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27. Februar 2018

Gesundheitsinformationen verstehen und anwenden

 
Experten aus Wissenschaft und Praxis haben einen „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ vorgelegt. 15 konkrete Einzelmaßnahmen sollen das Gesundheitssystem nutzerfreundlicher gestalten und die Gesundheitskompetenz des Einzelnen fördern, so die Autoren bei Überreichung des Plans an Bundesgesundheitsminister Gröhe.

„Mit dem Nationalen Aktionsplan gibt es nun einen wissenschaftlichen Leitfaden, der zeigt, wie die Gesundheitskompetenz in unserem Land bei der Bildung, Ernährung und Arbeit, aber auch durch einen verständlicheren Austausch zwischen Arzt und Patient gestärkt werden kann“, lobt Hermann Gröhe die Initiative.

Prof. Doris Schaeffer und Prof. Ullrich Bauer von der Universität Bielefeld, Prof. Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance sowie Dr. Kai Kolpatzik vom AOK-Bundesverband haben mit ihrem Werk auf eine Studie aus dem vergangenen Jahr reagiert, nach der es 54 Prozent der Menschen in Deutschland schwerfällt, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen und angemessen mit ihnen umzugehen. Eine steigende Lebenserwartung, die Zunahme chronischer Erkrankungen, ein sehr komplexes Gesundheitssystem und die digitale Informationsflut ließen die Anforderungen an die Gesundheitskompetenz der Menschen immer weiter ansteigen, so die Analyse. Notwendig sei ein Programm, mit dem die Gesundheitskompetenz verbessert werden könne. „Besonderen Handlungsbedarf gibt es bei Menschen mit geringerem Bildungsniveau, Älteren, chronisch Kranken und Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt Schaeffer. Für den Staat biete ein konsequent umgesetztes Förderkonzept zudem erhebliches Einsparpotenzial: Auf bis zu 15 Milliarden Euro im Jahr beziffern die Experten die Mehrausgaben, die durch unzureichende Gesundheitskompetenz in Deutschland entstehen.

Maßnahmen setzen in vier Handlungsfelder an

Um das Wissen in Sachen Gesundheit zu stärken, sei ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz und ein systematisches Vorgehen erforderlich, so die Autoren. Sie konzentrieren sich auf vier Handlungsfelder für die sie insgesamt 15 Empfehlungen aussprechen (siehe Info-Box am Ende des Textes). Die Förderung der Gesundheitskompetenz muss nach Vorstellung der Experten so früh wie möglich im Lebenslauf beginnen. „Systematische Angebote sollte es bereits in Kita und Schule, aber auch am Arbeitsplatz bzw. im beruflichen Kontext sowie im Wohnumfeld und den Kommunen geben“, sagt der Soziologe Hurrelmann. Beispiele für die Umsetzung fänden sich in Australien, Großbritannien und den USA. Ihrem Vorbild folgend sollten auch in Deutschland die Medien und die Konsumgüterhersteller als Akteure in die Pflicht genommen werden, letztere zum Beispiel durch klare Kennzeichnungspflichten wie die Lebensmittelampel und durch ein Verbot an Kindern gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel.

Medien: Informationsflut erschwert Orientierung

Zwar stehen heute so viele Informationen zu Gesundheitsthemen wie noch nie zur Verfügung, doch scheint dies die Orientierung für viele Nutzer eher zu erschweren. „Was wir brauchen sind evidenzbasierte, transparente und laienverständliche Gesundheitsinformationen, aber auch Akteure im Gesundheitswesen, die das vermitteln können“, so der AOK-Präventionsexperte Kai Kolpatzik. Laut dem Aktionsplan soll Gesundheitskompetenz als Standard auf allen Ebenen des Gesundheitssystems verankert werden. Konkrete Empfehlungen betreffen den Abbau komplexer administrativer Prozesse im Gesundheitssystem sowie die gezielte Unterstützung von Ärzten und Pflegepersonal dabei, mit Patienten verständlich zu kommunizieren. Das gesamte System müsse einen Paradigmenwechsel vollziehen und sich im Vorsorge-, Behandlungs- und Versorgungsprozess an den Patienten ausrichten, so die Experten. Weitere Aktionsfelder betreffen chronisch kranke Menschen, die lebenslang kompetent mit ihrer Krankheit umgehen müssen, sowie den systematischen Ausbau der Forschung zum Thema Gesundheitskompetenz, ohne die ein Fortschritt auf diesem Gebiet nicht denkbar ist.

BAG Selbsthilfe lobt den Plan

Patientenvertreter begrüßen den Aktionsplan, der sowohl die Förderung der Selbsthilfe als auch die besondere Berücksichtigung von chronisch Kranken thematisiert. „Wir befürworten die Umsetzung des Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz ausdrücklich, denn er sieht eine bessere Unterstützung chronisch kranker Menschen im Umgang mit gesundheitlichen Fragen und mit dem Gesundheitssystem vor“, sagt Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe.

Der Aktionsplan steht unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministers und wurde von der Robert Bosch Stiftung und dem AOK-Bundesverband gefördert.

Handlungsfeld 1: Lebenswelten
1. Das Erziehungs- und Bildungssystem in die Lage versetzen, die Förderung von Gesundheitskompetenz so früh wie möglich im Lebenslauf zu beginnen
2. Die Gesundheitskompetenz im Beruf und am Arbeitsplatz fördern
3. Die Gesundheitskompetenz im Umgang mit Konsum- und Ernährungsangeboten stärken
4. Den Umgang mit Gesundheitsinformationen in den Medien erleichtern
5. Die Kommunen befähigen, in den Wohnumfeldern die Gesundheitskompetenz ihrer Bewohner zu stärken

Handlungsfeld 2: Gesundheitssystem
6. Gesundheitskompetenz als Standard auf allen Ebenen im Gesundheitssystem verankern
7. Die Navigation im Gesundheitssystem erleichtern, Transparenz erhöhen und administrative Hürden abbauen
8. Die Kommunikation zwischen den Gesundheitsprofessionen und Nutzern verständlich und wirksam gestalten
9. Gesundheitsinformationen nutzerfreundlicher gestalten
10. Die Partizipation von Patienten erleichtern und stärken

Handlungsfeld 3: chronische Erkrankungen
11. Gesundheitskompetenz in die Versorgung von Menschen mit chronischer Erkrankung integrieren
12. Einen gesundheitskompetenten Umgang mit dem Krankheitsgeschehen und seinen Folgen ermöglichen und unterstützen
13. Fähigkeit zum Selbstmanagement von Menschen mit chronischer Erkrankung und ihren Familien stärken
14. Gesundheitskompetenz zur Bewältigung des Alltags mit chronischer Erkrankung fördern

Handlungsfeld 4: Forschung
15. Die Forschung zur Gesundheitskompetenz ausbauen




Weitere Informationen:

Der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz ist unter folgendem Link abrufbar: http://aok-bv.de/imperia/md/aokbv/gesundheitskompetenz/nag_broschuere_web_020218.pdf
Terminhinweise

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zum Beispiel: "Gesundheit und Krankheit im transkulturellen Kontext", am 18.12.2018 in Köln
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