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Chirurgen fordern mehr Zeit für Patienten

Berlin (pag) – Zunehmender Personalmangel in der Pflege, auf Stationen und im Operationsdienst bei gleichzeitig wachsender Behandlungsbedürftigkeit einer älter werdenden Bevölkerung: Die Leistungsverdichtung in der operativen Medizin hat nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) gefährliche Ausmaße erreicht.

„Die Situation wird in vielen Kliniken langsam bedenklich“, warnt Prof. Dr. Tim Pohlemann, Präsident der DGCH. Durch die zunehmende Leistungsverdichtung entstünden Lücken, die nur schwer zu überbrücken seien. Leidtragende seien die Patienten sowie das gesamte Behandlungsteam, für das es immer herausfordernder werde, den eigenen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden. Eine bedarfsgerechte Pflege der Patienten sei in der frühen Phase direkt nach der Operation auf chirurgischen Normalstationen aufgrund von Personalknappheit kaum noch zu leisten.

„Bei den für den einzelnen Patienten zur Verfügung stehenden Pflegekapazitäten fällt Deutschland im internationalen Vergleich zunehmend zurück“, erklärt der Chirurg und leitende Direktor am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg/Saar. Während sich in Skandinavien auf einer Normalstation eine Pflegekraft um drei Patienten kümmert, betrage dieses Verhältnis in Deutschland eins zu zehn. Das spürten die Patienten. „Die Pflegekräfte haben kaum noch Zeit, nach dem Eingriff mit dem Patienten ausführlich zu sprechen“, so Pohlemann. Auch vor der OP fehle die Zeit: Aufgrund des Schichtwechsels finde die Aufklärung des Patienten häufig durch einen Arzt statt, der bei der Operation gar nicht anwesend ist. „Das stellt eine enorme Belastung für den Patienten dar – er hat vor einer Operation meist Angst und will mit demjenigen sprechen, der ihn operiert“, betont der DGCH-Präsident.

Die Klinikärzte arbeiteten am Limit. Ihre Operationszeiten seien eng getaktet. Weitere Faktoren, die zusätzlich ärztliche Ressourcen binden, verschärften den Mangel. „Dazu zählen rigide Controlling-Vorgaben und aufwendige Dokumentationsprozesse, die aus unserer Sicht zu keiner erkennbaren Qualitätssteigerung führen“, sagt der Chirurg. Hinzu kämen fehlende Zukunftsperspektiven und attraktive Karrierewege für junge Mediziner. „All diese Faktoren fördern bei qualifizierten Chirurgen Frustration, Demotivation und letztlich Abwanderung“, kritisiert er. Das könne sich der Medizinstandort Deutschland angesichts des spürbaren Nachwuchsmangels in der Chirurgie nicht leisten. Die Chirurgie sei immer ein Fach, das besonderer Rahmenbedingungen bedürfe, so Pohlemann.