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21. März 2018

Arzneimittelmissbrauch – Apotheker schlagen Alarm

 
Irgendetwas hat sich in Gesellschaft an der Einstellung zu Arzneimitteln geändert, beobachtet Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer. Die Nachfrage nach leistungssteigernden Medikamenten und Arzneimitteln, die Lebenssituationen verbessern, sei deutlich gestiegen.

(© Fotolia / Gina Sanders)
Den Zwang zur Selbstoptimierung hinterfragt Kiefer auf einem Symposium der Kammer zu Arzneimittelmissbrauch. Auf der Veranstaltung wird auch eine Umfrage zum Thema präsentiert. Demnach akzeptiert fast der Hälfte der Bundesbürger (43 Prozent) den Missbrauch von Medikamenten. Laut einer forsa-Umfrage bei 5.000 Bundesbürgern zwischen 16 und 70 Jahren haben 17 Prozent verschreibungspflichtige Arzneimittel schon einmal ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen, um ihr persönliches Wohlbefindens zu verbessern. Für weitere 26 Prozent der Befragten wäre das akzeptabel. Wichtigster Grund für die Einnahme der Medikamente ist der Umfrage zufolge die Stimmungsverbesserung oder die Reduzierung von Nervosität beziehungsweise Angst. 13 Prozent der Befragten haben aus diesem Grund schon einmal zu rezeptpflichtigen Medikamenten gegriffen. Für weitere 20 Prozent käme dies grundsätzlich in Frage. Die Steigerung von Konzentration und anderer geistiger Leistungen war für 5 Prozent der Grund, schon einmal ein rezeptpflichtiges Medikament ohne medizinische Notwendigkeit einzunehmen. Für weitere 22 Prozent ist dies eine Option.

Paradiesische Vorstellungen und eine „Alles-ist-möglich“-Mentalität

Kiefer stellt dagegen klar: „Die paradiesische Vorstellung, wir könnten jede Herausforderung des Lebens durch das Beeinflussen der Körperfunktionen mit Pharmaka meistern ¬– das wird nicht funktionieren.“ Der Leiter einer Apotheke in Koblenz hat den Eindruck, dass sich die kritische Sicht, Körperfunktionen mit Arzneistoffen zu beeinflussen, durch eine „Alles-ist-möglich“-Mentalität geändert habe. Er stellt in seinem Vortrag die Frage: Gibt es einen Zwang zur Selbstoptimierung? Und wenn dem so wäre, müsste man Fragen der sozialen Gerechtigkeit mitdenken? Kiefer verweist darauf, dass Lifestyle-Arzneimittel keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung sind – werden jene, die sich solche Mittel finanziell nicht leisten können, noch stärker abgehängt?
Er betont außerdem, dass es sich bei Arzneimitteln um Waren der besonderen Art handele. Sie seien keine Verbrauchsgüter und würden daher nicht den klassischen Marktregeln unterliegen. Apotheken und Verschreibungspflicht seien daher keine Schikane, kein Hemmnis des schnellen Abverkaufs, sondern ein Schutzzaun für die Anwender.
Weitere Ergebnisse der Umfrage
Jeder Zehnte (11 Prozent), der schon einmal rezeptpflichtige Medikamente missbräuchlich eingenommen hat, beschaffte sie sich illegal über das Internet. Noch häufiger als verschreibungspflichtige Arzneimittel werden rezeptfreie bzw. frei verkäufliche Medikamente verharmlost: 30 Prozent der Bundesbürger geben an, sie schon einmal zur Steigerung des persönlichen Wohlbefindens eingenommen zu haben. Für weitere 25 Prozent käme es in Frage. Kiefer sagt: „Apotheker sind gefordert, im persönlichen Beratungsgespräch unsere Patienten über den Nutzen, aber auch die Risiken von Arzneimitteln aufzuklären. Die Lücke zwischen Expertenwissen und Laienwissen klafft trotz Internet immer weiter auseinander“, findet der Apotheker.


Was ist Arzneimittelmissbrauch?

Eine Einführung in das Thema Arzneimittelmissbrauch gibt auf dem Symposium
Prof. Dr. Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker und Geschäftsführer Arzneimittel der Bundesapothekerkammer. Ihm zufolge benutzen Fachleute sowohl bei Arzneimittelmissbrauch als auch bei Abhängigkeit mittlerweile den etwas sperrigen Begriff Substanzgebrauchsstörung beziehungsweise auf englisch: Drug Abuse. Arzneimittelmissbrauch definiert er als eine absichtliche, dauerhafte oder sporadische übermäßige Verwendung von Arzneimitteln, mit körperlichen oder psychischen Schäden als Folge. Die Zahl der Arzneimittelabhängigen beziffert Schulz auf etwa 1,4 bis 1,5 Millionen. Davon seien die meisten (1,1 bis 1,2 Millionen) von Benzodiazepinen beziehungsweise Z-Substanzen abhängig.
Benzodiazepine und Z-Substanzen
Bei Benzodiazepinen handelt es sich um sogenannte Tranquilizer, angstlösende, zentral muskelrelaxierende, sedierend und hypnotisch (schlaffördernd) wirkende Arzneistoffe. Aufgrund ihrer Wirkung zählen sie zu den psychoaktiven Substanzen. Als Z-Substanzen wird eine Arzneistoffklasse bezeichnet, die als Hypnotika eingesetzt werden und mit dem Buchstaben Z beginnen. Experten sprechen von Nicht-Benzodiazepin-Agonisten. Sie werden ebenfalls als Schlafmittel verschrieben.


Im März 2018 hat die Bundesapothekerkammer einen neuen Leitfaden zu Arzneimittelmissbrauch veröffentlicht.

Weitere Informationen:

Weitere Ergebnisse der Umfrage können im Internet nachgelesen werden:
https://www.abda.de/fileadmin/assets/Pressetermine/2018/Symposium_AM-Missbrauch/BAK-Symposium_AM-Missbrauch_Frahn_web.pdf
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Fachtag der Selbsthilfe Neubrandenburg und Umgebung" am 27.10.2018 in Neubrandenburg
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