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6. Dezember 2018

Kinderarzneimittel: Meilensteine und Herausforderungen

 
Wie steht es um Medikamente speziell für Kinder? Welche Behandlungserfolge sind im letzten Jahrzehnt erreicht worden? Bei einem Symposium der Paul-Martini-Stiftung und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina wird diskutiert, wie stark die EU-Verordnung für Kinderarzneimittel seit 2007 die Therapiemöglichkeiten in der Pädiatrie verbessert hat.

Mit synthetischen Antisense-RNA-Molekülen – einem neuartigen Typ von Wirkstoffen – können die ersten Erfolge speziell in der Pädiatrie erzielt werden. (© Adobe Stock / photophonie)
Der Vorsitzende des Pädiatrieausschusses der EU-Arzneimittelbehörde EMA, Dr. Dirk Mentzer vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen, sieht wichtige Fortschritte: Die Verordnung habe dafür gesorgt, dass die Hersteller Kinderarzneimittel als integralen Bestandteil der ihrer Arzneimittelentwicklung begreifen. Die Studien dienten nicht nur der Zulassung von mehr Kindermedikamenten, sondern schließen auch Wissenslücken bei Therapiefragen.

Registerdaten zum Outcome der Off-Label-Anwendungen

Kritisch sieht die EU-Verordnung Prof. Wolfgang Göpel vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck: Sie decke zwar ab, dass das Anwendungsgebiet neuer Erwachsenenmedikamente auf Minderjährige erweitert werde. Schon länger zugelassene Medikamente würden aber nur selten nachträglich für Kinder als sogenannte PUMA-Arzneimittel entwickelt. Kinderärzte müssten daher noch für längere Zeit einen Teil der Medikamente off-label anwenden. Noch dringlicher für die Patientensicherheit seien aber Registerdaten zum Langzeit-Outcome der Off-Label-Anwendungen, vorzugsweise in Kombination mit genetischen Daten.

Therapeutika gegen Duchenne Muskeldystrophie

Mit synthetischen Antisense-RNA-Molekülen – einem neuartigen Typ von Wirkstoffen – können die ersten Erfolge speziell in der Pädiatrie erzielt werden: in der Behandlung von Kindern mit Duchenne Muskeldystrophie und spinaler Muskelatrophie. Diese gehen auf Gendefekte zurück, die Proteine in Muskel- und Nervenzellen betreffen. Bislang ist eines dieser Medikamente in der EU zugelassen, ein zweites in den USA. Ein drittes Antisense-Medikament gegen eine Stoffwechselkrankheit bei Erwachsenen hat wiederum die EU-Zulassung. Davon berichtet Dr. Sebahattin Cirak von Uniklinik Köln. Mit seiner Gruppe arbeitet er an weiteren Therapeutika gegen Duchenne Muskeldystrophie und verschiedene kongenitale Muskeldystrophien. Dank chemischer Unterschiede sind synthetische RNA-Moleküle für mehrere Wochen im Körper stabil und wirksam, während die biologische Halbwertszeit natürlicher RNA nur Minuten bis Stunden beträgt.

Ungewöhnlicher Impf-Ansatz

Fortschritte bei Impfstoffen für Kinder präsentiert Prof. Markus Knuf vom Helios Kliniken Wiesbaden. Er berichtet von einem ungewöhnlichen Ansatz zum Schutz von Neugeborenen vor dem RS-Virus: Erprobt werde eine Impfung für werdende Mütter, die ihre als Impfreaktion gebildeten Antikörper an ihr Kind weitergibt. Dieses Projekt eines US-amerikanischen Impfstoffherstellers habe inzwischen die letzte Erprobungsphase erreicht. Bisher sei gegen RSV nur eine passive Immuntherapie zugelassen.

Wesentliche Fortschritte gibt es auch gegen entzündliche Erkrankungen im Jugendalter wie etwa juvenile idiopathische Arthritis und Psoriasis-Arthritis. Hier haben eine Reihe von pädiatrisch zugelassener Biologika Erfolge gezeigt. Auf die Bedeutung von Registern, um eine gute Langzeitwirksamkeit und -sicherheit dokumentieren, weist Dr. Peter-Andreas Löschmann von Pfizer hin. Als Beispiele nennt er: BIKER (Biologika-in-der-Kinderrheumatologie-Register) und JuMBO (Juvenile arthritis Methotrexate/Biologics long-term Observation).

Manche Patienten erreichen Leukämie-Freiheit

Für Patienten mit akuter lymphatischer Leukämie im Kindesalter haben sich die Perspektiven erheblich verbessert, berichtet Prof. Tobias Feuchtinger vom Uniklinikum München. Dazu hätten zwei Medikamente beigetragen: Eines enthält einen bispezifischen Antikörper, der im Körper Immunzellen direkt mit den Tumorzellen in Kontakt bringt und sie so zwingt, diese zu vernichten. Das andere enthält CAR-T-Zellen, also T-Zellen des Patienten, die außerhalb des Körpers mit einer Art Erkennungssensor für bestimmte Tumorzellen ausgerüstet wurden. Manchen Patienten könne die Therapie zu dauerhafter Leukämie-Freiheit verhelfen, sagt Feuchtinger. Die aktuellen Zulassungen dieser neuen Therapien würden Meilensteine in der Therapieentwicklung darstellen. Zugleich betont er: Auch wenn die Kinderhämatologie in der Vergangenheit oft eine Vorreiterrolle in der Therapieentwicklung innehatte, seien noch eine Vielzahl an Medikamenten für Kinder nicht zugelassen, auch wenn diese den wissenschaftlichen „Goldstandard“ der Therapie darstellten.

Transfer zielgerichteter Medikamente ist langsam

Ähnlich argumentiert Prof. Matthias Fischer von der Uniklinik Köln: Ein Großteil der onkologischen Arzneimittelentwicklung erfolge heute mit Blick auf die konkreten Mutationen, die Zellen in die Malignität treiben. Durch die umfassende Charakterisierung des Mutationsspektrums in pädiatrischen Tumoren konnten zahlreiche potentiell nutzbare Veränderungen identifiziert werden. Der Transfer zielgerichteter Medikamente in die pädiatrische Onkologie erfolge jedoch häufig sehr langsam oder gar nicht. Außerdem sei es bis heute nicht gelungen, effektive Medikamente gegen häufig vorkommende Mutationen in kindlichen Tumoren wie etwa Mutationen der Gene MYCN oder TERT zu entwickeln.

Netzwerke für klinische Studien erforderlich

Für die Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten für Kinder sind klinische Studien unerlässlich. Darauf geht Prof. Dr. Stefan Endres vom Uniklinikum München ein. „Es versteht sich aber von selbst, dass diese noch höheren Standards zu entsprechen haben als Erwachsenenstudien und dass die Prüfärzte ihren minderjährigen Studienteilnehmern respektvoll begegnen müssen.“ Eine große Hürde für die Realisierung bestehe darin, dass die Erkrankungen selten auftreten. Dementsprechend seien große Netzwerke für die Koordination erforderlich. Auf den Aufbau eines krankheitsübergreifenden europäischen Studiennetzwerks zielt das Projekt conect4children: Daran beteiligen sich europaweit mehr als 40 Partner. Davon berichtete Heidrun Hildebrand von Bayer.

Eine Aufstellung aller Zulassungen und Zulassungserweiterungen für Medikamente für Kinder und Jugendliche seit 2001 (ohne Generika und Biosimilars) findet sich unter: www.vfa.de/kinder
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Gesundheit und Krankheit im transkulturellen Kontext", am 18.12.2018 in Köln
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Cover Das ist Krebs

"Das ist Krebs. Ein Buch für Kinder über die Krankheit Krebs" von Esther Tulodetzki
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