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Kinderlähmung: „Dem Impfen kommt eine ganz entscheidende Rolle zu“

Eine Erkrankung an Kinderlähmung kann nicht geheilt werden. Betroffene leiden nicht nur unter Lähmungen, sondern auch am Post-Polio-Syndrom, einem eigenständigen Krankheitsbild. Deswegen ist das Impfen entscheidend, wie Ulrike Jarolimeck vom Bundesverband Poliomyelitis e.V. im Interview erläutert.

Kinderlähmung gilt in Deutschland seit Jahren als ausgerottet. Wie viele Menschen leiden hierzulande unter den Folgen der Erkrankung?
Unser Verband geht davon aus, dass in Deutschland noch ca. 50.000 Menschen leben, die an den Folgen der Kinderlähmung leiden.

Mit welchen Symptomen haben die Betroffenen zu kämpfen?
Ulrike JarolimeckDiese Menschen leiden nicht nur an den „normalen“ Spätfolgen ¬– mehr oder weniger stark ausgeprägten Lähmungen –, sondern auch an dem so genannten Post-Polio-Syndrom. Dieses eigenständige Krankheitsbild tritt etwa 20 bis 40 Jahre nach der Ersterkrankung auf. Es ist vermutlich eine Folge der jahrzehntelangen Überbeanspruchung der Nervenzellen. Es äußert sich unter anderem in Muskel- und Gelenkschmerzen, Muskelschwäche – auch in vermeintlich nicht vom Polio-Virus betroffenen Muskelgruppen, extremer Müdigkeit und Erschöpfung, Atem- und Schluckbeschwerden, Schlafstörungen, Kälte-Intoleranz, Verlust von Kraft und Ausdauer.

Wie sieht es mit Polio-Erkrankungen in anderen Ländern aus? Gerade kürzlich wurden zum Beispiel neue Fälle aus Afghanistan und Pakistan gemeldet.
Ja, es stimmt. Afghanistan und Pakistan sind noch endemische Länder. Es kommt immer wieder zu Polio-Neu-Erkrankungen. Ein großer Erfolg konnte in Indien erreicht werden, das seit 2014 als poliofrei gilt. Jedoch gibt es auch aus Ländern, die als poliofrei gelten, immer wieder Meldungen, dass Menschen sich mit dem Polio-Virus infiziert haben. So zum Beispiel in Syrien im Jahr 2013, als die Weltgesundheitsorganisation 35 Fälle meldete. Durch den Bürgerkrieg konnten viele Kinder nicht mehr geimpft werden und erkrankten.

Ist es aus Ihrer Sicht möglich, die Krankheit auszurotten?
Ich wünsche es mir, dass diese Krankheit ausgerottet werden kann. Ob es gelingen wird…? Rückschläge sind dann zu verzeichnen, wenn in Ländern das Gesundheitssystem, aus welchen Gründen auch immer, zusammenbricht und mit dem Impfen nachgelassen wird.

Was müsste getan werden?
Es ist unabdingbar, dass weiterhin über diese Krankheit berichtet wird, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. Wer ein Mal vom Polio-Virus befallen wird, hat sein Leben lang damit zu kämpfen. Eine Heilung gibt es nicht! Man kann nur vorbeugen.

Der Bundesverband Poliomyelitis versteht sich als Interessenverband für Menschen mit Kinderlähmungsfolgen in Deutschland. Wofür setzen Sie sich konkret ein?
Wir informieren und beraten Polio-Betroffene und ihre Angehörigen. Ferner geben wir Informationen an Ärzte, Therapeuten, Krankenkassen und Behörden, die über dieses seltene Krankheitsbild oft keine oder nur mangelhafte Kenntnisse haben. Wir haben ein bundesweites Netz von ca. 70 Regionalgruppen, in denen sich Betroffene und Interessierte zum Erfahrungsaustausch treffen können. Unter Einbindung des sozialen Umfeldes, der Arbeitswelt und der Familie soll dem Polio-Betroffenen geholfen werden, seine eigene Situation besser einzuschätzen und seinen künftigen Lebensweg umzustellen. Ein wichtiges Anliegen ist uns eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit zum Abbau von Informationsdefiziten.

Welche Rolle kommt aus Ihrer Sicht dem Impfen zu?
Aus meiner Sicht kommt dem Impfen eine ganz entscheidende Rolle zu. Denn wie bereits oben gesagt, gibt es nach einer Infektion keine Heilung. Alleine eine Impfung kann die Katastrophe „Polio-Erkrankung“ verhindern.

Was sagen Sie Menschen, die sich mit dem Argument nicht impfen lassen wollen, dass Polio heute so gut wie nicht mehr vorkommt?
Das ist eine trügerische Sicherheit. Solange das Virus noch irgendwo auf der Welt vorkommt, kann es jederzeit bei nicht ausreichendem Impfschutz auch in Deutschland zu Neu-Erkrankungen kommen. Wir lesen nicht selten, dass in Abwässern Polio-Viren gefunden werden. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist auch möglich, wenn beim Überträger keine erkennbaren Symptome einer Erkrankung vorliegen.
Eine eindeutige Sprache sprechen die Statistiken der Meldebehörden in den Gesundheitsämtern. Ihnen kann man zum Beispiel entnehmen, dass mit Einführung der Schluckimpfung 1962 in der Bundesrepublik die Infektionen von 4.673 im Jahr 1961 auf 296 im Jahr 1962 zurückgegangen sind. In den Jahren davor wurden regelmäßig viele Tausend Polio-Fälle registriert. Ein Höhepunkt war sicherlich 1952 mit 9.517 Erkrankungen in Westdeutschland.

Weitere Informationen:

https://www.polio-selbsthilfe.de/willkommen

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