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29. August 2018

Arzneimittel im Alter: Eine Herausforderung für Ärzte

 
Sehr alt zu werden, ist heute in Deutschland keine Seltenheit mehr. Viele ältere Menschen leiden jedoch an mehreren, häufig chronischen Krankheiten und nehmen deswegen oft zahlreiche Medikamente ein. Ihre Versorgung stellt Ärzte vor Herausforderungen.

(© Oscay Mark / fotolia)
Die gesundheitlichen Probleme werden im Alter zunehmend komplexer: Immer mehr Menschen leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig (Multimorbidität) und erhalten eine breite Palette von Behandlungen in Praxis, Klinik und Pflege. Mehrfach erkrankte Senioren nehmen häufig mehrere Medikamente gleichzeitig ein, die jeweils auf eine Einzelerkrankung ausgerichtet sind. „Diese polypharmazeutische Behandlung entspricht bisweilen nicht den Gesundheitszielen alter Patientinnen und Patienten und kann sogar ein beträchtliches Gesundheitsrisiko darstellen“, monieren Wissenschaftler der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina bereits im Jahr 2015 in ihrer Stellungnahme „Medizinische Versorgung im Alter – Welche Evidenz brauchen wir?“. Dem Papier zufolge fehlt es an wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie multimorbide alte bis sehr alte Menschen besser behandelt werden können. Viele von ihnen bekämen zu viele Arzneien, anderen würden notwendige Medikamente gar nicht angeboten.

Vorsicht: Wechselwirkungen

Medikamentöse Therapien müssen bei Senioren besonders sorgfältig geplant und überwacht werden, damit sie wirklich nutzen und nicht schaden. Zwar wirken Medikamente bei Senioren nicht grundsätzlich anders als bei Menschen mittleren Alters. Ältere Patienten haben aber oft zum Beispiel eine eingeschränkte Nieren- oder Leberfunktion, was bei vielen Präparaten bei der Dosierung berücksichtigt werden muss. Auch können die verschiedenen Präparate, die ältere Patienten einnehmen, zu unerwünschten Wechselwirkungen führen. Dadurch kann es sein, dass die Therapie nicht ausreichend wirkt oder nicht gut vertragen wird.

Pharmafirmen untersuchen das und nehmen die Ergebnisse in die ständig aktualisierte Fachinformation zum jeweiligen Medikament auf. Mögliche Wechselwirkungen erkennen die Wissenschaftler des Herstellers häufig schon aufgrund der Wirkprinzipien und der Abbauprozesse für das jeweilige Medikament. Zusätzlich werten sie berichtete Fälle von Wechselwirkungen aus, die bei klinischen Prüfungen, bei Anwendungsbeobachtungen und im therapeutischen Alltag aufgetreten sind.

Fachinformationen
Fachinformationen sind kurze Zusammenfassungen der für die Zulassung eingereichten Belege für die Sicherheit und Wirksamkeit eines Medikaments. Diese erstellen die Hersteller in Abstimmung mit den Behörden für Ärzte und Apotheker. Die Fachinformation zu einem bestimmten Medikament können Ärzte und Apotheker beispielsweise unter www.fachinfo.de abrufen. Für EU-weit zugelassene Medikamente sind sie über die Suchfunktion unter www.ema.europa.eu allgemein zugänglich.


Forschung für Ältere

Prof. Cornel Sieber, Vorsitzender der DGIM (© pag, Fiolka)
Die Forschung stellt sich inzwischen vermehrt darauf ein, dass die Menschen immer älter werden. So entwickelt die Industrie etwa Medikamente mit besserer Verträglichkeit und/oder einfacherer Anwendung. Einige Medikamente wurden und werden sogar ausdrücklich für den Einsatz bei Senioren entwickelt, etwa wirkverstärkte Grippeimpfstoffe (um Schwächen des Immunsystems auszugleichen) oder Einweg-Insulinpens für Diabetiker (zur einfachen Handhabung). Für Hersteller kann es ein Erfolgsmodell sein, auf die Forschung mit Hochbetagten zu setzen, sagt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Prof. Cornel Sieber. Die Hersteller, die auch mit Menschen fortgeschrittenen Alters forschen, „sind sehr erfolgreich mit solchen Studien, auch wenn sie aufwendiger sind“.

Dafür nennt der DGIM-Vorsitzende zwei Gründe: Zwar sei es oft nicht ganz einfach, Hochbetagte von der Teilnahme an einer klinischen Studie zu überzeugen. „Wenn sie aber mitmachen, sind es die treuesten Probanden von allen.“ Die Adhärenz sei in dieser Gruppe besonders gut, berichtet Sieber. Darüber hinaus würden auch die Behandler ihren Patienten gern Produkte verordnen, deren Sicherheit und Wirksamkeit an dieser konkreten Zielpopulation nachgewiesen ist. Die Geriater stünden in diesem Punkt vor einem ähnlichen Problem wie Kinderärzte, denn auch für Mädchen und Jungen sind viele Präparate nicht speziell geprüft.

Herausforderungen für den Arzt

(© Chris Ryan / iStock)
Für Ärzte, die ihren betagten Patienten Medikamente verschreiben wollen, ist die Situation nicht einfach. Sie bräuchten mehr wissenschaftlich fundierte Leitlinien für ältere und mehrfacherkrankte Patienten, meint die DGIM. Die Leitlinien, an denen sich Ärzte bei der Behandlung ihrer Patienten orientierten, beruhten in der Regel auf wissenschaftlichen Studien, die an Patienten mittleren Alters durchgeführt würden. „Die Leitlinien gehen auf die speziellen Bedürfnisse alter Menschen aber häufig gar nicht ein“, betont Sieber auf der Jahrespressekonferenz der DGIM im Februar 2018. „Wir Ärzte haben deshalb bei einer parallel bestehenden Multimorbidität meist keine fundierten wissenschaftlichen Grundlagen für eine evidenzbasierte Versorgung alter Menschen.“ Notwendig sei eine intensivere altersmedizinische Forschung, um auch alte Patienten nach evidenzbasierten Maßstäben – wohl in adaptierter Form – behandeln zu können.

PRISCUS-Liste: Handreichung für Ältere

Es ist besonders wichtig, dass Ärzte und Apotheker gut über das Risiko von Wechselwirkungen bei bestimmten Medikamentenkombinationen unterrichtet sind. In den letzten Jahren haben mehrere Mediziner Handreichungen ausgearbeitet, die Ärzten speziell bei der Vermeidung von Problemen mit Verträglichkeit der Medikation helfen sollen. Dazu gehören insbesondere die PRISCUS-Liste und die FORTA-Klassifikation. Beide dienen dazu, dass ältere Patienten eine gute Behandlung erhalten und unnötige Risiken vermieden werden. Sie können dazu beitragen, die Aufmerksamkeit von Ärzten, Apothekern und Pflegekräften für die besonderen Anforderungen bei vielen Senior-Patienten zu schärfen.

Ein Projekt will die Arzneimittelversorgung pflegebedürftiger Senioren verbessern
Bis zu 30 Prozent der pflegebedürftigen Senioren in Deutschland würden unter zu vielen Arzneimitteln und dadurch bedingte gravierende Neben- und Wechselwirkungen wie Stürze oder Magenblutungen leiden, erläutern die Projektpartner um die AOK Nordost. Sowohl für Patienten als auch für die Pflegenden sei dies eine große Belastung und bedeute einen erheblichen pflegerischen und medizinischen Mehraufwand.
In Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen will das Projekt „OAV – Optimierte Arzneimittelversorgung für pflegebedürftige geriatrische Patienten (OAV)“, das durch den Innovationsfonds über drei Jahre mit 6,6 Millionen Euro gefördert wird, die Arzneimittelversorgung in der Pflege verbessern. Nach dem Leitgedanken „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“ sollen die Neben- und Wechselwirkungen erheblich gesenkt werden. Kernstücke der OAV sind eine neue Form der Zusammenarbeit und ein klinisch geprüftes, EDV-unterstütztes Risikomanagement, das in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen gemeinsam mit den versorgenden Apotheken und Ärzten etabliert wird. Projektpartner sind neben der AOK Nordost die Gero PharmCare GmbH, die IKK Brandenburg und Berlin, die VIACTIV-Krankenkasse, die Universität Witten/Herdecke, die Technische Universität Berlin und die Apothekerkammer Nordrhein.



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zum Beispiel: BKK-Selbsthilfetag 2018 am 27.09.2018 in Düsseldorf
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