Design-Elememt

26. Oktober 2017

Weltthrombosetag

„Eine Thrombose sieht fast nie aus wie im Lehrbuch“

 
Die Behandlungsmöglichkeiten für Patienten, die eine Thrombose erleiden, sind gut – in diesem Punkt sind sich die Referenten beim Weltthrombosetag in Berlin einig. Das Problem: Häufig seien die Symptome schwer zu deuten, sodass es zu lange dauere, bis ein Arzt eine Verdachtsdiagnose stellt.

Prof. Rupert Bauersachs vom Gefäßzentrum Darmstadt (© pag/Fiolka)
Etwa 40.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an einer Lungenembolie – mehr als an AIDS, Tumoren und Verkehrsunfällen zusammen, berichtet Prof. Rupert Bauersachs vom Gefäßzentrum Darmstadt. Dennoch liege die Awareness gerade einmal bei 25 Prozent. „Wir müssen hier ein Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen“, mahnt der Angiologe. Und das schließt die Ärzte mit ein: Treffen bei einem Patienten Risikofaktoren wie ein Präparatewechsel bei der Anti-Baby-Pille, eine Operation oder ein Langstreckenflug auf akute Beschwerden, dann „müssen die Alarmglocken schrillen“, sagt Bauersachs.

Das ist leider viel zu häufig nicht der Fall, findet auch Prof. Bettina Kemkes-Matthes vom Universitätsklinikum Gießen. „Das Problem ist die Verdachtsdiagnose“, betont sie. „Eine Thrombose sieht fast nie aus wie im Lehrbuch.“ So verursache etwa eine Beckenvenenthrombose bei jungen Frauen oft Rückenschmerzen. „Die Betroffenen laufen wochenlang von Orthopäde zu Orthopäde, bis endlich ein Gefäßspezialist zurate gezogen wird.“ Dabei sei ein sofortiger Therapiestart dringend nötig, um eine Lungenembolie zu verhindern.

Erstversorgung ist mangelhaft

Dr. Jutta Schimmelpfennig von der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (© pag/Fiolka)
Doch selbst wenn den behandelnden Arzt der Verdacht beschleicht, es könne sich um eine Thrombose handeln, erhalten laut Dr. Jutta Schimmelpfennig von der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie lediglich 15 Prozent der Patienten umgehend die erforderliche Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten. Das sei „sehr bedenklich“, urteilt die Ärztin. Neben der mangelhaften Erstversorgung kritisiert sie auch einen erkennbaren Hang der Kollegen zur Überdiagnostik. „Wenn der Wells Score unter zwei liegt, ist keine Überweisung an einen Spezialisten nötig.“ Der Wells Score ist ein Punktesystem, das dazu dient, die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer tiefen Venenthrombose oder einer Lungenembolie abzuschätzen. Schimmelpfennig geht in diesem Zusammenhang von einem Einsparpotenzial von 30 bis 40 Prozent aus.

Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten verbessern

Über-, Unter- und Fehlversorgung sind auch für Dr. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), ein „großes Thema, und das wird es immer sein“. Es mache sie betroffen, dass „wir trotz der guten Versorgungssituation in Deutschland offenbar Qualitätsprobleme haben“. Aus ihrer Sicht sei es erforderlich, die interstrukturelle Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten zu stärken. Zu diesem Zweck eine verbindliche Qualitätsrichtlinie zu entwerfen, hält sie jedoch nicht für zielführend. „Das würde ein bürokratischer Elefant“, fürchtet sie. Um die Datenlage zu verbessern und das Langzeit-Outcome beurteilen zu können, schlägt die Gynäkologin den Aufbau eines Registers vor. Für die Finanzierung hat sie bereits eine Idee: „Reichen Sie doch einen Antrag beim Innovationsfonds ein“, fordert sie die Experten auf und mahnt zur Eile. „Nutzen Sie die Fördermöglichkeiten, die derzeit noch bestehen.“ Bis 2019 stellt der G-BA auf diesem Weg unter anderem insgesamt 75 Millionen Euro für Projekte in der Versorgungsforschung bereit. Ziel ist es laut Klakow-Franck, direkt den Versorgungsalltag zu verbessern. Ob der Fonds über 2019 hinaus verlängert wird, kann sie nicht eindeutig beantworten, zumindest „nicht in dieser Höhe“. Möglicherweise sei auch eine große Krankenkasse bereit, ein solches Register mitzutragen, spekuliert sie.

Prof. Stefan Spitzer von der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen (© pag/Fiolka)
Gar kein schlechter Plan, findet Prof. Stefan Spitzer von der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen. Die Kassen einzubinden, sei dabei jedoch unerlässlich. Sie hielten als einziger Player im System neutrale Daten bereit, die unmittelbar aus der Versorgungsrealität stammten und nicht von der Pharmaindustrie gesponsert seien. „Diesen Datenpool sollten wir nutzen“, so der Internist.
Digitorial

Literaturtipps
Cover Spork

"Gesundheit ist kein Zufall.'" von Peter Spork
weiter lesen

Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "11. Nationaler Qualitätskongress Gesundheit" vom 27.-28.11.2017 in Berlin
weiter lesen