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25. Januar 2016

Medikationsplan: Datenaustausch kann Menschenleben retten

 
In Deutschland sterben mehr Menschen an Wechselwirkungen von Arzneimitteln als im Straßenverkehr: Während im Jahr 2014 bundesweit rund 3.400 Personen auf Deutschlands Straßen ums Leben kamen, fallen jährlich etwa 20.000 Menschen vermeidbaren Nebenwirkungen von Arzneimitteln zum Opfer, die oft durch Wechselwirkungen bedingt sind.

Olaf Lodbrok, (© Elsevier Health Analytics/M. Ebner)
Darauf weist Olaf Lodbrok, Geschäftsführer von Elsevier Health Analytics, hin. „Ein elektronischer Medikationsplan in Verbindung mit einem analytisch aufbereiteten Warnsystem zu potenziellen, schweren Arzneimittelinteraktionen, auf den alle den Patienten behandelnden Ärzte Zugriff haben, hilft uns derartige Todesfälle zu verhindern“, sagt er. Sein Unternehmen veranstaltet auf dem Jahreskongress des Bundesverbandes Managed Care (BMC) das Symposium „Auf dem Weg zum Medikationsplan 2.0 – Datenaustausch rettet Leben!“. „Die bisherige Situation ist eine Katastrophe“, unterstreicht auch Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorstandsvorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Sie sei eines Landes wie Deutschland unwürdig.

Recht auf Medikationsplan

Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, (© Elsevier Health Analytics/M. Ebner)
Die Bundesregierung hat einen ersten Schritt gemacht, um hieran etwas zu ändern: Im E-Health-Gesetz, das im Dezember verabschiedet wurde, hat sie das Recht auf einen Medikationsplan verankert. Ab Oktober 2016 haben Menschen, die drei oder mehr Arzneimittel einnehmen, einen Anspruch auf diese schriftliche Aufschlüsselung ihrer Medikation, erläutert Ludwig. Allerdings vorerst in Papierform – erst ab 2018 soll das Schriftstück elektronisch von der Gesundheitskarte abrufbar sein. „Ein Medikationsplan ist unverzichtbar“, ist der Ärztevertreter überzeugt. Mit ihm könnte ein Teil der unerwünschten Ereignisse durch Wechselwirkungen von Arzneimittel verhindert werden. 40 Prozent der Menschen über 65 Jahre würden fünf und mehr Medikamente pro Tag einnehmen. Dazu kämen häufig noch sogenannte OTC-(Over the Counter-)Präparate, die ohne Rezept in der Apotheker erworben werden können. Die Vielzahl an Medikamenten liege daran, dass viele Ältere mehrere Krankheiten gleichzeitig hätten und ihre behandelnden Fach- und Hausärzte nebeneinander verschiedene Mittel verordneten, so Ludwig. Wenn Menschen viele Arzneimittel einnähmen, könnte es schnell zu Fehlern kommen: Medikamente würden vergessen, verwechselt, falsch dosiert oder absichtlich nicht eingenommen. Bei älteren Patienten gingen rund zehn Prozent der Krankenhauseinweisungen auf Probleme bei der Multimedikation zurück. Ein Medikationsplan könnte hier helfen, den Überblick zu bewahren, sowohl für die Betroffenen selbst, als auch für behandelnden Ärzte oder pflegende Angehörige. Allerdings löse ein Medikationsplan auch nicht alle Probleme. Eine besondere Herausforderung sieht der Arzneimittelexperte darin, dass die medizinischen Leitlinien immer nur auf die Behandlung einer Erkrankung abzielen und Multimorbidität nicht berücksichtigen. Zudem sei das Wissen über die Wechselwirkungen verschiedener Wirkstoffe noch sehr gering.

Bisherige Warnsysteme mit vielen Fehlmeldungen

Prof. Dr. Walter Haefeli, Universitätsklinikum Heidelberg (© Elsevier Health Analytics/M. Ebner)
Um abzuschätzen, welche Wechselwirkungen bei Medikamenten auftreten können, brauchen Ärzte heute ein gut funktionierendes Warnsystem, sagt Prof. Dr. Walter E. Haefeli, Ärztlicher Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie des Universitätsklinikums Heidelberg. Wenn ein Patient zehn Medikamente einnimmt, gebe es 45 Möglichkeiten für Wechselwirkungen. Zwar existierten Datenbanken, die die Interaktionen der Arzneimittel aufzeigten. Aber: „Bei den heute verfügbaren Lösungen wird der Arzt mit zu vielen nicht relevanten Informationen überflutet“, erläutert Haefeli. Die Folge: Die Ärzte ignorierten die Meldungen. Deswegen müssten Wissensdatenbanken entwickelt werden, die nur die relevanten Risiken meldeten. Vielen dieser Gefahren könnte man begegnen, indem die betreffenden Medikamente zeitversetzt oder mit einer anderen Dosis eingenommen würden. Auf dem Medikationsplan sei genau zu verzeichnen, wann welches Arzneimittel eingenommen werde, der Patient müsse sich auch daran halten.

Was steht auf dem Medikationsplan?

Basisinformationen: Datum, Kontaktdaten des Erstellers, Patientenstammdaten

Informationen zum Arzneimittel: Wirkstoff, Arzneimittelname, Darreichungsform (ggf. Anwendungsart), Wirkstärke

Optionale Informationen für den Patienten: Relevante Anwendungs- und Einnahmehinweise, zusätzliche Hinweise zu Lagerung und Aufbewahrung

Optionale Informationen zur Therapie: Behandlungsgrund (für den Patienten verständlich), Therapiezeitraum, Bedarfsmedikation (ja/nein), Dosierschema

Der Medikationsplan ist als eine Maßnahme im Rahmen des Aktionsplans zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit vom Bundesministerium für Gesundheit entstanden. Der Plan wurde in einem fünfjährigen Diskussionsprozess mit diversen Organisationen von Ärzten, Patienten, Pflegern, Krankenkassen, Apothekern, IT-Experten und Industrievertretern entwickelt.
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Dekade gegen den Krebs – Programm – Ideen – Konzepte", am 19.02.2019 in Berlin
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Cover Das ist Krebs

"Das ist Krebs. Ein Buch für Kinder über die Krankheit Krebs" von Esther Tulodetzki
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