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Eine Vision wird Realität – Was hinter Disease Interception steckt

Die Medizin bekommt eine neue Dimension: Es geht nicht mehr nur ums Heilen, sondern auch darum, Krankheiten zu verhindern, bevor sie ausbrechen. Diese Forschungsrichtung heißt Disease Interception – also: das Abfangen von Krankheiten.

„Das aktuell diskutierte Konzept Disease Interception ist auf der einen Seite noch Vision, auf der anderen Seite ist aber klar zu erkennen, dass es anfängt Realität zu werden“, sagt Dr. Jasper zu Putlitz, Arzt, ehemals Kliniker und jetzt Industrieexperte in Frankfurt am Main, der sich mit der Zukunft der Medizin beschäftigt. In der Forschung weltweit wird bereits intensiv nach Ansätzen gesucht, Anzeichen für Krankheiten möglichst früh mittels Biomarker zu entdecken und zu therapieren – in der Hoffnung, dass diese erst gar nicht ausbrechen, im Idealfall sogar schon geheilt werden können, bevor sie Symptome entwickeln.

Geeignet sind Krankheiten mit langen Vorstufen
Krankheiten, in denen Ärzte, Wissenschaftler und Pharmafirmen Chancen für eine Disease Interception sehen, gibt es einige. Besonders geeignet für diese neue Art der individualisierten und personalisierten Medizin sind Krankheiten, die sich über Jahre mit Vorstufen entwickeln. Dazu gehören beispielsweise Krebs, rheumatoide Arthritis oder auch psychiatrische Erkrankungen. Baldige Lösungen könnte es bei Erkrankungen geben, „bei denen wir die molekularen Ursachen der Entstehung kennen, aber noch Probleme in der Umsetzung haben“, sagt Prof. Christof von Kalle, der die Professur auf Lebenszeit für Klinisch-Translationale Wissenschaften am Berlin Institute of Health und der Charité innehat und das gemeinsame Studienzentrum leitet. „Fortschritte in der molekularen Medizin haben uns ermutigt, so etwas wie Disease Interception zu denken und sich damit zu beschäftigen“, sagt von Kalle.

Digitalisierung befördert Disease Interception
Befördert wird der Vorstoß in die neue Dimension zusätzlich durch die Digitalisierung. Die Technik hilft, den menschlichen Bauplan und die Zusammenhänge zwischen Erbanlagen und Umwelteinflüssen besser zu verstehen. Genom-, Proteom- und Mikrobiomanalysen werden dank Computern einfacher und schneller. Künstliche Intelligenz und Algorithmen unterstützen bei der Auswertung, teils unvorstellbar großer Datenmengen und liefern Mustererkennungen, die Ärzten Hinweise geben, wo mögliche Ansatzpunkte für eine Frühintervention liegen können. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf etwa führt zurzeit zusammen mit dem Universitätsspital Zürich eine Ganzgenomsequenzierung von 9.000 Probanden durch, um über diese Bioproben neue Optionen zur Prävention, Diagnostik und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln.

„Das Konzept Disease Interception ist alternativlos“
Bei chronischen Erkrankungen eröffne die Digitalisierung neue Möglichkeiten, sagt zu Putlitz. Dank Big Data sei es möglich, Risikoscores zu erheben und Muster abzuleiten. Die Volkskrankheit Typ 2-Diabetes, davon ist zu Putlitz angesichts der derzeitigen Forschungsarbeiten überzeugt, werde sicher einmal zu den Krankheiten gehören, die Ärzte schon früh anhand von Risikoscores vor ihrem Ausbruch entdecken und bekämpfen können. Für zu Putlitz ist das Konzept Disease Interception „alternativlos, weil man Patienten viel Leid ersparen kann“. Außerdem verringere es die Kosten für die Gesundheitssysteme und sorge für deren Nachhaltigkeit. „Es ist doch günstiger, wenn man Erkrankungen schon frühzeitig erkennt, prophylaktisch behandeln kann und nicht erst den Ausbruch abwartet.“ Bei Diabetes etwa könnten gefäßbedingte Folgeerkrankungen und neurologische Ausfälle verhindert werden. Gerade bei chronischen Erkrankungen sei Disease Interception sinnvoll. Keinen Sinn habe der neue medizinische Ansatz aber dann, wenn Patienten keine Therapie angeboten werden könne.

Ein generelles Screening ist nicht sinnvoll
Vielleicht schafft Disease Interception aber eine Welt der Kranken? Anlagen zu Gesundheitsstörungen kann man mit der feinsten Technik schließlich bei jedem finden, sagt von Kalle. „Wenn man den Genotyp hochauflösend betrachtet, dann hat jeder von uns irgendwelche Makel.“ Das berge die Gefahr von Überdiagnosen und –therapie. Ein Problem, das auch der GKV-Spitzenverband sieht. Von Kalle hält deshalb ein generelles Screening der Bevölkerung nicht für sinnvoll. Disease Interception sollte nur bei Risikopatienten, etwa mit familiärer Disposition, zum Einsatz kommen. „Ein Allheilmittel wird Disease Interception nicht sein. Aber es ist toll, dass so etwas gedacht und entwickelt wird“, meint von Kalle.

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