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Schmerzforum: von Patientenorientierung zu Patientenzentrierung

Das Schlagwort „Patientenorientierung“ steht im Mittelpunkt des von der Deutschen Schmerzgesellschaft ausgerichteten 4. Nationalen Schmerzforums. Der Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) geht einen Schritt weiter und spricht von Patientenzentrierung.

„Betroffene stärken und beteiligen“, darauf liege seit einigen Jahren der Fokus ihrer Mitgliedsunternehmen, erklärt Barbara Haake, vfa-Referentin für Patientenzusammenarbeit, auf der Veranstaltung. Pharma-Unternehmen forschten für Patienten – „allerdings müssen wir dafür vorher wissen, was Betroffene überhaupt brauchen, um beispielsweise Arzneimittel weiterzuentwickeln“. Es sei wichtig, dass Unternehmen und Patienten in einem kontinuierlichen Dialog miteinander stünden. Hierbei existierten der vfa-Referentin zufolge aber auch Probleme, zum Beispiel beim Thema Klinische Studien. Oft wüssten Patienten nicht, wie sie sich an Studien beteiligen könnten. „Für unsere Mitglieder ist es hingegen manchmal schwierig, geeignete Patienten und Vertreter für Klinische Studien zu finden, weil ihre Kenntnisse und auch Ressourcen oft begrenzt sind“, sagt Haake.

Experte ist der Patient selbst

Die anwesenden Patientenorganisationen halten den Ansatz der „Patientenzentrierung“ des vfa für einen ersten richtigen Schritt. „Der Patient muss als Schmerzexperte in die Behandlung miteinbezogen werden“, fordert Heike Norda, Vorsitzende von SchmerzLos, einer Vereinigung aktiver Schmerzpatienten. Betroffene hätten schließlich häufig bereits zahlreiche Ärzte und Krankenhäuser aufgesucht und ihre individuellen Erfahrungen gesammelt. Daher sei es wichtig, sie während der Behandlung in die Entscheidungen des ärztlichen Teams einzubinden. Um Betroffene und Organisationen angemessen in Studien aufzunehmen, seien allerdings mehr Schulungen für Patientenvertreter nötig, erläutert Hannelore Loskill, Vorsitzende der BAG-Selbsthilfe.

Schmerz: Neun von zehn Patienten ohne adäquate Therapie

Chronischer Schmerz sei ein vielschichtiges Krankheitsbild und erfordere neben der physischen Behandlung auch einen ganzheitlichen Ansatz, der die psychischen und sozialen Aspekte der Betroffenen einbezieht, erläutert Norda. Genau hier setze die multimodale Schmerztherapie an: Für den Patienten wird die am besten geeignete Kombination aus physikalischen Therapien und psychosozialer Betreuung ausgewählt. Begleitet werde sie zusätzlich durch eine sozialdienstliche Beratung, um auch das häusliche Umfeld oder die Situation am Arbeitsplatz zu berücksichtigen. „So wäre es im Idealfall, aber es fehlt an allen Ecken und Kanten“, kritisiert Norda und fügt hinzu, dass „neun von zehn Patienten keine adäquate Schmerztherapie“ bekämen.

Schmerz ist eine Volkskrankheit

Nach den Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft gibt es hierzulande knapp 23 Millionen Menschen (28 Prozent der Bevölkerung), die an chronischen Schmerzen leiden. 95 Prozent von ihnen beklagen sich über chronische Schmerzen, die nicht durch Tumorerkrankungen bedingt sind. Lege man die Messlatte der Beeinträchtigung durch die Schmerzen zugrunde, erfüllten sechs Millionen Deutsche die Kriterien eines chronischen, nicht tumorbedingten, beeinträchtigenden Schmerzes.

Hilft Cannabis?

Prof. Dr. Michael Schäfer, Präsident Deutsche Schmerzgesellschaft e. V.Auf dem Schmerzforum treibt die Patientenvertreter auch die Frage um, inwieweit „Cannabis als Medizin“ bei Patienten schmerzlindernd eingesetzt werden kann. „Die vorliegenden Studien und Erfahrungsberichte zeigen deutlich, dass Cannabinoide einerseits in vielen Fällen nur sehr schwach schmerzlindernd wirksam sind, andererseits für einzelne ausgewählte Patienten durchaus hilfreich sein können“, erläutert Prof. Dr. Michael Schäfer, ehemaliger Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft und derzeit Mitglied der Ad-hoc-Kommission „Cannabis in der Medizin“ der Fachgesellschaft. Bemerkenswert sei allerdings, dass in Einzelfällen Patienten, bei denen die gebräuchlichen Schmerzmittel versagen, von der Anwendung der Cannabinoide sehr stark profitieren, so Schäfer weiter. Dies scheine vor allem Patienten zu betreffen, deren Schmerzen eine spastische Komponente haben, wie zum Beispiel bei der multiplen Sklerose, einer Querschnittslähmung oder Nervenverletzung. Auch manche Patienten mit neuropathischen Schmerzen bei HIV, bei denen erprobte Verfahren keine Wirkung zeigen, könnten in Einzelfällen eine deutliche Linderung durch Cannabinoide erfahren.

Cannabis als Medizin

Mit dem am 10. März 2017 in Kraft getretenen Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften hat der Gesetzgeber die Möglichkeiten zur Verschreibung von Cannabisarzneimitteln erweitert. Ärzte können künftig auch Medizinal-Cannabisblüten oder Cannabisextrakt in pharmazeutischer Qualität auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben. Dabei müssen sie arznei- und betäubungsmittelrechtliche Vorgaben einhalten.

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