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Genom-Editierung: Die schwierige Grenze

CRISPR-Cas ist in aller Munde. Mit dieser Methode, auch als Genschere bekannt, lassen sich Krankheiten wie Krebs oder Sichelzellenanämie effektiv bekämpfen. Kritisch gesehen werden zum Beispiel Eingriffe in die Keimbahn.

Die Genom-Editierung ist eines der Zukunftsthemen in der Wissenschaft.Prof. Toni Cathomen, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie am Universitätsklinikum Freiburg, nennt auf einer Podiumsdiskussion im Bundesforschungsministerium die Chancen und Risiken des Genom-Editierung in der Keimbahn: Auf der einen Seiten könne man Krankheiten vermeiden. Auf der anderen Seite existierten „unbestimmte Risiken“ wie etwa bei der Schaffung von „Designer-Babys“. „Meine persönliche Meinung ist, dass Eingriffe in die Keimbahn das falsche Instrument sind, um die Menschheit weiterzubringen“, meint er. „Wir müssen uns fragen, was ist es uns wirklich wert, Forschung in diese Richtung weiterzutreiben.“ Denn auch mit konventionellen Optionen könnten beispielsweise Eltern mit genetischen Defekten „gesunde“ Kinder zur Welt bringen.

Grenze zwischen Heilung und „Designer-Baby“

Doch was sind überhaupt „gesunde“ Kinder? In diese Richtung zielt eine Frage einer Zuhörerin. Könne man beim Down-Syndrom wirklich von einer Heilung sprechen, denn betroffenen Kindern gehe es ja nicht schlecht. „Sie sind meistens ganz glücklich.“ Von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion möchte sie wissen: „Wo würden Sie die Grenze zwischen der Heilung der Erbkrankheit und dem Designer-Baby setzen?“ Eine schwierige Frage, wie sich herausstellt. Eine Grenze zu ziehen, sei abhängig vom Stand der Forschung und Stand der Wissenschaft, meint Prof. Jörg Hacker, Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften. „Das muss man immer wieder neu betrachten und sich dann damit auseinandersetzen.“ Auch Cathomen sieht keine eindeutige Trennung zwischen Therapie und Enhancement, also der Gen-Optimierung. Die Entscheidung könnten aber Ethikkommissionen treffen. „Mir wäre es wichtig, dass es genau diese eine Grenze nicht gibt“, sagt Prof. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ehtikrats. Er teilt die Auffassung der Fragestellerin: „Menschen, die Down-Syndrom haben, sind eine Ausdrucksform der Vielfalt menschlichen Daseins.“

„Keine kategorische Unantastbarkeit“

Der Ethikrat hat im Mai seine Stellungnahme zu Eingriffen in die menschliche Keimbahn verfasst. Er sieht nach derzeitigem Stand, „keine kategorische Unantastbarkeit“, wie Dabrock in einem Impulsreferat vor der Diskussion ausführt. Das Gremium fordert ein „internationales Moratorium“, einen Aufschub für klinische Anwendungen. Ferner müsse der Diskurs gestärkt werden, eine internationale Institution sollte sich mit dem Thema auseinandersetzen. Auch Prof. Ewa Bartnik, Vertreterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), setzt sich für globale Lösungen ein. „Wir brauchen Regelungen, die auf der ganzen Welt gelten.“ Unabhängig von Eingriffen in die Keimbahn ist der Einsatz von CRISPR-Cas auch eine finanzielle Frage. Die Methode gilt als sehr kostspielig. Doch Cathomen betont: „Wir müssen das immer mit konventionellen Therapien gegenrechnen. Dann sieht man: Es ist gar nicht mehr so teuer“. Bei der Behandlung von chronischen Krebspatienten kämen über kurz oder lang auch hohe Summen zusammen. Die Diskussion – ethisch, medizinisch und finanziell – dürfte wohl weitergehen. Das macht auch Thomas Rachel (CDU), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, auf der Konferenz deutlich. „Die Genom-Editierung ist neben dem Klimawandel und der Künstlichen Intelligenz im Moment das zentrale Zukunftsthema in der Wissenschaft.“