Drucken

Tag der offenen Tür mit Maus und Protest

Sogar die Maus aus der gleichnamigen Sendung ist da. Beim Tag der offenen Tür im Bundesgesundheitsministerium am 17. und 18. August steht sie auf der Bühne und tanzt mit den Kindern. Doch erst lässt sie sich bitten. Im Foyer des Hauses erschallen unzählige Kinderstimmen und fordern "Die Maus". Als sie endlich da ist, jubeln die Kinder. "Wir sind wegen der Maus da", sagt Anne Koch. Die junge Mutter hält ihr Kind auf dem Arm. Sie will sich auch zu Gesundheitsthemen informieren: "Ich bin auf den Riesendarm gespannt".

Ein begehbarer Darm zur Aufklärung über Darmkrebs.Der begehbare Darm ist ein Anziehungspunkt für die Besucher. Er steht für das Motto „Früher ist besser“: Bei der Veranstaltung ist die Darmkrebsfrüherkennung Schwerpunkt. Die Besucher gehen durch einen hautfarbenen großen Schlauch, der in beeindruckender Größe den gesunden und den kranken Darm darstellt. Auf der Tour entdecken sie einen Polypen. Die Krebsvorstufe sieht aus wie eine Kugel, die auf einem Stiehl aus der Darmwand wächst. Ein Polyp sei vergleichsweise leicht mit einer Koloskopie zu erkennen und zu entfernen, heißt es auf einer Infotafel daneben. Etwas weiter wächst ein großes, beinahe bedrohlich wirkendes Krebsgeschwür aus der Darmwand. Mit der Vorsorgeuntersuchung lasse sich dieser Entwicklung vorbeugen, so die Information. Wie eine Koloskopie funktioniert, können Besucher an einem anderen Stand testen.

Aufklärung über Darmkrebs

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei der Podiumsdiskussion am Tag der offenen Tür im BMG.Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema laden Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und seine Gesprächspartner die Bürger zu einer „Sprechstunde" ein. „Die Darmkrebsfrüherkennung ist ein klassisches Beispiel dafür, dass Prävention einen Unterschied machen kann“, sagt der Minister. Dr. Michael Hoffmeister, Epidemiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum, spricht über Risikofaktoren und die Bedeutung der familiären Vorgeschichte: „Gibt es Geschwister oder Eltern mit Darmkrebs, ist das Risiko zweifach erhöht“. Der Mediziner klärt auch über den immunologischen Stuhltest und die Koloskopie auf, die von der gesetzlichen Krankenkasse als Vorsorge übernommen werden. Dr. Jens Aschenbeck berichtet aus seiner Praxis als Gastroenterologe, dass nur etwa 30 Prozent der über 50-Jährigen (bei den Frauen die über 55-Jährigen) zur Vorsorge kämen. Claudia Neumann schildert ihr Leben mit Darmkrebs. Die junge Frau bekommt die Diagnose mit 27 Jahren, nachdem sie monatelang an Bauchschmerzen, Verstopfung, Durchfall und sogar Schmerzen beim Sitzen leidet. Die umfassende Behandlung mit diversen Operationen, Chemotherapien und Bestrahlungen stellt ihren Körper und ihr Leben auf den Kopf. Sie wird unfruchtbar. Anderen jungen Krebspatienten macht sie Hoffnung, dass es seit Kurzem die Krykonservierung als Kassenleistung gebe. „Dafür ist Krankenversicherung da“, betont Spahn. Dr. Christa Maar, Mitbegründerin der Felix-Burda-Stiftung, deren Sohn jung an Darmkrebs gestorben ist, berichtet, wie sie vor 18 Jahren das weitgehend unbekannte Thema in die Öffentlichkeit bringt: „Ich bin im ersten Jahr in jede Talkshow gegangen. Das hat gewirkt“. Wenig später habe die Stiftung den Krebsmonat März ausgerufen und dafür die Kassen und die KBV mit ins Boot geholt. Die Arbeit der Stiftung habe 250.000 Fälle von Darmkrebs verhindern können, rechnet Maar vor. Doch gerade bei jungen Erkrankten sei noch viel zu tun.
Viele Bürger verfolgen die Diskussion und haben Fragen. Zum Beispiel zu den langen Wartezeiten für eine Koloskopie. Aschenbeck beruhigt: „Die Vorsorge hat einen Moment Zeit. Wer aber Symptome wie Blut im Stuhl hat, sollte mit seinem Hausarzt sprechen, der schnell weitervermitteln kann“, sagt er.

Patientenbeauftragte demonstriert Herzdruckmassage

Doch auch über andere Themen können sich die Bürger informieren und selbst aktiv werden. Bei einem Workshop mit der Patientenbeauftragten Prof. Claudia Schmidtke testen sie an Dummies, wie sie bei Herzstillstand mit der Herzdruckmassage einem Menschen das Leben retten können. Im Präventionsbus der Charité können die Besucher ihren Impfstatus prüfen und sich sogar impfen lassen. Mitarbeiter des Paul-Ehrlich-Instituts informieren über Blut und Blutplasma. Am Stand der Bundesgesundheitszentrale gibt es Broschüren und Tipps zum gesunden und aktiven Älterwerden. Ein Kartenspiel mit praktischen Übungen bekommen die Besucher gleich dazu. Dr. Manfred Neidert studiert die Angebote interessiert. „So einfach wie hier komme ich nicht an Informationen“, sagt der Dozent für Altenpflege. Er nehme jedes Jahr viele Anregungen für seine Schüler mit. Die gematik informiert Versicherte über die Vorteile der elektronischen Patientenakte. Viele Bürger wollen wissen, ob ihre Daten auch sicher seien. Manch einer kann seine Frage sogar direkt dem Minister stellen, denn Jens Spahn verschafft sich bei einem Rundgang durch das Foyer selbst einen Überblick. Er spricht auch mit Mitarbeitern der verschiedenen Institutionen.

Protest gegen neuen Gesetzentwurf

Als er das Foyer verlassen hat, wird es laut an der Bühne. Diesmal ist es nicht der Auftritt der Maus. Künstlich beatmete Patienten stellen sich mit ihren Rollstühlen auf. Gemeinsam mit Angehörigen und Mitarbeitern eines privaten Pflegedienstes protestieren sie gegen den neuen Gesetzentwurf des Gesundheitsministeriums, der ihre Versorgung betrifft. Sie fürchten um ihre Selbstbestimmung. Sie wollen sprechen, doch das Mikrofon wird ihnen verweigert. Sie setzen ihren Protest fort. Am Ende der Podiumsdiskussion reagiert der Minister. Er versichert: „Jeder, der die künstliche Beatmung braucht, soll sie bekommen". Spahn betont, der Entwurf sei zunächst nur ein Vorschlag und er suche den Austausch mit den Betroffenen.