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13. März 2018

„Research on Stage“: Bühne frei für Gesichter der Pharmaforschung

 
Warum Forschung die beste Medizin ist, kann niemand so gut erklären wie die Forscherinnen und Forscher selbst. Einen besonderen Anlass hierfür bot die Veranstaltung „Research on Stage“: acht Geschichten – acht Gesichter.

Mit ihren persönlichen Geschichten berichteten acht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf großer Bühne über ihre persönlichen Wege, emotionale Momente und die Motivation hinter ihrer Arbeit. Auf www.research-on-stage.de gibt es die packenden Geschichten des Abends als Videos und neben Fotos und Hintergründen auch fortlaufend weitere Einblicke in die Welt der Pharma-Forschung. Persönlich erzählt wird Wissenschaft hier lebendig.

Forschung für Ebola

Dr. Nkacheh Atenchong, MSD – Burgwedel Biotech GmbH (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Dr. Nkacheh Atenchonghat erste Bezüge zur Biologie schon als Kind in seinem Heimatland Kamerun bekommen, als er seine Mutter bei der Arbeit in ihrem kleinen Labor beobachtete. Und er lernte schon früh Patienten mit ihren verschiedensten Krankheiten kennen, sah sie leiden und sterben. Für ihn war klar: „Wenn ich die Chance bekomme, werde ich an Infektionskrankheiten forschen.“ Mit 17 Jahren kam er nach Deutschland, studierte zunächst Mikrobiologie in Oldenburg, widmete sich vor allem den vernachlässigten Tropenkrankheiten und promovierte an der Medizinischen Hochschule Hannover über Ebola. Viele wunderten sich damals über die Wahl seines Schwerpunktes. Doch das änderte sich mit dem Ebola-Ausbruch von 2014/2015. „Auf einmal war mein Thema sehr interessant“, erinnert Nkacheh Atenchong sich. 2015 wechselte er zum Pharma-Unternehmen MSD und ist dort in der weltweit ersten Produktionsstätte eines Ebola-Impfstoffs für die Qualitätssicherung zuständig.
Atenchong: „Forschung lohnt sich! Irgendwann kommt der Tag, an dem jede Erkenntnis zählt.“
Weil er oft gefragt wurde, an was er arbeitet, hat er ein anschauliches Modell entwickelt, das die ungefährliche Transformation des Ebola-Erregers in einen Impfstoff zu erklären hilft. Dies demonstriert er den Kollegen und Besuchern des Unternehmens. Nkacheh Atenchong ist mit dem Modell auch schon in Schulen gegangen und hat die Schüler darüber informiert, wie ein Impfstoff funktioniert.

Wie interagieren Proteine?

Dr. Gitte Neubauer, Cellzome, a GSK Company (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Dr. Gitte Neubauer machte nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Technischen Assistentin. Schnell war klar, dass sie mehr wollte – sie holte das Abitur nach und studierte Biochemie. Ihre Motivation: Verstehen wie das Leben funktioniert, und zwar im Kleinen. „Man macht einen Organismus auf und sieht die Organe. Man macht die Organe auf und sieht die Zellen. Und dann macht man die Zellen auf und versteht, wie sie funktionieren und welche Prozesse da ablaufen. Das finde ich klasse!“ Im Anschluss folgte die Promotion zum Thema Proteine und im Jahr 2000 zusammen mit Kollegen die Gründung des Biotechnologie-Unternehmen Cellzome. „Das Schönste daran: Ich konnte das, was ich in meiner Doktorarbeit erforscht habe, zur Anwendung bringen.“
Neubauer: „Ich werfe meinen Angelhaken in die Proteinsuppe – solange, bis ich den richtigen Fisch gefangen habe.“
Ihre tagtägliche Beschäftigung bezeichnet Gitte Neubauer als „Angeln“: „Stellen Sie sich vor, die Zelle ist ein See mit 10.000 bis 20.000 Proteinen-Fischen und ich schmeiße meinen Köder, den Wirkstoff, rein und dann gucke ich, was da dranhängt.“ Über das Angeln kann sie sehen, wie der Wirkstoff interagiert und welche Reaktionen auf molekularer Ebene stattfinden. Mit der Methode lassen sich präzisere Wirkstoffe für Erkrankungen entwickeln und das potenzielle Risiko für Neben- und Wechselwirkungen verringern. Cellzome, das 2012 von GlaxoSmithKline (GSK) übernommen wurde, ist heute führend in der Chemoproteomik. Gitte Neubauer ist vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem EU-Innovationspreis für Frauen.

Jahrelanger Kampf gegen HIV

Prof. Dr. Jan van Lunzen, ViiV Healthcare (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Schon in den frühen 1980er-Jahren begegneten dem damaligen Medizinstudenten Jan van Lunzen bei einer Famulatur in Kenia Fälle einer Krankheit namens „slim disease“. Tatsächlich hatte man es mit HIV-Infizierten zu tun, ohne dass die Diagnose bekannt war. „Viele Patienten konnten damals nicht behandelt werden, weil wir nicht die richtigen Werkzeuge hatten“, erinnert sich der Professor, der heute mit über 25 Jahren Behandlungserfahrung als einer der führenden HIV-Spezialisten Deutschlands gilt. „Wir konnten nur das Siechtum mildern.“ Nach dem Studium beschäftigte sich er sich am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) weiter mit der Viruskrankheit. Aber auch dort war es ein „Kämpfen gegen einen übermächtigen Gegner“. 1987 kam das erste Medikament gegen HIV auf den Markt, aber: „Wir wurden enttäuscht – das Virus wurde sehr schnell resistent.“ Trotz der Ernüchterung forschte Jan van Lunzen intensiv weiter. In der Zusammenarbeit mit Patientenvertretern, der Pharma-Industrie, Ärzten, Gesundheitswissenschaftlern und Politikern versuchte man, neue Wege zu gehen. Mitte der 1990er Jahre kam der Durchbruch: Die Lösung war, drei verschiedene Medikamenten zu kombinieren. „Damals mussten die Patienten 25 bis 30 Tabletten am Tag nehmen“, berichtet Jan van Lunzen. „Heute reicht im besten Fall eine einzige Tablette.“
van Lunzen: „Bis 2030 wollen wir HIV-Forscher, dass unser Feld Geschichte ist."
Die Patienten können zwar nicht geheilt werden, aber das Virus wird so wirksam unterrückt, dass Infizierte nicht nur selber gesund bleiben, sondern auch das Virus nicht weitergeben. HIV-infizierte Mütter können heute gesunde Kinder zur Welt bringen. „Der Weg ist noch nicht zu Ende. Irgendwann wollen wir die Krankheit heilen können. Dabei möchte ich mein Wissen weiter einbringen.“ Nach zwanzig Jahren am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, in denen seine Arbeit von der Paul-Ehrlich-Gesellschaft ausgezeichnet wurde, ist er heute Global Medical Director bei ViiV Healthcare.

Ist eine dauerhafte Gewichtsreduktion möglich?

Dr. Christine Mössinger, Sanofi (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Diabetes, Übergewicht und Fettstoffwechsel sind Themen, die Dr. Christine Mössinger als Forscherin beschäftigen. „Warum ist es so schwer abzunehmen und sein Körpergewicht dann zu halten?“, fragt sie. Seit 2017 untersucht die promovierte Biologin bei Sanofi als Laborleiterin, wie sich größere Mengen an Gewicht reduzieren lassen und wie das reduzierte Gewicht dann auch längerfristig gehalten werden kann. Übergewicht sei nicht nur eine ästhetische Frage, sagt die Wissenschaftlerin, sondern die überschüssigen Kilos könnten viele Leiden wie Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Folge haben. Bisher sei die beste Möglichkeit für eine dauerhafte Gewichtsreduktion die operative Magenverkleinerung. „Die Technik ist extrem invasiv und kann nur als allerletzte Option eingesetzt werden“, sagt Mössinger. Kurzfristige Diäten nützen nichts: Der Körper merkt, wenn die Kalorienzufuhr reduziert wird, und schaltet in eine Art Energiesparmodus. Ein Ansatz für eine dauerhafte Gewichtsreduktion sind die verschiedenen Arten von Fettzellen.
Mössinger: „Das Leben zeigt uns Lösungen, man muss sie nur kreativ nutzen.“
Manche von ihnen können besser Glukose und Fette verbrennen und Wärme erzeugen als andere. Diese müssten vermehrt und gezielt dazu genutzt werden, den Energieumsatz im Körper hochzuhalten – auch bei verminderter Kalorienzufuhr während einer Diät, erläutert Christine Mössinger. „Mir ist es ein Anliegen, Menschen mit Übergewicht eine weniger invasive Alternative anbieten zu können und ich hoffe, mit meiner Forschung die Entwicklung von Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern und Menschen bei ihrem Kampf gegen die Pfunde zu unterstützen.“

Erfolg nach Jahren des Forschens

Dr. Volker Teichgräber, Roche (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Die Liebe zu Science-Fiction begleitet Dr. Volker Teichgräber bereits sein ganzes Leben. Da es Kybernetik nicht als Studiengang gab, entschied er sich für die Medizin. Zu seinem Forschungsschwerpunkt wurden das Immunsystem und insbesondere die T-Zellen. Letztere können erkrankte Zellen im Körper erkennen und abtöten. Sein Doktorvater hatte die Vision, diese Zellen so gezielt zu manipulieren, dass sie Krebs bekämpfen können. Volker Teichgräber, der am Westdeutschen Tumorzentrum Essen und am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg klinisch tätig war, gehörte zu einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, die sich diesem Ziel über Jahre verschrieben haben. Ende der 2000er Jahre kam dann der Durchbruch: Sie übertrugen Mechanismen von Infektionskrankheiten in die Onkologie und identifizierten Klassen von Proteinen, die die T-Zellen gegen Krebs mobilisieren können. „Das war das Aha-Erlebnis und hat mir wahnsinnig viel zurückgegeben“, sagt er. „Man muss am Ball bleiben und forschen, um aus der Fiktion eine Realität zu machen.“
Teichgräber: „Zuerst waren wir nur ein kleiner, verrückter Haufen – eine Zelle von ‚True Believers‘.“
Der „Diamant“ für die Krebstherapie müsse jetzt noch geschliffen werden. Ein Baustein sei identifiziert, es seien aber noch fünf oder sechs weitere nötig, um künftig eine Krebskontrolle zu ermöglichen. Als Translational Medicine Leader arbeitet Volker Teichgräber heute bei Roche daran, die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in neue Therapiekonzepte zu übersetzen und Patienten zum ersten Mal damit zu behandeln. Seine Vision: „Damit wollen wir den Krebs der Vergangenheit angehören lassen.“

Hilfsmittel für eine wirksame Therapie

Dr. Christian Ried, AbbVie Deutschland (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Als einen Vergleich zur Forschung zieht Dr. Christian Ried den Stabhochsprung heran. Es brauche gute Hilfsmittel, um hohe Hürden zu überspringen. „Wir haben viele Barrieren, die unseren Körper schützen sollen“, erklärt der Wissenschaftler. So auch die Blut-Hirn-Schranke, die bewirkt, dass schädliche Substanzen aus dem Blutstrom keinen Schaden im Gehirn anrichten. Unter bestimmten Bedingungen kann dies jedoch ein Nachteil sein: Will man Arzneimittel entwickeln, die gezielt im zentralen Nervensystem wirken, etwa zur Behandlung Multipler Sklerose und Alzheimer, stellt die Überwindung dieser Schranke eine große Herausforderung dar. Die meisten Wirkstoffe erscheinen der Barriere als Fremdkörper und werden nicht durchgelassen. „Deswegen suchen Forscher nach Transportsystemen, die die Wirkstoffe dorthin bringen, wo sie hinsollen“, sagt Christian Ried. Als Senior Scientist beim forschenden Pharma-Unternehmen AbbVie Deutschland arbeitete auch er an einer Lösung. Eine Möglichkeit sind Nanopartikel, die mit dem Wirkstoff beladen und von der Blut-Hirn-Schranke als „eigen“ eingestuft werden. Seit Jahrzehnten wurde bereits an der Idee geforscht, aber der Durchbruch ließ auf sich warten. Christian Ried versuchte es weiter und hatte zuerst auch Erfolg – aber in einem komplexeren Modell scheiterte er wieder. „Jetzt erst recht“, sagte sich der junge Forscher, versuchte es weiter und fand die Ursache für die Fehlschläge.
Ried: „Manchmal muss man die Natur austricksen.“
„Mit einem kleinen Kniff konnte ich die Partikel wieder dazu bringen, über die Barriere zu springen“, sagt er. Allerdings: Die Blut-Hirn-Schranke ist nur eine Herausforderung bei der Behandlung von Erkrankungen des Gehirns. „Wir können jetzt unseren Wirkstoffen unsere Nanopartikel an die Hand geben“, sagt Christian Ried. „Aber wie beim Zehnkampf müssen Sie nicht nur eine, sondern viele verschiedene Disziplinen können.“

Von der Schädlingsbekämpfung zu Krebsmedikamenten

Dr. Charlotte Christine Kopitz, Bayer (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Schon als Kind suchte Dr. Charlotte Christine Kopitz die intellektuelle Herausforderung – und fand sie zunächst im Puzzlespiel. Später galt ihre Faszination den Naturwissenschaften. Sie studierte Biologie mit dem Schwerpunkt Zoologie und widmete sich dem Feld der natürlichen Schädlingsbekämpfung. Dabei beschäftigte sie sich mit Enzymen, die Proteine abbauen, den sogenannten Proteasen. Sie stellte fest, dass diese nicht nur bei Insekten, sondern bei jeder menschlichen Erkrankung eine Rolle spielen. Sie beschloss, in die medizinische Grundlagenforschung zu wechseln und promovierte 2005 am Institut für Experimentelle Onkologie und Therapieforschung der TU München. Sie hat dabei viel über das Forscherdasein gelernt: Jede Hypothese, die nicht aufgeht, führt zu einer neuen Hypothese. „Das Puzzle fliegt nicht in die Ecke, sondern es wird größer, und mit ihm das Verständnis über die Erkrankung“, sagt Charlotte Kopitz.
Kopitz: „Als Erwachsener vergisst man völlig, wie oft man als Kind ein Puzzle aus Frust auf den Boden geworfen hat.“
Doch die Biologin wollte mehr als Grundlagenforschung, sie wollte direkt an der Entwicklung von Medikamenten beteiligt sein. Heute arbeitet sie als Senior Scientist bei Bayer und entwickelt gemeinsam mit Kollegen neuartige Krebstherapien. Hierbei standen zunächst Antikörper-basierte Ansätze im Zentrum ihrer Arbeit, gegenwärtig ist es die Anwendung kleiner Moleküle zur zielgerichteten Behandlung von Krebserkrankungen: Das Ziel ist es, den Tumoren entscheidende Puzzlestücke wegzunehmen, die sie zum Überleben brauchen.

Weitermachen – auch nach einem Rückschlag

Prof. Dr. med. Steven Hildemann, Merck KGaA (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Prof. Dr. Steven Hildemann begann seine Karriere als Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie am Uniklinikum München. Schon früh begleitete er klinische Studien in Kooperation mit der biopharmazeutischen Industrie. Den Anfang machte ein Medikament, mit dem Herzinfarkte verhindert werden können. Später wechselte Steven Hildemann zur Onkologie und zu Autoimmunerkrankungen. „Beide Gebiete haben gemeinsam, dass in den letzten Jahren durch hochspezifische Eingriffe in das Immunsystem des Menschen dramatische Fortschritte erzielt wurden“, berichtet er. 1998 verließ Steven Hildemann nach zehnjähriger Laufbahn die Universitätsmedizin und wechselte in die Pharmaindustrie. Heute ist er Global Chief Medical Officer und Senior Vice President von Merck und Leiter des Bereiches der globalen Arzneimittelsicherheit. Dass Forscher auch nach Rückschlägen niemals aufgeben dürfen, verdeutlicht er an Stuart, einem 34-jährigen Patienten mit Multipler Sklerose. Stuart nahm an einer klinischen Studie teil und profierte von einem Medikament. Doch der Wirkstoff scheiterte bei der Zulassung. „Das war ein Schock für Stuart, für uns alle“, erinnert sich Steven Hildemann. Die Merck-Forscher gaben nicht auf und sammelten weiter Daten. Im Dialog mit der europäischen Zulassungsbehörde stellten sie einen zweiten Zulassungsantrag.
Hildemann: „Der Weg zum Erfolg führt über den Dialog mit Ärzten, Patienten und Behörden.“
Mit Erfolg: Im August 2017 wurde das Medikament zugelassen und steht jetzt Stuart und anderen Betroffenen zur Verfügung. „Als Forscher müssen wir den Mut haben, von vorne anzufangen“, sagt Seven Hildemann. Außerdem appelliert er an seine Kollegen, früher den Dialog mit den Zulassungsbehörden zu suchen und vor allem auch das Wissen der Patienten systematisch in die Entwicklung von Medikamenten einzubinden.

Wer mehr wissen möchte:

Weitere Informationen unter www.research-on-stage.de

Die Veranstaltung „Research on Stage“ vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) im Berliner Kino International. (© vfa / MIKA-fotografie | Berlin)
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel Vorstellung des DKV-Reports „Wie gesund lebt Deutschland?“ am 30.07.2018 in Berlin
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Digitorial

Literaturtipps
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"Der digitale Patient. Analyse eines neuen Phänomens der partizipativen Vernetzung und Kollaboration von Patienten im Internet" von Alexander Schachinger
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