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5. Juli 2017

Patientenberatung

Wo Versicherten der Schuh drückt

 
Krankengeld bleibt das Thema, zu dem Versicherte am häufigsten Rat bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) suchen. Probleme ergeben sich für viele Betroffene auch bei Behandlungsfehlern und der Einsicht in die Krankenakte. Dies ist das Ergebnis des UPD-Jahresberichts „Monitor Patientenberatung 2016“.

Thorben Krumwiede (© pag/Fiolka)
Über 10.000 Mal suchten im vergangenen Jahr Versicherte bei der UPD Rat zum Thema Krankengeld. Dabei ging es um die Gefahr, wegen Lücken bei der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung den Krankengeldanspruch zu verlieren. Dieses Risiko sei nicht nur den Versicherten, sondern auch den Leistungserbringern oftmals nicht bewusst, sagt UPD-Geschäftsführer Thorben Krumwiede. Er plädiert dafür, Krankenkassen zu mehr Transparenz und Information zu verpflichten. Die zweite Problemlage sei die Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Dessen Arbeit werde als wenig patientenorientiert empfunden. Die UPD empfiehlt daher eine sorgfältigere Prüfung der Akten und eine persönliche Begutachtung durch die Mitarbeiter des MDK. Bei psychischen Erkrankungen müsse diese sogar verpflichtend sein.

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, verlangt von den Kassen, ihr Informationsmaterial zu überprüfen. „Transparenz ist die Grundlage für Vertrauen. Und das braucht unser Gesundheitssystem und gerade auch die Krankenkassen. Es kann nicht sein, dass Patienten ihren Krankengeldanspruch verlieren, nur weil sie nicht richtig informiert wurden“, betont er. Für den MDK fordert der Staatssekretär erneut, den Dienst sowohl personell als auch inhaltlich neu zu organisieren und von den Kranken- und Pflegekassen zu lösen.

Behandlungsfehler im Fokus

Karl-Josef Laumann (© pag/Fiolka)
Zweithäufigstes Beratungsthema waren mit 4.700 Fällen mögliche Behandlungsfehler. „Bisher müssen Betroffene zweifelsfrei nachweisen, dass ein Behandlungsfehler Ursache für einen erlittenen Schaden ist“, erklärt Staatssekretär Laumann. „Ein solcher Nachweis ist in der Medizin jedoch kaum zu führen. Deshalb muss es künftig reichen, wenn der Zusammenhang zwischen Behandlungsfehler und Schaden überwiegend wahrscheinlich ist.“ Zugleich unterstützt Laumann die Forderung der UPD nach einem offeneren Umgang der Ärzte mit vermuteten oder tatsächlichen Behandlungsfehlern. „Der schlimmste Fehler ist der, der verschwiegen oder sogar vertuscht wird. Denn aus ihm kann man nicht lernen. Wir brauchen eine Fehlerkultur, die weder skandalisiert noch bagatellisiert, sondern die transparent aufarbeitet, was geschehen ist“, so der Patientenbeauftragte weiter.

Oft verwehrt: Einsicht in die Krankenakte

Knapp 1.600 Mal hatten Bürger außerdem Fragen zur Einsicht in die Krankenakten. Laut Krumwiede würden Ärzte immer wieder die Einsichtnahme verweigern, einschränken, hinauszögern oder hohe Kosten ankündigen. Ein unhaltbarer Zustand, so Laumann: „Mit dem Patientenrechtegesetz ist das Einsichtsrecht glasklar geregelt worden. Und die Ärzte müssen dem ohne Wenn und Aber nachkommen“, betont er. Langfristig könne das Problem durch die Digitalisierung gelöst werden, wenn die Krankenunterlagen – so der Patient es möchte – auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert würden.

Zahnmedizin: Entscheidungskompetenz muss verbessert werden

Ein weiteres, intensiv nachgefragtes Thema war die Zahnmedizin mit knapp 2.000 Beratungen, sagt Krumwiede. Vor allem das Thema Zahnersatz habe immer wieder für Unklarheiten bei Patienten gesorgt. „Wir erleben, dass Patienten auf dem Gebiet der Zahnmedizin von sozialrechtlichen Vorgaben und der individuellen Abwägungen medizinischer Notwendigkeit regelmäßig überfordert sind“, so der Geschäftsführer weiter. Die Beratung in der Zahnarztpraxis werde häufig von finanziellen Fragestellungen dominiert. „Wie in kaum einem anderen medizinischen Versorgungsbereich hängt die Wahl der Versorgung von den finanziellen Möglichkeiten der Bürger ab. Angesichts dieser Problematik wäre anzunehmen, dass erstens Heil- und Kostenpläne sowie Zahnarztrechnungen für die Versicherten leicht verständlich sein sollten und dass zweitens Gespräche, insbesondere zur Abwägung zwischen kostenfreien und kostenpflichtigen Behandlungsverfahren, rechtzeitig und nicht während einer Behandlung stattfinden“, betont Krumwiede. Dies sei jedoch nicht der Fall. Die Entscheidungskompetenz von Patienten in Zahnarztpraxen müsse weiter gestärkt werden. Erforderlich sei eine bessere Information über mögliche kostenfreie Alternativen, untermauert durch neutrale und für den Patienten verständliche zahnmedizinische Wissensquellen.

UPD: Seismograf für Problemlagen

Die UPD führte im Jahr 2016 rund 94.000 Beratungen durch. „Mit dem Bericht zeigen wir kompakt und verständlich, wie die Bürger unser Gesundheitssystem derzeit erleben. Die UPD will auf diese Weise auch als Seismograf für grundlegende Problemlagen dienen und dazu beitragen, dass unser Gesundheitssystem noch patientenfreundlicher wird“, sagt UPD-Geschäftsführer Krumwiede. Die für die unterschiedlichen Bereiche jeweils Verantwortlichen müssten nun entscheiden, welche Verbesserungen auf den Weg gebracht und wie Verbesserungen umgesetzt werden könnten.

Wer mehr wissen will:

Der Monitor Patientenberatung ist abrufbar unter: https://www.patientenbeauftragter.de/images/20170623UPD/20170623_Monitor_Patientenberatung2016.pdf
Digitorial

Literaturtipps
Cover: "Gesundheitsselbsthilfe im Wandel"

"Gesundheitsselbsthilfe im Wandel. Themen und Kontroversen'" von Martin Danner, Rüdiger Meierjürgen
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Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Digital Health – Gesundheit neu denken" vom 26. - 27. 09. 2017 in München
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