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Schmerzbehandlung muss besser werden

Die Probleme von Schmerzpatienten stehen im Mittelpunkt eines bundesweiten Aktionstags gegen den Schmerz. In der Behandlung bestehen noch viele Defizite, so das Fazit der Akteure.

Prof. Martin Schmelz, Deutsche Schmerzgesellschaft„Die Krankenhausqualität muss auch bei der Schmerzbehandlung besser und vergleichbar werden“, sagt Prof. Dr. Martin Schmelz, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Als Patient hoffe man, dass in Kliniken und Praxen alles gegen mögliche Schmerzen getan wird, zum Beispiel nach einer Operation. Aber offenbar sei das häufig nicht der Fall: Aktuelle Studien zeigten, dass nur rund die Hälfte der Kliniken ihren Akut-Schmerz-Dienst so geregelt hat, dass eine adäquate Behandlung sichergestellt ist, führt Schmelz vor der Hauptstadtpresse aus. Dies bedeute, in 50 Prozent aller deutschen Krankenhäuser erleiden Patienten unnötige Schmerzen. Schmelz betont aber auch, dass das nicht an der Unfähigkeit der Ärzte liege, sondern am System. Nicht alle Häuser hätten Akut-Schmerz-Dienste und genügend Schmerzexperten. Deshalb fordert die Schmerzgesellschaft eine Art Leitplanke für alle Krankenhäuser in Form eines Schmerz-Indikators für mehr Transparenz. Zudem soll der Gesetzgeber die Versorgungsforschung im Bereich Schmerz ausbauen, zum Beispiel durch die Implementierung eines Schmerz-Registers, so die Deutsche Schmerzgesellschaft.

Schmerz erkennen – eine Herausforderung für Pflegende

Prof Christel Bienstein, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe – BundesverbandBesonders schwierig sei die Situation bei Menschen, die sich nicht äußern können, etwa Patienten auf der Intensivstation. Hier seien vor allem Pflegekräfte gefordert, erklärt Prof. Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK): „Viele Menschen, die dort auf den Intensivstationen sind, können zu sich selbst keine Aussage treffen, da sie beatmet werden oder sediert sind. Pflegende müssten deshalb sehr genau erkennen, ob dieser Patient nicht doch unter Schmerzen leidet und passend reagieren“, sagt Bienstein. Das Gleiche treffe auch auf Menschen mit Demenz zu. „Wir kennen Fälle, wo Patienten mit gebrochenen Hüften wirklich noch gelaufen sind und dies nicht erkannt wurde.“ Hier müsste anders und besser geschult werden, sagt die Präsidentin. Zudem müsse die Kommunikation zwischen den einzelnen Schnittstellen – Praxis, Krankenhaus, Apotheke – besser werden. Davon würden auch chronisch Kranke profitieren, ist sich Bienstein sicher.

Schmerzbehandlung: Probleme bei der Versorgung

Das Podium: v.l. Prof. Christel Bienstein, Prof. Martin Schmelz, Thomas Isenberg (Deutsche Schmerzgesellschaft) und Berend Groeneveld (Deutscher Apothekerverband),Generell sieht die Deutsche Schmerzgesellschaft enorme Probleme bei der Versorgung – sogar sehr viele: Jeder vierte Deutsche berichte von häufigen Schmerzen, am häufigsten Rücken- oder Kopfschmerzen. Der Schmerzpräsident kritisiert, dass es oft Jahre dauere, bis Patienten den Weg zu einer guten Therapie finden. „Wir sehen, dass wir definitiv einen besseren Zugang zu den Schmerz-Spezialisten brauchen. Und wir müssen uns um den Nachwuchs kümmern. Dann brauchen wir die Verstärkung der Versorgungsforschung und damit ein Schmerzregister, was uns wirklich die erforderlichen Informationen liefert“, sagt Schmelz.

Anzahl der Patienten wächst kontinuierlich

Von chronischen Schmerzen sind bis zu 27 Prozent der Bevölkerung betroffen. 7,4 Prozent berichten über eine schwere körperliche sowie weitere 2,3 Prozent über eine kombinierte körperliche und psychosoziale Beeinträchtigung durch diese Schmerzen. Sie stellen ein eigenständiges, komplexes, biopsychosoziales Krankheitsbild dar, bei dem die ursprünglich auslösende Ursache häufig nicht mehr nachweisbar ist.

Informationsmängel werfen Patienten zurück

Die DBfK-Präsidentin stellt auf der Pressekonferenz auch erste Ergebnisse einer Online-Umfrage unter Pflegenden zu „Schnittstellenmanagement bei chronischen Schmerzen“ vor. Im März und April 2017 hatten sich mehr als 600 Pflegefachpersonen daran beteiligt. Es zeichneten sich erhebliche Informationsmängel bei der Überleitung und Verlegung von Patienten bzw. Bewohnern mit chronischen Schmerzen ab. Und sie seien häufig mit unangenehmen Konsequenzen für die Betroffenen verknüpft. „Was sich sehr deutlich zeigt ist ein dringender Handlungsbedarf, um die Patientensicherheit und die Versorgungskontinuität an Schnittstellen zu verbessern. 86 Prozent der antwortenden Kollegen beschreiben die Situation als unbefriedigend“, erläutert Bienstein. „Es werden gerade in Bezug auf chronische Schmerzpatienten große Informationsdefizite geschildert, die häufig zu Missverständnissen, Versorgungsbrüchen oder auch Wiedereinweisungen führen.“ Selbst gut eingestellte Schmerzpatienten würden dadurch in ihrem Befinden wieder weit zurückgeworfen, müssten unnötig Leiden und Schmerzen ertragen. Oft seien es Unwissenheit, Gedankenlosigkeit, Zeitdruck, Pflegefachkräftemangel, schlechte Planung, lückenhafte Berichte und Dokumentationen, Fehleinschätzungen oder Inkompetenz, manchmal auch Vorurteile, die dem zugrunde liegen würden. „Aber damit dürfen wir uns nicht abfinden“, so Bienstein weiter.

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