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13. Juli 2018

Gedankenspiele für die Menschenwürde

 
Soll ein Psychopath Medikamente bekommen, damit er nicht mordet? Soll an Embryonen geforscht werden, um Mukoviszidose zu verhindern? Sollen Roboter in der Pflege eingesetzt werden? Mit diesen Fragen hat sich der Deutsche Ethikrat auf seiner jüngsten Tagung „Des Menschen Würde in unserer Hand – Herausforderungen durch neue Technologien“ in Berlin beschäftigt.

Prof. Reinhard Merkel (© Deutscher Ethikrat/Reiner Zensen)
Ein Blick in die nicht allzu ferne Zukunft: Auf dem Markt könnte es Mittel geben, nach deren Einnahme Eltern mehr Zuneigung für ihre Kinder empfinden. „Das wäre in bestimmten Kontexten in einem hohen Maße wünschenswert“, findet Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg und Mitglied des Deutschen Ethikrates. Aber: „Sollte man das bei Rabeneltern auch erzwingen dürfen, bevor man ihnen die Kinder wegnimmt?“, fragt er auf der Tagung. Ein anderes Beispiel: Soll man in das Hirn eines psychopathischen Gewalttäters eingreifen, um beispielsweise einen Mord zu verhindern? Entscheiden sich die Menschen freiwillig dafür, hat Merkel in beiden genannten Fällen keine Probleme damit. Aber unter Zwang? „Ich meine Nein“, sagt er. Solche Fragen liefern künftig wohl weiteren Diskussionsstoff.

Eingriffe in das Genom

Stephan Kruip (© Deutscher Ethikrat/Reiner Zensen)
Diskussionsstoff wird es vielleicht auch in der Mukoviszidose-Forschung geben. „Das Gen trägt jeder 20. Mensch in Deutschland“, teilt Ethikrat-Mitglied Stephan Kruip, der selbst mit der Krankheit lebt, mit. Er lädt zu einem „Gedankenexperiment“ ein. Sollen Keimbahneingriffe an den Samenzellen des Mannes möglich werden, um diese Stoffwechselkrankheit zu verhindern? Diese Frage an sich wirft Folgefragen auf, zum Beispiel: Wie sicher ist die Methode? Das Risiko sei noch weitgehend unbestimmt, hält Kruip fest. Und die Krankheit könne auch nur für wenige Generationen verhindert werden. Ein „dauerhaftes Herausnehmen des Gens aus der Familie“ sei nicht möglich. Und ein ganz wichtiger Punkt: Die Behandlungsmethode greife in den Lebensschutz von Embryonen ein.

Die Frage nach dem Für und Wider bewegt sich letztendlich zwischen zwei Polen, wie Kruip ausführt: Die Aussage „Genetische Verbesserung (Enhancement) reduziert das zukünftige Kind auf sein Genom, das Kind wird für die elterlichen Wünsche instrumentalisiert“ steht der Aussage „Ein Keimbahneingriff aus altruistischer Absicht der Eltern, dem Kind ein schweres Erbleiden zu ersparen, verletzt die Menschenwürde nicht“ gegenüber. Kruip fordert deswegen: „Wir brauchen den ethischen Diskurs.“

Einfluss der Künstlichen Intelligenz

Prof. Thomas Dietterich (© Deutscher Ethikrat/Reiner Zensen)
Was spricht eigentlich gegen Roboter in der Altenpflege oder bei der Unterstützung von Kindern mit Autismus? Stärken sie vielleicht sogar die menschliche Würde? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Thomas G. Dietterich, Informatiker und emeritierter Professor an der US-amerikanischen Oregon State University. Roboter ermöglichen pflegebedürftigen Senioren ein gewisses Maß an Teilhabe und helfen gegen Vereinsamung. Forscher haben herausgefunden, dass Kinder mit Autismus besser auf Roboter ansprechen als auf Menschen. Doch die Nachteile liegen auf der Hand: Computer und Roboter können selbstverständlich keine menschlichen, subjektiven Erfahrungen weitergeben, betont der Professor. Ihr Einfühlungsvermögen sei „Täuschung.“

Menschenwürde als „Leitorientierung“

Prof. Peter Dabrock (© Deutscher Ethikrat/Reiner Zensen)
Menschenwürde sollte als „Leitorientierung“ in der Auseinandersetzung mit technologischen Errungenschaften dienen, meint Prof. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Aber auch sie selbst müsse sich weiterentwickeln – schon jetzt handele es sich um einen schwammigen Begriff –, damit „wir mit den Technologien umgehen können, dass sie dem Menschen, den Menschen, der Gesellschaft dienen und wir nicht ihre Knechte werden“.
In diesem Zusammenhang wirft Bundestagspräsident und Tagungsredner Wolfgang Schäuble die Frage auf, die noch ein bisschen nach Science Fiction klingt. Noch. „Können Algorithmen, also menschengemachte Apparate – so perfekt sie auch sein mögen –, uns Menschen am Ende überflüssig machen?“ Manipulierbar seien aber beide: Mensch und Maschine.

Jubiläumstagung
Der Deutsche Ethikrat existiert seit zehn Jahren. Die Jubiläumstagung „Des Menschen Würde in unserer Hand – Herausforderungen durch neue Technologien“ steht vor folgendem Hintergrund, wie der Vorsitzende Prof. Peter Dabrok ausführt: „Die Berufung auf die Menschenwürde prägt das deutsche Gemeinwesen, aber auch die Europäische Union. Im Gespräch mit der Öffentlichkeit und internationalen Gästen wollen wir prüfen, ob diese Berufung trägt und Orientierung bietet, wenn neue Technologien menschliches Selbstverständnis grundlegend herausfordern.“ Zu den Referenten gehört auch der renommierte israelische Historiker Yucal Noah Harari. Seiner Meinung nach zählen Biotechnologie und Informationstechnologie in ihrem Zusammenspiel, welches er als „doppelte Revolution“ bezeichnet, zur wahrscheinlich größten Herausforderung im 21. Jahrhundert. Sie könnten die menschliche Ethik in ihren Grundfesten erschüttern.
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: Von der Qualitäts- zur Patientensicherheitsoffensive am 16.08.2018 in Berlin
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Digitorial

Literaturtipps
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"Gesundheit ist kein Zufall" von Spork Peter
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