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Zu viele Pflegeheimbewohner bekommen Psychopharmaka

Berlin (pag) – In Deutschland bekommt laut dem aktuellen AOK-Pflegereport jeder dritte Pflegeheimbewohner Psychopharmaka, die meisten von ihnen sind Demenzerkrankte. Das ist demnach auch der Fall, damit die Älteren „ruhig gestellt“ sind und somit den Pflegekräften weniger Arbeit machen.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) untersuchte systematisch die Einstellung der Pflegekräfte in den Einrichtungen zu Psychopharmaka-Verschreibungen. Als erstaunlich bezeichnen die Autoren, dass rund 85 Prozent der Pflegekräfte angeben, häufig oder gelegentlich bei Besuchen im Heim auf Ärzte einzuwirken, damit diese die Psychopharmaka verordnen. Anscheinend mit Erfolg: Denn 56 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen erhalten regelmäßig Psychopharmaka und häufig auch länger als ein Jahr. Dies sei mehr als in anderen europäischen Ländern, so die Autoren. Der Befragung unter 2500 Heimen zufolge halten knapp 82 Prozent der Pfleger die Menge dieser Verordnungen für angemessen und 4 Prozent sogar für zu niedrig.

Der Einsatz von Psychopharmaka bei alten Menschen sei aber auch aus anderen Gründen problematisch, erläutert Prof. Dr. Petra Thürmann von der Universität Witten/Herdecke, die an der Studie mitgewirkt hat: Viele der Mittel gelten laut ärztlichen Leitlinien als gefährlich für ältere Menschen. „Es existiert eine Diskrepanz zwischen den restriktiven Anwendungsempfehlungen dieser Medikamente und der tatsächlichen Verordnungshäufigkeit“, sagt Thürmann, die die internationale Studienlage dazu ausgewertet hat. Eine EU-weite Befragung kommt zu dem Ergebnis, dass im europäischen Vergleich in Deutschland auffällig oft die starken Medikamente an Heimbewohner mit Demenz verabreicht werden, und zwar „in Kenntnis der damit verbundenen Risiken“, urteilt Thürmann.

Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, fordert indes eine neue „Kultur“ des Pflegens. Dabei sollen nicht nur die Pflegenden in die Pflicht genommen werden, sondern vom Arzt bis hin zum Pflegeheimbetreiber seien alle in der Verantwortung, um für eine gute Pflege zu sorgen.