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13. September 2018

Die Vision: Eine Patientenuniversität pro Großstadt

 
Die Gesundheitskompetenz der Menschen erhöhen – das ist das Ziel der Patientenuniversität Hannover. Im Gespräch mit dem vfa-Patientenportal erläutert ihre Leiterin Prof. Marie-Luise Dierks, wie diese Einrichtung arbeitet, warum Sie gegründet wurde und welche Veranstaltungen sie anbietet.

Frau Prof. Dierks, warum sollte ich, männlich, 41 Jahre alt, die Patientenuniversität besuchen?
Prof. Dr. Marie-Luise Dierks (© pag)
Sie können uns besuchen. Sie sollen nicht. Wir laden Sie und andere Menschen herzlich ein, sich bei uns über Gesundheit, Krankheit und ihre Rechte als Patient zu informieren. Wenn unser Programm Ihr Interesse weckt, freuen wir uns, wenn Sie kommen.

Wie sieht denn der typische Teilnehmer aus?
Der typische Teilnehmer ist um die 60 Jahre alt. Und er ist weiblich. Wir müssten eigentlich von einer typischen Teilnehmerin sprechen, dennoch: Das Altersspektrum insgesamt ist breit – es reicht von 15 bis 95 Jahren. Wir haben beispielsweise auch Veranstaltungen speziell für junge Menschen, hier binden wir die umliegenden Schulen mit ein. Viele Menschen besuchen die Veranstaltungen, weil sie sich generell für Gesundheit interessieren. Andere, weil sie oder nahe Angehörige aktuell ein Gesundheitsproblem haben und gezielt für dieses Problem Hilfe und neue Informationen suchen.

Zur Person:
Prof. Marie-Luise Dierks, Jahrgang 1953, studierte an der Universität Hildesheim Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie. Sie leitet seit 1993 den Ergänzungsstudiengans Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen (Public Health) am Zentrum für Öffentliche Gesundheitspflege an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und seit 1999 den Arbeitsschwerpunkt Patientenorientierung und Gesundheitsbildung. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Erforschung und Weiterentwicklung der Patienten- und Nutzerorientierung in Deutschland. Sie promovierte über „Frauen und Krebsfrüherkennung“ und habilitierte zum Thema „Empowerment und die Nutzer des deutschen Gesundheitswesens“. Die Patientenuniversität Hannover ist an die MHH angegliedert.


Was umfasst das Leistungsspektrum der Patientenuni? Was bieten Sie an?
Unser umfangreichstes Angebot ist die Reihe „Gesundheitsbildung für alle“. Mit einem besonderen didaktischen Ansatz – der Kombination von Expertenvorträgen mit 15 bis 20 Lern- und Mitmachstationen, die jeweils auf das Hauptthema der Veranstaltung abgestimmt sind. Zu diesen Veranstaltungen kommen an einem Termin bis zu 300 Personen. Darüber hinaus gehen wir mit einem kleineren Umfang dieser Reihe in Betriebe und Schulen. In einem vom Bundesministerium für Forschung finanzierten Projekt haben wir eine Reihe „Ethikkompetenz“ für Jugendliche durchgeführt. Speziell für chronische kranke Menschen bieten wir regelmäßig Selbstmanagementkurse (INSEA) an, nicht nur in unseren eigenen Räumlichkeiten, sondern auch bei regionalen Partnern, zum Beispiel Gesundheitsämtern. Und schließlich führen wir noch ein kleineres Format durch, die Reihe „Große Künstler und ihre Krankheiten“.

Das klingt interdisziplinär. Sind Kunstdozenten dabei?
Ja, das ist der Hintergrund dieser Vermittlungsidee. Wir wollen zeigen, wie Künstler mit ihrer Erkrankung umgingen, und ob diese einen Einfluss auf ihr künstlerischen Schaffen hat. Nehmen wir das Beispiel Vincent van Gogh. Hier spricht zum Beispiel ein Psychiater über das Krankheitsbild, ein Kunsthistoriker über die Werke des Künstlers.

Was war damals die Intention für die Patientenuniversität? Gab es Vorbilder?
Die Idee war, die Gesundheitskompetenz der Menschen zu erhöhen. Vorbilder waren die amerikanischen Mini-Med-Schools. Deren Gedanke ist, universitäres Wissen so zu formulieren, dass es auch den Menschen ohne universitären Zugang in verständlicher Weise zur Verfügung steht. Das haben wir uns angeschaut. In den Mini-Med-Schools geht die Vermittlung allerdings nicht über die Vorträge hinaus. Das ist aus didaktischer Perspektive nicht hinreichend. Deswegen haben wir die Expertenvorträge übernommen, aber um das Konzept der vertiefenden Lernstationen bereichert. Das ist unser Markenzeichen. Lernen findet so interaktiv und durch eigene Erfahrungen statt. Beispiel Arthrose: Nach dem Vortrag können Menschen an verschiedenen Lernstationen anschauen, wie genau Arthrose entsteht. Wie diagnostiziert man sie? Welche Medikamentengruppen werden vorgeschlagen? Was kann jeder selbst tun, um die Erkrankung zu vermeiden? Wir bieten zudem immer Themen an den Lernstationen an, die über das primäre Gesundheitsthema hinaus in das Gesundheitssystem führen. So kommen wir zu Fragen wie: Was sind Patientenrechte? Was haben sie mit dem Thema Arthrose zu tun? Gibt es eine Leitlinie zu der Erkrankung und wo finde ich diese? Wie rede ich mit meinem Arzt?

Sie haben gerade die Lernstationen angesprochen. Wie wichtig schätzen Sie sie für das bessere Verstehen der Teilnehmer ein?
Nach dem Vortrag sind die Lernstationen noch zwei Stunden geöffnet, in denen Teilnehmer mit den Experten sprechen können. Ein weiteres Prinzip bei diesen Lernstationen ist die Integration von Medizinstudierenden, aber auch von Schülern der unterschiedlichen Gesundheitsfachberufe. Auf der einen Seite lernen die Teilnehmer etwas über die Materie, auf der anderen Seite lernen die Schüler und Studenten, die Informationen verständlich und gut zu vermitteln. Es ist ein Mehrwert für beide Seiten.

Sind die Angebote für die Teilnehmer kostenlos?
Bislang haben wir einen kleinen Unkostenbeitrag für die große Reihe „Gesundheitsbildung für alle“ erhoben. Wir haben allerdings den Eindruck gewonnen, dass auch dieser niedrige Betrag manche Menschen davon abhält, zu uns zu kommen. Im Wintersemester 2018/19 werden wir einen deutlich höheren Zuschuss durch die Medizinische Hochschule Hannover bekommen, sodass wir auf den Unkostenbeitrag verzichten werden.

Auf ihrer Homepage haben sie mittlerweile auch Lernfilme. Ist das die Zukunft der Patientenuni?
Das Besondere an der Patientenuniversität ist, dass ein persönlicher Kontakt stattfindet. Wir entwickeln zur Zeit ein Pilotprogramm für das Internet, um zu überprüfen, ob und wie diese persönliche Ebene auch über ein „unpersönliches“ Medium transportiert werden kann. Das erfordert nicht nur von den Sendern, also von uns, die Entwicklung entsprechender Software, sondern auch eine gewisse digitale Kompetenz von den Empfängern. Wir sind gespannt, ob und wie sich die Idee realisieren lässt.

Die Patientenuni existiert seit zehn Jahren. Wohin geht die Entwicklung? Was wünschen Sie sich?
Ich freue mich, dass inzwischen am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf eine Patientenakademie nach dem Vorbild der Patientenuniversität Hannover entsteht. Die Vision ist, dass an jedem Universitätsklinikum und/oder in jeder größeren Stadt eine Patientenuniversität existiert. Wichtig wäre dabei, dass diese Patientenuniversitäten evidenz-basiertes Wissen vermitteln und unabhängig von Produktherstellern arbeiten.

Eine ketzerische Frage: Sehen Sie die Gefahr, dass Sie mit der Patienten-Universität Hobby-Ärzte heranzüchten, die im Endeffekt alles besser wissen als ihre Haus- und Fachärzte?
Ich mache diese Erfahrung nicht. Die Teilnehmer sagen uns: „Wir trauen uns, beim Arzt eher nachzufragen.“, oder „Ich weiß jetzt besser, wo ich mich informieren kann“. Von Ärzten höre ich, dass sie es durchaus schätzen, mit den in der Patientenuniversität gebildeten Patienten gut sprechen zu können. Eine systematische Befragung der Ärzte in der Region wird aktuell geplant.

Vielen Dank für das Gespräch!

Einen weiterführenden Artikel zum Thema Patientenuniversitäten finden Sie hier:
https://www.vfa-patientenportal.de/selbsthilfe/patienten-bringen-sich-ein/damit-der-patient-versteht-was-der-arzt-sagt
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Gesundheit und Krankheit im transkulturellen Kontext", am 18.12.2018 in Köln
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Digitorial

Literaturtipps
Cover Das ist Krebs

"Das ist Krebs. Ein Buch für Kinder über die Krankheit Krebs" von Esther Tulodetzki
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