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Das Dilemma der Schmerzmedizin

Weil das Fachgebiet Schmerzmedizin in der Bedarfsplanung nicht berücksichtigt wird, ist die Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen gefährdet. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) fordert deswegen bessere und flächendeckende Behandlungsmöglichkeiten.

Dr. Johannes Horlemann, Präsident der DGS.Laut DGS leiden etwa 3,25 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen, circa vier Prozent der Bevölkerung. „Es ist eine Situation, die man als Dilemma bezeichnen kann“, sagt Dr. Johannes Horlemann, Präsident der DGS. „Trotz vieler Bemühungen im Gesundheitswesen“ gebe es eine steigende Anzahl von Patienten mit schwerstgradiger Chronifizierung. Zwei Drittel dieser Betroffenen würden sich als stigmatisiert empfinden, erzählt er. Laut Horlemann sei es ein „unglaublicher Fortschritt“, dass in der in diesem Jahr in Kraft tretenden ICD 11 chronischer Schmerz als eigenständige Erkrankung – und nicht als Symptom einer Erkrankung – anerkannt werde.

Keine Gewährleistung schmerzmedizinischer Behandlung

Etwa 1.200 ambulant tätige Schmerzmediziner versorgen diese Patienten. Allein für eine flächendeckende Versorgung der schwerstgradig Schmerzkranken wären laut DGS mindestens 10.000 ausgebildete Schmerzmediziner nötig. Die meisten Schmerztherapeuten sind Anästhesisten, gefolgt von Allgemeinmedizinern. Da es aktuell weder eine geregelte Ausbildung noch eine Facharzt-Qualifikation für Schmerzmediziner gibt, werde das Fachgebiet bei der Bedarfsplanung nicht berücksichtigt. So könne es passieren, dass bei der Praxisübergabe eines Neurologen mit schmerzmedizinischer Spezialisierung eine weitere Anlaufstelle für Schmerzpatienten verloren gehe. Bei der Auswahl des Nachfolgers ist ausschließlich das Fachgebiet – in diesem Fall die Neurologie – relevant. Somit ist die Kontinuität in der schmerzmedizinischen Behandlung nicht gesichert, sagt Horlemann. Doch vor allem die Rechtssicherheit bei der Bedarfsplanung müsse gewährleistet werden. Er selbst ist betroffen und will nicht in Rente gehen, weil er befürchtet, dass die Versorgung seiner Patienten nicht mehr gewährleistet ist.

Register als Basis der Bedarfsplanung

Dr. Michael A. Überall, Vizepräsident der DGSDaten als Basis für die Bedarfsplanung liefert die DGS mit dem PraxisRegister Schmerz. Inzwischen sind dort über 260.000 Behandlungsfälle dokumentiert worden. Als weltweit größtes Schmerzregister sollen so Einblicke in die Regelversorgung von Schmerzpatienten in Deutschland gewonnen werden, erklärt Dr. Michael A. Überall, Vizepräsident der DGS. Von den erfassten Fällen leiden mehr als die Hälfte der Patienten unter Rückenschmerzen, gefolgt von Gelenk- und Kopfschmerzen. Ein Großteil der Patienten gibt zudem an, unter starken schmerzbedingten Funktionseinschränkungen zu leiden.

Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses

Schmerzen sind dann chronisch, wenn sie länger als ein halbes Jahr andauern und darüber hinaus unabhängig von der Ursache eine Bedeutung im Alltag des Patienten haben. Chronifizierte Schmerzen können sich zu einer eigenständigen Erkrankung entwickeln, bei der physiologische, psychosomatische und verhaltenspsychologische Mechanismen eine Rolle spielen. Zu den chronischen Schmerzen gehören immer wiederkehrende oder ständig vorhandene Kopf-, Nacken-, Rücken- oder auch Nervenschmerzen. Sie können nach der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses zur eigenständigen Schmerzkrankheit führen, bei der neben körperlichen Störungen auch Veränderungen im psychosozialen Bereich eine Rolle spielen.

Schmerzkonferenzen für multimodale Herangehensweise

Gemeinsam mit der Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga setzt sich die DGS für bessere Diagnostik und Therapie von chronischem Schmerz ein. Im Rahmen sogenannter Schmerzkonferenzen wird in regionalen Schmerzzentren die jeweils individuell erforderliche multimodale Herangehensweise abgestimmt. In Deutschland gibt es etwa 500 bis 600 schmerztherapeutische Einrichtungen. Der DGS gehören rund 130 regionale Schmerzzentren an.