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Spitzenforschung am BIG kommt Patienten zugute

Die Forschung im Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) soll die Lebensqualität von Patienten verbessern. Frau S. lebt mit einer Spenderniere und erhält eine Einzeltherapie mit körpereigenen Zellen. Sie fühlt sich besser, weil sie nur noch wenige Medikamente nimmt und kaum Nebenwirkungen spürt.

Frau S. braucht nun viel weniger Immunsuppressiva.„Mit dieser Therapie hatte ich die Chance, mir meinen Lebenstraum zu erfüllen“, sagt die 40-Jährige. Seit zwei Jahren ist sie Mutter einer gesunden Tochter. „Als ich an der Dialyse war, war das nicht möglich“, berichtet sie. Frau S. lebt seit neun Jahren mit einer Spenderniere. Damit ihr Körper das Organ nicht abstößt und es gut arbeitet, muss die Patientin lebenslang viele Medikamente nehmen, die die Immunabwehr unterdrücken. Doch das ist mit vielen Nebenwirkungen verbunden, wie Frau S. berichtet. Das Risiko, eine Infektion, einen Tumor oder eine Stoffwechselerkrankung zu bekommen, ist hoch.

Weniger Immunsuppressiva bei Therapie mit körpereigenen Zellen
Wissenschaftler des Centrums für Regenerative Energien am BIG setzen bei der Transplantationsmedizin auf eine Therapie mit körpereigenen Zellen. Diese erklären sie bei einem Rundgang zur Unterzeichnung der Vereinbarung zur Grundfinanzierung des Instituts durch den Bund. Sie wollen die Lebensqualität von Patienten mit Spenderorganen erhöhen sowie Nebenwirkungen und Risiken senken. Im internationalen Verbundprojekt „restore“ bringen die Forscher die theoretischen Erkenntnisse zur modernen Zelltherapie mit klinischen Studien zu den Patienten. Im Fall von Frau S. sind es die körpereigenen regulativen T-Zellen, die bei der Abstoßung eines fremden Organs entscheidend sind. In ausreichender Zahl können die Zellen das Transplantat langfristig funktionstüchtig halten – ohne die Immunsuppression durch Medikamente.

Prof. Petra Reinke (2.v.l.) erklärt Forschungministerin Anja Karliczek (3.v.l.) und dem Regierenden Bürgermeister Berlins Michael Müller die Therapie mit körpereigenen Zellen.Die Forscher um Prof. Petra Reinke vom Steuerungskomitee für Regenerative Therapien haben die T-Zellen aus dem Blut von Frau S. isoliert, vermehrt und als ihr als Lebendzellen verabreicht. Elf weitere Patienten des BIG bekommen diese Therapie – weltweit sind es 40 Betroffene. Nach und nach konnte Frau S. die Immunsuppressiva absetzen. „Das war ein ganz anderes Gefühl, denn die Nebenwirkungen sind nicht so stark. Man fühlt sich um einiges besser“, schildert die Patientin. Inzwischen nimmt sie nur ein Immunsuppressivum und ist leistungsfähiger. Diese Einzeltherapien seien sehr teuer, erklärt Prof. Axel Radlach Pries, Vorstandsvorsitzender des BIG beim Rundgang. Er hofft auf standardisierte Verfahren zur Herstellung von Medikamenten aus körpereigenen Zellen.

In einem BodPod messen die Forscher den Körperfettanteil der Patienten.Fach- und institutsübergreifende Forschung
Die Wissenschaftler des BIG, der Charité und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gesellschaft (MDC) arbeiten gemeinsam auch an anderen Vorhaben. In einer Clinical Research Unit (CRU) am Campus Virchow-Klinikum der Charité tüfteln sie seit 2014 an medizinischen Lösungen für Patienten. Gemeinsam haben sie Fach- und institutsübergreifend Technologien und Infrastrukturen entwickelt, um ihre Forschung zu optimieren. Bei einem Rundgang stellen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse vor. Mit der BeLOVE-Studie untersuchen sie Berliner Patienten mit vaskulären Ereignissen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Niereninsuffizienz oder Diabetes, bei denen ein hohes Risiko für diese Erkrankungen besteht, über zehn Jahre. Die Mediziner wollen besser verstehen, wie Herzkreislauferkrankungen entstehen und sie in Zukunft besser vorhersagen können. Mit einem eigens entwickelten Algorithmus werten die Wissenschaftler die Daten der Elektroenzephalografie aus, die die Hirnaktivität von Patienten misst. Die Untersuchung findet in einem Raum der CRU statt. Im Raum nebenan messen die Mediziner in einer eigens entwickelten Kapsel namens BodPod den Körperfettanteil bei den Patienten. Mittels Luftverdrängung können sie diesen präzise bestimmen: Er spielt bei vielen Herzkreislauferkrankungen eine wichtige Rolle.

Damit diese und weitere Vorhaben der Medizinischen Spitzenforschung fortgesetzt werden können, ist die Vereinbarung zur Finanzierung des BIG zwischen dem Bund und dem Land Berlin unterschrieben worden. Zugleich wird das Institut eigenständiger Teil der Charité-Universitätsmedizin. Damit beteiligt sich der Bund zum ersten Mal an der Grundfinanzierung einer universitären Einrichtung und das mit 90 Prozent. Den Rest übernimmt Berlin. Alle Beteiligten erhoffen sich von der Vereinbarung, dass sie der Spitzenforschung einen Schub gibt und die Versorgung der Patienten weiter verbessert wird. So wie dies bei Frau S. bereits geschehen ist, die inzwischen dank der am BIG entwickelten Einzeltherapie ein weitgehend normales Leben führen kann.