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5. Dezember 2017

Metastasierter Brustkrebs

„Überlebensqualität ist das, was Patientinnen wollen“

 
Der metastasierte Brustkrebs steht im Mittelpunkt einer Tagung, die vom IGES Institut und dem Pharma-Unternehmen Novartis veranstaltet wird. Verschiedene Experten diskutieren dort über eine „organisierte Unverantwortlichkeit“ gegenüber dem Patienten und qualitätsgesicherten Fortschritt.

In Deutschland erkranken jährlich ca. 72.000 Frauen an Brustkrebs. Durch Früherkennung und moderne Therapien ist heute in vielen Fällen eine langfristige Heilung möglich. Trotzdem sind 25 bis 30 Prozent der Patientinnen von Metastasierung betroffen; eine Heilung ist für sie in der Regel nicht mehr möglich. Brustkrebs im metastasierten Stadium ist daher hinsichtlich seines Behandlungscharakters sowie seiner Versorgungsstrukturen durch Herausforderungen gekennzeichnet, die sich von denen beim Brustkrebs mit örtlich begrenzter Ausbreitung deutlich unterscheiden.

„Wir müssen uns auch um die Patienten kümmern“

Die von Eva Schumacher-Wulf, Chefredakteurin des Brustkrebsmagazins Mama Mia!, aufgestellte Forderung, dass Patientinnen Lotsen benötigen, greift Prof. Stephan Schmitz auf. Er ist Vorsitzender des Bundesverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland. Einerseits lobt er die stattgefundene gute Spezialisierung in der Versorgung, andererseits spricht er kritisch von einer „organisierten Unverantwortlichkeit“. Er räumt ein: „Wir müssen uns auch um die Patienten kümmern, das ist in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen.“ Der Arzt betont in diesem Zusammenhang insbesondere die Rolle der „behandlungsführenden Onkologen“.

Kein „willkürlicher“ Fortschritt

Christoph J. Rupprech, AOK Rheinland/Hamburg (© pag/Fiolka)
Auch auf die frühe Nutzenbewertung kommt Schmitz zu sprechen. Diese werde dem Onkologen zufolge missbraucht, um den Stand des medizinischen Wissens zu definieren. Die Berichte, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Rahmen der Bewertung anfertigen, seien zwar hilfreich, aber nicht die endgültige Meinung. Es müsse den medizinischen Fachgesellschaften überlassen werden, den aktuellen Wissensstand festzulegen, ansonsten drohe eine „Medizin nach Kassenlage“, warnt er.

Aus Krankenkassensicht sollten mehr Patientinnen in zertifizierten Zentren behandelt werden, dafür macht sich Christoph J. Rupprecht von der AOK Rheinland/Hamburg stark. Solche spezialisierten Zentren seien die beste Voraussetzung für die Einführung von Innovationen, denn Rupprecht will einen „qualitätsgesicherten“ und keinen „willkürlichen Fortschritt“. Weitere Stichwörter des Kassenvertreters: Die Prüfung, ob bestimmte Mindestmengen für diejenigen, die den metastasierten Brustkrebs behandeln, erforderlich sind, hält er für eine wichtige Fragestellung. Außerdem bringt der AOK-Mann die Bildung eines neutralen Budgets für unabhängige klinische Studien ins Spiel.

„Kannibalisierung von Indikationen“

Thomas Müller (© pag / Fiolka)
Thomas Müller, Abteilungsleiter Arzneimittel beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), hebt in seinem Vortrag hervor, dass hierzulande keine Rationierung aus Kostengründen stattfinde. Allerdings werde eine strenge Nutzenbewertung praktiziert – also eine Evidenz- anstelle einer Kostengrenze. Die Onkologie beschreibt Müller als sehr dynamisches Feld, bei dem viel Geld im System sei. Eine Nebenwirkung sieht er in der „Kannibalisierung von Indikationen“: Pharma-Unternehmen investierten hauptsächlich in lukrative und erfolgsversprechende Krebstherapien, andere Indikationen wie psychiatrische Erkrankungen stünden im Schatten.

Ein weiteres Thema auf der Tagung ist der Stellenwert von Progression Free Survival (Progressionsfreies Überleben, PFS) – auch im G-BA gibt es Müller zufolge darüber kontroverse Diskussionen. Letztlich gehe es um die Unsicherheit, wie man Surrogate, also einen Ersatzmesswert für einen patientenrelevanten Endpunkt, bewerte, meint er. „Und die Akzeptanz von Unsicherheit in einem solidarischen System ist nicht sehr ausgeprägt.“

Deutscher Sonderweg?

Hans-Holger Bleß vom Berliner IGES-Institut (© Blickwinkel | Joanna Noack)
Ein kurzer Blick über den Tellerrand: Deutschland lehne als einziges Land mit einer Behörde, die Arzneimittel bewertet, PFS als patientenrelevanten Outcome-Parameter explizit ab. Darauf weist Holger Bless, Bereichsleiter HTA & Value Strategy bei IGES, in seinem Vortrag hin. Die Brisanz bestehe insbesondere darin, dass das Urteil „kein Zusatznutzen“ erhebliche Auswirkungen auf die Versorgung haben kann, erläutert er mit Blick auf die seit 2011 nutzenbewerteten Antidiabetika. Fast die Hälfte davon seien nicht mehr im deutschen Markt verfügbar. „Mit zunehmender Einführung von Erstlinien-Onkologika könnten sich ähnliche Auswirkungen auf die Versorgung ergeben.“

Der IGES-Experte plädiert dafür, PFS als eigenständigen, patientenrelevanten Endpunkt für Morbidität „mit Augenmaß“ anzuerkennen – insbesondere dann, wenn erstens das Gesamtüberleben in Zulassungsstudien nur eingeschränkt zu bestimmen ist, zweitens die Verlangsamung der Krankheitsprogression ein in Leitlinien erklärtes Therapieziel ist und drittens nach einer Krankheitsprogression Folgetherapien indiziert sind und die Substanz gegenüber diesen Folgetherapien ein günstiges Sicherheitsprofil aufweist. 


Patienten wollen „Überlebensqualität“

Fazit: Das Thema metastasierter Brustkrebs wird auf der Veranstaltung aus verschiedenen Blickwickeln analysiert. Besonders im Gedächtnis bleibt ein Satz der Charité-Ärztin Prof. Diana Lüftner, die die Frage, was wichtiger sei – Lebenszeit oder Lebensqualität – prägnant beantwortet: „Überlebensqualität ist das, was Patientinnen wollen.“

Ausführlich mit der „Patientenrelevanz von Endpunkten in onkologischen Studien“ beschäftigt sich ein 15-seitiges Papier, verfasst vom IGES Institut und Novartis Pharma. Beratende Experten sind:
Dr. Johannes Bruns, Prof. Dr. Tanja Fehm, Prof. Dr. Wolfgang Janni, Prof. Dr. Diana Lüftner und Dr. Friedrich Overkamp.
Digitorial

Literaturtipps
Die stille Macht der Mikroben

"Die stille Macht der Mikroben. Wie wir die kraftvollsten Gesundmacher bei der Arbeit unterstützen können." von Alanna Collen
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Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "2017-2021 – Wohin geht die Reise in der Gesundheitspolitik" am 13.12.2017 in Berlin
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