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Patientenbedürfnisse bei Zweitmeinung nicht berücksichtigt

Berlin – Patienten sollen einen Anspruch darauf haben, zur Klärung der Diagnose vor Operationen eine zweite ärztliche Meinung einzuholen. Dies soll im Versorgungsstärkungsgesetz erstmals verankert werden. Allerdings bezieht sich der Kabinettsentwurf in § 27b SGB V lediglich auf Erkrankungen, bei denen die „Gefahr einer Indikationsausweitung“ besteht. Ein Rückschritt – befinden Experten auf einer BKK-Fachtagung.

Dr. Ilona Köster-Steinebach„Die neue Regelung erfüllt weder die Patientenbedürfnisse noch die Regulierungsabsicht des Gesetzgebers“, sagt Dr. Ilona Köster-Steinebach vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Wenn der Anspruch auf Zweitmeinung nur bei Indikationen bestehe, die der Gefahr einer Mengenausweitung unterlägen, sei es unsicher, ob sie bei anderen Erkrankungen – wie Krebs oder Herzleiden – erlaubt sei. Das seien jedoch schwerwiegende Krankheiten, bei denen eine Zweitmeinung von Patienten besonders gewünscht werde. Köster-Steinebach fordert einen generellen Anspruch – unabhängig von der Indikation. Außerdem wüssten viele Versicherte nichts von ihrem Recht. Deswegen müssten Ärzte bei mengenanfälligen Leistungen gesetzlich dazu verpflichtet werden, ihre Patienten darüber zu informieren, sagt sie. „Die Krankenkassen brauchen keine gesetzliche Regelung“, betont Lars Greiner, Vorstand der BKK PwC. Sie seien innovativ genug, ein Zweitmeinungsverfahren auch ohne den Gesetzgeber in Gang zu bringen. Und auch Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands, konstatiert: „Die Einschränkungen in §27b führen dazu, dass die BKKen ihre Angebote zurückfahren müssten. Man macht hier eventuell in guter Absicht Dinge kaputt, die hervorragend funktionieren.“

Die BKK PwC bietet seit Januar 2014 spezielle Zeitmeinungsverfahren für einzelne Indikationen in Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern an, zum Beispiel für Krebserkrankungen. Mit dem Einverständnis der Patienten und unter Beachtung des Datenschutzes würden die Befunde an die Health Management Online (HMO) AG übermittelt, die in einem Tumorboard Diagnose und Therapieempfehlung überprüft. „Die ersten Erkenntnisse sind, dass ein großer Teil der Zweitmeinung erheblich von der Erstmeinung abweichen“, sagt Greiner. Besonders auffällig seien kleinere Kliniken im ländlichen Bereich.