Drucken

Immer mehr Patienten mit Rückenschmerzen in Klinik

Trotz Prävention und zahlreicher Gesundheitskurse leiden in Deutschland Millionen Menschen unter teils heftigen Rückenschmerzen. Immer mehr Patienten gehen mit ihren Beschwerden direkt ins Krankenhaus, so eine aktuelle Krankenkassenstudie.

Seit dem Jahr 2007 stieg die Zahl der stationären Behandlungen um 80 Prozent und erreichte 2016 einen Höchststand. Fast die Hälfte der Betroffenen ließ sich als Notfall aufnehmen. Das geht aus dem anlässlich des Tags der Rückengesundheit am 15. März veröffentlichten Gesundheitsreport „Rätsel Rücken“ der DAK-Gesundheit hervor. Die Krankenkasse wertete dafür unter anderem Daten von 2,5 Millionen erwerbstätigen Versicherten aus, befragte 5.200 Frauen und Männer zum Thema und verglich die Ergebnisse mit den Vorjahren. Nach der Umfrage hatten 75 Prozent aller Berufstätigen im vergangenen Jahr mindestens einmal Rückenschmerzen.

Jeder Vierte hat aktuell Beschwerden

Laut Report sind Rückenschmerzen die zweithäufigste Einzeldiagnose für Krankschreibungen. Hochgerechnet auf die erwerbstätige Bevölkerung habe es dadurch rund 35 Millionen Ausfalltage im Job gegeben. Jeder siebte Arbeitnehmer (14,4 Prozent) leide bereits drei Monate oder länger unter Rückenschmerzen. Während in der Umfrage 2003 noch 55 Prozent der Berufstätigen angegeben hätten, mindestens einmal im Jahr Beschwerden zu haben, sind es jetzt mit 75 Prozent deutlich mehr. „Das gesundheitspolitische Ziel, das Problem Rücken in den Griff zu bekommen, wurde nach den Ergebnissen unserer Studie nicht erreicht“, sagt der Vorstandschef der DAK-Gesundheit Andreas Storm. „Die Untersuchung sollte zum Anlass genommen werden, die Angebote in den Bereichen Prävention und Versorgung auf den Prüfstand zu stellen.“ Dies sei auch mit Blick auf das im Koalitionsvertrag geplante neue Disease Management Programm zur Rückengesundheit jetzt der richtige Zeitpunkt, um eine zielgenaue Lösung für die betroffenen Patienten zu finden.

Jeder Zwanzigste wegen Rücken krankgeschrieben

Rückenschmerzen sind dem Bericht zufolge die zweitwichtigste Einzeldiagnose im Arbeitsunfähigkeitsgeschehen – hinter Infektionen der Atemwege. Etwa jeder zwanzigste Berufstätige ist mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben. „Trotz eines verstärkten Engagements im Betrieblichen
Gesundheitsmanagement gibt es keine signifikante Verbesserung“,
betont Storm. „Gemeinsam mit Unternehmen müssen wir das individuelle Arbeitsumfeld noch rückenfreundlicher gestalten – und möglichst mehr Bewegung im Job erreichen.“

Risikofaktoren für Rückenschmerzen

Die DAK-Analyse macht deutlich: An Rückenschmerzen zu leiden oder sich damit krankzumelden hänge von verschiedenen Faktoren ab. Häufiges Arbeiten in unbequemer Körperhaltung, Übergewicht, Termin- und Leistungsdruck sowie eine schlechte Work-Life-Balance gehörten dazu. Krankmeldungen seien außerdem abhängig vom Alter, vom Chronifizierungsgrad und davon, ob der Job fast nie mit Freude erledigt wird. Der Blick auf die Geschlechter zeige: Männer berichteten zwar insgesamt seltener von Rückenschmerzen als Frauen, sie blieben im Vergleich jedoch zu einem höheren Anteil der Arbeit fern, wenn sie Rückenschmerzen haben (ein Unterschied von 20 Prozent).

Mehrheit geht nicht zum Arzt

Die große Mehrheit der Betroffenen versuche zunächst allein mit den Schmerzen zurechtzukommen. 30 Prozent seien laut eigenen Angaben im vergangenen Jahr wegen ihrer Beschwerden beim Arzt gewesen. Gefragt nach der konkreten Rückenschmerz-Behandlung hätten 60 Prozent der Betroffenen angegeben, eine Physiotherapie bekommen zu haben. 42 Prozent erhielten Schmerzmittel, fast jeder Dritte bekam eine Spritze (31 Prozent). Bei etwa jedem Vierten (28 Prozent) wurde ein CT oder ein MRT des Rückens gemacht. Mit jedem Fünften
wurde über den Umgang mit Schmerzen gesprochen. Der Zusammenhang von Stress und Rückenschmerzen wurde in den Praxen allerdings kaum thematisiert (5,4 Prozent). „Da wir wissen, dass Stress und psychische Belastungen sich stark auf die Rückengesundheit auswirken können, sollte dieser Aspekt stärker bei der Diagnose und der Behandlung berücksichtigt werden“, fordert Storm.

Jeder Zehnte schont sich

Insgesamt gehen Rückenschmerz-Geplagte relativ gelassen mit ihren Beschwerden um: 61 Prozent setzen auf Wärme in Form von Heizkissen, Bädern oder Sauna. 42 Prozent bewegen sich, beispielsweise bei einem Spaziergang. Jeder Dritte (33,8 Prozent) lebt erstmal normal weiter und rechnet damit, dass die Rückenschmerzen wieder verschwinden. „Das sind gute Ansätze“, sagt Ingo Froböse, Professor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Denn die meisten Rückenschmerzen sind wie Schnupfen. Betroffene sollten sich kümmern, aber nicht in Panik verfallen.“ Schonen sollten sie sich seiner Ansicht nach aber auch nicht. Das verstärke die Schmerzen eher noch. Trotzdem gab dies aktuell noch jeder Zehnte an. Immerhin: 2003 sagte noch fast ein Drittel (31 Prozent), wegen der Rückenschmerzen körperliche Aktivität zu meiden. „Hier gibt es bei vielen Menschen anscheinend ein Umdenken“, so Froböse.

Psychotherapeuten fordern besseren Zugang zu psychiatrischer Versorgung

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) unterstreicht die Erkenntnisse des DAK-Reports: Anhaltender Stress, Leistungsdruck oder Angst könnten körperliche Reaktionen auslösen, die direkten Einfluss auf die Rückengesundheit ausüben, heißt es einer Mitteilung der Fachgesellschaft. Gerade wenn sich Rückenbeschwerden somatisch nicht eindeutig herleiten ließen, müssten psychische Ursachen für ihre Entstehung näher betrachtet werden. Die DGPPN fordert deshalb einen verbesserten Zugang zu einer niedrigschwelligen, ambulanten psychiatrischen Versorgung. „Die Ergebnisse des DAK-Reportes insbesondere im Zusammenhang mit der Entstehung von Rückenschmerz sollten wir ernstnehmen“, sagt DGPPN-Präsident Prof. Dr. Arno Deister. „Ein langfristiges Rückenleiden bedeutet nicht nur eine hohe Belastung für den Erkrankten selbst und sein unmittelbares Umfeld, es trägt auch zu einem eklatanten Anstieg von Arbeitsausfällen bei.“ Die Fachgesellschaft möchte für eine verbesserte multiprofessionelle Zusammenarbeit und einen vernetzten fachärztlichen Austausch sensibilisieren. In vielen Fällen könnten Rückenbeschwerden nur durch Einbeziehung von Psychiatern oder Psychosomatikern hinreichend abgeklärt werden.

DAK-Gesundheit bietet Rückencoaching

Als Reaktion auf die Studie bietet die DAK-Gesundheit ihren Versicherten ein neues, onlinebasiertes Rücken-Coaching an. Unter dem Titel Rücken@Fit erhalten Betroffene eine verhaltensorientierte individuelle Hilfe bei akuten und chronischen Rückenschmerzen. „Dieses moderne Coaching geht sehr persönlich auf die Rückenprobleme ein“, erläutert DAK-Chef Storm. „Rücken@Fit führt den Nutzer in einen Dialog mit einem virtuellen Coach. Statt auf allgemeine Rückenübungen setzen wir auf gezielte Anleitungen und Wissensvermittlung, die genau zur jeweiligen Schmerzart und zur individuellen Lebenssituation passen.“

Autor des DAK-Gesundheitsreport ist das IGES-Institut. Weitere Infos unter www.dak.de/ruecken

Wer mehr wissen möchte: