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17. Mai 2017

Patientenkommunikation: „Darüber müssen wir reden“

 
Gute Arzt-Patienten-Gespräche führen zu besseren Behandlungsergebnissen. Demzufolge gefährdet eine unzureichende Kommunikation die Patientensicherheit. Doch wie gelingen Gespräche im Gesundheitswesen zu beider Zufriedenheit? Und was kann die Kommunikation verbessern? Darüber diskutiert das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) auf seiner Jahrestagung am 4. und 5. Mai.

Hedwig François-Kettner, Vorsitzende des APS (© pag/Fiolka)
Nicht nur Arzt-Patienten-Gespräche, sondern auch der Austausch zwischen Ärzten und Pflegenden spielt im Gesundheitswesen eine wichtige Rolle. „Alle Mitarbeiter in Gesundheitseinrichtungen – und insbesondere diejenigen auf der Führungsebene – tragen die Verantwortung für eine gute Sicherheitskultur in der Patientenversorgung“, sagt Hedwig François-Kettner, Vorsitzende des APS. „Dazu gehört auch eine Atmosphäre, in der angstfrei gesprochen werden kann.“ Es sei wichtig, in jeder Hierarchie kritische Themen und Schwachstellen benennen zu können. Mit der Jahrestagung solle ein Beitrag zu einer gelungenen Sicherheitskultur in den Gesundheitseinrichtungen geleistet werden.

Leitsätze für mehr Patientensicherheit

Das APS habe das Ziel, alle Akteure im Gesundheitswesen in eine „Verstetigung zu hoher Patientensicherheit einzubinden“, betont die Vorsitzende. Gelingen soll das mit sogenannten Leitsätzen – François-Kettner bezeichnet diese als die „zehn Gebote“ –, die momentan von einer Arbeitsgruppe des APS formuliert werden und in Kürze herausgegeben werden sollen. Als Beispielthemen führt sie die Bedeutung und Verantwortung von Führungskräften in Kliniken sowie die Etablierung von Kommunikationstrainings für alle medizinischen Berufe auf. Auch ein Fehlermeldungssystem müsse Eingang in Kliniken und Praxen finden: „Wenn Fehler passieren, muss kontinuierlich darüber gesprochen werden, damit diese in Zukunft vermieden werden können“, sagt François-Kettner.

Kultur des Zuhörens

Staatssekretär Lutz Stroppe (© pag/Fiolka)
In seiner Begrüßungsrede zur Jahrestagung betont der Staatsekretär im Bundesgesundheitsministerium, Lutz Stroppe, die Bedeutung der Kommunikation für die Patientensicherheit. Sie müsse weiter ausgebaut werden, und zwar auf verschiedenen Ebenen: zwischen Arzt und Patienten, aber vor allem auch an den Schnittstellen zwischen den Hierarchien, den verschiedenen Berufsgruppen und den Sektoren. An die Ärzte appelliert er, eine Kultur des Zuhörens zu entwickeln. „Sie müssen offen kommunizieren, den Patienten im Blick haben und wissen, was angemessen ist im Umgang mit genau diesem Menschen“, sagt Stroppe. Das müsse gelernt werden. In Modellstudiengängen werde gegenwärtig getestet, wie die Kommunikation in der Ausbildung trainiert werden könnte. Allerdings müssten auch die Patienten mit in die Verantwortung genommen werden. Studien hätten jedoch gezeigt, dass 54 Prozent der Bevölkerung eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz habe. Damit Betroffene in die Lage versetzt würden, eine fundierte Entscheidung zu ihrer Therapie zu treffen, bräuchten sie evidenzbasierte Informationen. Deswegen lasse die Bundesregierung gegenwärtig prüfen, wie eine solide Informationsplattform zu Gesundheitsfragen aussehen müsste, die die Patientenkompetenz erhöhen kann.

„Speak up“ – Patienten sollen am Ball bleiben

Hardy Müller, Geschäftsführer des APS (© pag/Fiolka)
Die Ansprache von Problemen, Bedenken und Meinungen, um damit bestimmte Situationen zu verbessern, wird international als „Speak up“ bezeichnet. „Speak up zwischen Patient und Arzt führt zu mehr Patientensicherheit“, ist sich Hardy Müller, Geschäftsführer des APS, sicher. Daher greife das Aktionsbündnis auch auf dieses Konzept zurück und muntert Patienten auf, mit ihrem Arzt solange zu kommunizieren, bis sie sich sicher seien, alles Wichtige für ihre Therapie verstanden zu haben. Unter den Behandlern sei Speak up ein wichtiges Instrument zum Ausbau der Patientensicherheit. Dies bedeute, Kollegen oder Vorgesetzte anzusprechen, falls Sicherheitsbedenken bestünden, um damit Risiken abzuwenden. „Es geht darum, auch über Berufsgruppen und Hierarchieebenen hinweg Bedenken zu äußern, Hinweise zu geben, Ideen und Vorschläge zu unterbreiten, um Gefahren zu vermeiden“, sagt Müller.

Kommunikationsfehler vermeiden

„Eine sichere Kommunikation ist das Vehikel für eine sichere Patientenversorgung“, betont Prof. PhD Annegret Hannawa von der Universität Lugano (Schweiz). Fehler in der Kommunikation seien für rund 80 Prozent der Schadensfälle in der Gesundheitsversorgung verantwortlich. Weltweit gebe es zwischen sechs und 18 Millionen Schadensfälle pro Jahr, die auf Kommunikationsfehler zurückzuführen seien. Die Kosten dafür betrügen 20 bis 65 Milliarden Euro. Laut Hannawa ließe sich ein Großteil von ihnen vermeiden, wenn die Beteiligten einige Regeln beachteten: Kommt die Menge der Botschaften, die ich vermitteln will, auch an? Werden sie richtig vermittelt? Sind sie klar und eindeutig? Passen sie in den Kontext? Entsprechen sie den Bedürfnissen und Erwartungen des Gegenübers? Eine effektive Fehlerreduktion ist aus Sicht der Kommunikationsexpertin dringend notwendig. Hannawa empfiehlt, alle Beteiligten im Gesundheitswesen durch spezielle Trainings in Kommunikation zu schulen. „Wir müssen nicht in die Strukturen, sondern in die Menschen investieren“, sagt sie.

Initiative für Rezeptqualität mit Preis für Patientensicherheit ausgezeichnet
Am Universitätsklinikum Heidelberg werden rund 250.000 Rezepte pro Jahr ausgestellt. Um die formale Qualität zu verbessern, hat das Klinikum vor fünf Jahren eine Initiative ins Leben gerufen. „Im Zentrum stand die Einführung eines Rezeptmonitors – also einer zentralen Koordinationsstelle, über die Beschlüsse des Klinikvorstands in die Breite des Klinikums getragen werden können“, erläutert Dr. Hanna Seidling, Leiterin der Kooperationseinheit Klinische Pharmazie der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie. Einrichtungen, die die Umsetzung der Initiative unterstützen können, unter anderem das Zentrum für Informations- und Medizintechnik sowie die Klinikapotheke, wurden mit den Entwicklern der Rechtschreibesoftware vernetzt. Zudem stellt der Rezeptmonitor die kontinuierliche Vor-Ort-Betreuung und Schulungen in den einzelnen Ambulanzen sicher. Durch diese Maßnahmen ist die Qualität der Rezepte erheblich erhöht worden, wie die Auswertungen zeigten. Während 2012 die Quote der Rückfragen von Apotheken noch bei 23 Prozent lag, betrug sie 2013 8,6 Prozent und 2015 nur noch 4,1 Prozent. Das APS würdigt die Initiative als Sieger des Deutschen Preises für Patientensicherheit 2017.
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Dekade gegen den Krebs – Programm – Ideen – Konzepte", am 19.02.2019 in Berlin
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Digitorial

Literaturtipps
Cover Das ist Krebs

"Das ist Krebs. Ein Buch für Kinder über die Krankheit Krebs" von Esther Tulodetzki
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