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Corona und Grippe können Labore an ihre Grenzen bringen

Die Doppelbelastung von Corona- und Influenza-Tests könnte die Labore hierzulande an ihre Kapazitätsgrenzen bringen, befürchtet Dr. Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Laborärzte (BDL). Welche Gruppen getestet werden sollten und wie sicher die aktuellen Tests sind, erzählt er im Interview:

Dr. Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Laborärzte

Wie ist die Auslastung der Testlabore im Moment?

Viele Testlabore waren von Anfang August bis Mitte September durch die Massentestungen bei Reiserückkehrern massiv belastet. Dies hat sich aufgrund der Neuregelung seit dem 15. September deutlich geändert, da jetzt nur noch die Rückkehrer aus Risikogebieten getestet werden müssen. Die freigewordenen Kapazitäten werden jedoch mit Sicherheit schon bald wieder aufgebraucht sein, weil immer mehr Länder zu Risikogebieten erklärt und mit Beginn der Grippe-Saison zusätzliche Kapazitäten benötigt werden. Die Laboratorien in Deutschland nutzen deshalb diese kurze Atempause, um ihre Testkapazitäten weiter auszubauen.

Wie wird sich die Lage im Herbst und Winter mit Beginn der Grippesaison voraussichtlich ändern?

Es steht zu befürchten, dass neben der jetzt schon langsam ansteigenden Anzahl an Corona-Tests zum Herbst auch noch zusätzliche PCR-Untersuchungen zur Feststellung einer Influenza-Infektion hinzukommen werden. Hierzu wäre es notwendig, sogenannte Multiplex-PCR-Tests, bei denen mehrere unterschiedliche Viren gleichzeitig bestimmt werden können, in den Katalog der gesetzlichen Krankenversicherungen aufzunehmen. Der Berufsverband Deutscher Laborärzte geht jedoch davon aus, dass sich in diesem Herbst ein wesentlich höherer Prozentsatz der Bevölkerung als in den letzten Jahren gegen Influenza impfen lässt und damit zu einer Entlastung der Laboratorien beiträgt. Darüber hinaus empfehlen wir dringend den weiteren Ausbau der Corona-Warn-App. Hier besteht nach unserer Auffassung noch viel Potenzial, das bis zur Einführung eines Impfstoffes gegen COVID-19 unbedingt zur Eindämmung der Pandemie genutzt werden sollte.

Sollte die aktuelle Teststrategie geändert werden?

Die kritiklose Testung aller Reisenden hat gezeigt, dass politisch motivierte Massentestungen, möglichst in jedem Bundesland noch unterschiedlich, nicht das Pandemieproblem lösen, sondern die Labore eher an ihre Grenzen bringen. Was wir brauchen ist eine nationale, einheitliche Teststrategie aufgrund klar definierter medizinischer Indikationen.

Welche Menschen sollten Ihrer Meinung nach einen Corona-Test machen?

Beispielhaft dafür steht das Teststationen-Konzept der Kassenärztlichen Vereinigungen. Es sieht Testungen für alle symptomatischen Patienten vor, und empfiehlt dafür die Infektsprechstunden, die flächendeckende durch Haus- und Fachärzte angeboten werden. Nach Besuch einer solchen Infektsprechstunde kann der Patient dann direkt vom Arzt abgestrichen oder aber in eines der Abstrichzentren überwiesen werden. Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass ein Corona-Test nur aufgrund einer medizinischen Indikation erfolgt. Das Testzentrum garantiert dann die schnelle und korrekte Probenentnahme. Dadurch kann die Frequenz der Abstrichentnahmen deutlich gesteigert werden. Im Grunde genommen entspricht diese Strategie den jetzt von der Bundesregierung vorgeschlagenen Fieberzentren und der differenzierten Probenentnahmen bei besonders gefährdeten Gruppen.

Wie sicher und zuverlässig sind die aktuellen Tests?

Im Laufe der Pandemie wurden die Testungen laufend verbessert. Nach dem notwendigen Schnellstart im Frühjahr kamen zu Anfang nur sogenannte „In-House-Testungen“, die von den Laboren selbst entwickelt wurden, zum Einsatz. Mit einer deutlichen zeitlichen Verzögerung brachte dann die Diagnostika-Industrie CE-zertifizierte Tests auf den Markt. Parallel dazu wurden die zur Abarbeitung notwendigen Geräte ständig verbessert und für einen höheren Probendurchsatz ausgerüstet. Auch bei den PCR-Kits geht man zunehmend dazu über, mehr als nur ein Gen zu amplifizieren. Dadurch wird die diagnostische Qualität und Sicherheit der Tests weiter verbessert.

Bedeutet ein negatives Testergebnis, dass die Personen mit hundertprozentiger Sicherheit kein COVID-19 hat?

Wie jedes analytische Verfahren hat auch die PCR eine Nachweisgrenze. Diese liegt bei der unvorstellbar kleinen Zahl von nur wenigen Kopien der Virus-RNA, sodass diese analytische Methodik mit Recht zu den präzisesten Verfahren in der Laboratoriumsmedizin zählt. Beschrieben wird jeder labormedizinische Test durch die Sensitivität (korrekter Nachweis der erkrankten Patienten) und der Spezifität (korrekter Nachweis der gesunden Patienten). Beide Werte sind im Fall der Corona-PCR sehr nah bei 100 Prozent. Allerdings können auch die Präanalytik (Probenentnahme) sowie die Postanalytik (Beurteilung und Bewertung der Ergebnisse) die Korrektheit des Ergebnisses beeinflussen. Solange auch diese Schritte in ärztlicher Hand bleiben, ist ein hohes Maß an analytischer Sicherheit für Patienten garantiert. Dennoch wird es von Fall zu Fall notwendig sein, Kontrolluntersuchungen durchzuführen, die grenzwertige Ergebnis bestätigen.


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