungen bisher maßgeblich zum Infektionsgeschehen beigetragen hätten. „Ein Lockdown wird uns nicht lange retten“, sagt Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

In dem Positionspapier fordern Ärzte und Wissenschaftler deshalb eine andere Corona-Strategie. „Wir müssen langfristig auf die Pandemie schauen. Das ist kein kurzfristiger Sprint, sondern ein Marathon“, sagt Streeck. Die Virologen und unterzeichnenden Ärzteverbände fordern eine Abkehr von der individuellen Kontaktnachverfolgung. Stattdessen müsse eine Priorisierung erfolgen, etwa wenn Kontakte Bezüge zu medizinischen Einrichtungen haben. Ferner sei die Einführung eines Ampelsystems, das die Hospitalisierungsrate, den intensivmedizinischen Behandlungsbedarf und die Positivquote bei den PCR-Tests beinhalte, zur Bewertung des Infektionsgeschehens sinnvoll. Der Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen müsse in den Vordergrund gestellt werden. Ältere Menschen könnten beispielsweise mit FFP-2-Masken oder Selbsttests ausgestattet werden, um ihnen weiter Besuche zu ermöglichen.


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