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25. Mai 2018

Arzneimittel: „In 40 Jahren Anwendungsforschung viel positiv verändert“

 
Demographischer Wandel und Multimorbidität ziehen immer komplexere Arzneimitteltherapien und Multimedikation nach sich. Mehr Koordination, IT-Einsatz und wissenschaftliche Evidenz seien daher unerlässlich. Man habe aber auch viel erreicht – so das Fazit einer Veranstaltung zur veränderten Lage der Arzneimittelanwendungen des Vereins zur Förderung der Arzneimittel-Anwendungsforschung (VFAA), des Hartmannbunds und der Robert Bosch Stiftung.

vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer (© pag/Maybaum)
Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen, konstatiert, dass sich in 40 Jahren Anwendungsforschung viel positiv verändert habe. Koordination und Kooperation der Akteure spielten heute eine größere Rolle – alle Akteure seien dazu angehalten, den Blickwinkel des Patienten einzunehmen. Auch nach der Zulassung von Arzneien leiste die Pharmaindustrie ihren Beitrag – etwa mit dem seit 2006 herausgegebenen Arzneimittelatlas zum Umfang des Arzneimittelverbrauchs nach Regionen. Er zeige auf, wie Arzneimittel bei 93 Indikationsgruppen angewendet werden, welchen Nutzen sie haben und wie die Kostenentwicklung ist. Anhand eines Schwerpunkts werde deutlich gemacht, wie die Wirksamkeit der Arzneimittel sei.

Rheuma-Register Rabbit verbessert Versorgung

v.l.: Birgit Fischer, Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Martina Stamm-Fibich (MdB), Moderator Dr. Wolfgang Klitzsch, Martin Litsch und Michael Hennrich (MdB) (© pag/Becker)
Seit 2001 gebe es ferner das Register für Rheumatoide Arthritis (Rabbit) zur Beobachtung der Therapie von Patienten mit Biologika. Das Register sei sehr erfolgreich – 350 Rheumatologen hätten mitgewirkt, europäische Register hätten kooperiert, alle Hersteller von Biologika hätten das Register finanziert. Dadurch habe man das Sterberisiko deutlich gesenkt, die psychische und physische Gesundheit gesteigert. Aktuell werde schließlich mit „Gebrauchsinformation 4.0“ ein digitales Gebrauchsinformationssystem für Beipackzettel entwickelt, ein bundesweit digital integriertes System, das später auch auf andere Länder übertragen werden könne. Ziel sei die anwenderfreundliche und barrierefreie Vermittlung von Informationen.

AOK will elektronische Patientenakte anbieten

Martin Litsch (© pag / Fiolka)
Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, begrüßt die Entwicklung von IT-Systemen über Anwendungen von Medikamenten. „Es braucht jedoch mehr Umsetzung“, sagt Litsch. Die Einführung eines Arztinformationssystems scheitere nicht am Willen der Akteure, sondern derzeit noch daran, dass es zu viele gebe, die mitreden wollten. Weitergehende Studien müsse es bei beschleunigt zugelassenen Arzneien geben. „Die Evidenz muss wissenschaftlich belegt werden“, sagt er. Mit der elektronischen Patientenakte werde der Patient Herr seiner Daten. „Wir als AOK werden versuchen, diese anzubieten“, so der AOK-Verbandschef.

Ludwig fordert mehr unabhängige Studien

Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig (© pag, Maybaum)
„Oft fehlt den Ärzten das Wissen über beschleunigt zugelassene Medikamente durch unabhängige Forschung“, kritisiert Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. „Das ist ein Problem.“ Zu wenige unabhängige Studien zum Zusatznutzen würden durchgeführt. Nur wenige Arzneimittel seien Innovationen, bei denen der Zusatznutzen nachgewiesen sei. Neuere Erkenntnisse über den Arzneimittelnutzen müssten bei den Ärzten handhabbar ankommen. Die Einführung eines Arztinformationssystems sei daher unerlässlich. Darüber hinaus sei es eine Schande, dass die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) die elektronische Patientenakte noch nicht auf den Weg gebracht habe. Zur Vermeidung von negativen Wechselwirkungen bei Multimedikation und für eine bessere Zuweisung an geeignete Ärzte, Apotheker und Pfleger brauche es einen Koordinator, sagt Dr. Liselotte Ferber vom Verein zur Förderung der Arzneimittel-Anwendungen (VFAA). „Wichtig wäre eine Unterredung mit den mitbehandelnden Ärzten, um ein Gesamtkonzept für die Arzneimitteltherapie zu erarbeiten.“ Der koordinierende Arzt müsse für diese Mehrarbeit entsprechend vergütet werden.

Weigeldt: Wechselwirkungen im Blick haben

Dr. Ulrich Weigeldt (© pag/Fiolka)
Dr. Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, sieht den Hausarzt in der Rolle des Koordinators. Schon heute würde dieser über die hausärztlich zentrierte Versorgung 50 Prozent der chronisch Kranken behandeln. Über die Hälfte aller chronisch Erkrankter habe zudem mehrere chronische Erkrankungen. Damit steige auch die Medikamenteneinnahme und die Gefahr der negativen Wechselwirkungen bei einer Multimedikation. „Es ist notwendig in der kontinuierlichen pharmakologischen Fortbildung zu hinterfragen, welche Medikamente welche Wechselwirkungen miteinander haben. Wir dürfen hier die neueren Erkenntnisse nicht verpassen“, sagt Weigeldt. Aktuelle abstimmbare Medikationspläne müssten ferner elektronisch sein, da sie in der heutigen Papierform oft zerknittert und unleserlich beim Apotheker ankämen. Mit dem neu eingeführten freiwilligen Primärarztsystem, sei die pharmakologische Fortbildungsqualität der Ärzte ferner deutlich verbessert worden. Über ein verbandsinternes rechnergesteuertes System würden Ärzte zudem vor negativen Wechselwirkungen bei Multimedikation gewarnt. Nach und nach müssten alle Arzneien im System erfasst werden.
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: „Krebs-Patiententag im Westdeutschen Tumorzentrum“ am 23.06.2018 in Essen
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Digitorial

Literaturtipps
Cover "Der digitale Patient"

"Der digitale Patient. Analyse eines neuen Phänomens der partizipativen Vernetzung und Kollaboration von Patienten im Internet" von Alexander Schachinger
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