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"Schwerkranke bestellen wir extra ein"

Covid-19 ist eine Lungenkrankheit. Sie gibt Ärzten und Wissenschaftlern noch viele Rätsel auf. Dr. Andreas Hellmann, Pneumologe aus Augsburg, erzählt aus seinem derzeitigen Praxisalltag.

Der Pneumologe Dr. Andreas Hellmann aus Augsburg.Herr Dr. Hellmann, wie ist die Situation bei Ihnen in der Praxis?

Wir haben die Sitzplätze in der Praxis schon seit längerer Zeit reduziert. Eigentlich ist Platz für 70 Patienten, jetzt aber nur noch für 15 – damit können wir die Abstände einhalten. Bei uns bekommt jeder eine Maske, wenn er die Praxis betritt und auch wir tragen selbstverständlich Masken. Wenn zusätzlich noch der Abstand eingehalten wird, ist der Schutz relativ hoch. Wir machen noch Infektsprechstunden, weil das am Telefon nicht funktioniert hat. Manche verheimlichen am Telefon die Symptome, weil sie wissen, dass sie dann nicht kommen sollen. Wenn sie dann hier sind, erzählen sie uns dann die wahre Geschichte. Das hatten wir jetzt mehrfach. Erst in der Praxis sagen sie, dass sie seit zehn Tagen Husten und Fieber haben. Das wäre dann ein Covid-Verdachtsfall.

Quasi über Nacht gehört mit Covid-19 eine neue Erkrankung zu Ihrem Themenspektrum. Was bedeutet das für die Behandlung Ihrer anderen Patienten, die teilweise an schweren Lungenkrankheiten leiden?

Wir versuchen bei denjenigen, von denen wir wissen, dass sie nicht schwerkrank sind, alles telefonisch zu regeln. Wir rufen sie an, notfalls auch mittels einer Videosprechstunde. Wir reden mit ihnen und entscheiden dann, ob sie kommen müssen oder nicht. Die schwerwiegenden Fälle nehmen aber nicht ab wegen Corona – von ihnen haben wir aber durch die Schutzmaßnahmen deutlich weniger Aufkommen in der Praxis und wir können sie besser voneinander trennen. Unsere schwerkranken Patienten bestellen wir extra ein, um ihnen den Kontakt zu anderen so weit wie möglich zu ersparen.

Wie viele Covid-19-Fälle gab es bisher in der Praxis?

Nicht viele. Wir haben aber teilweise aus anderen Kliniken Patienten bekommen, die sich dann bei uns als Covid-19-positiv herausgestellt haben, sogar aus unserer Universitätsklinik. Diese Patienten wurden dort nicht getestet. Es ist alles ein bisschen unsicher, auch aus anderen Praxen kommen Patienten, die wir selbst nicht kennen und die auf einmal ein komisches Röntgenbild haben. Das passiert uns immer wieder und das sind nicht wenige. Wir müssen primär unterstellen, dass ein Patient Covid-19 haben könnte. Wir sind Lungenärzte und das ist eine Lungenkrankheit, also kommen die Patienten natürlich zu uns.

Wie wird die Untersuchung neuer Patienten durchgeführt?

Wir machen schon in einem Vorraum eine ausführliche Anamnese, messen Fieber, bestimmen das C-reaktive Protein (CRP) und entscheiden dann, wie wir den Patienten weiter behandeln. Wenn wir den Verdacht auf Covid-19 haben, machen wir einen Abstrich, rufen ihn täglich zwei Mal an und erfragen den Gesundheitszustand. Verdachtspatienten mit Atemwegserkrankungen bekommen Sauerstoffsättigungsgeräte mit nach Hause – das haben wir mit einer Firma organisiert. Die Patienten messen zweimal am Tag ihre Sauerstoffsättigung und wenn diese abfällt, ist das eventuell ein frühes Zeichen für eine komplizierte Lungenentzündung. Dann müssen diese Patienten sofort stationär behandelt werden.

Rechnen Sie damit, dass der große Ansturm noch kommen wird?

Es rechnen zwar alle damit, aber er hätte schon längst kommen müssen. Jetzt könnte man sagen: Unsere Quarantäne-Maßnahmen waren erfolgreich. Ob man schon alles getan hat, was notwendig war, ist eine andere Frage. Jetzt muss man die Maßnahmen lockern, es gibt auch noch andere Risiken und Schäden außer Corona. Ich beneide aber keinen, der hier Entscheidungen treffen muss.

Welche Folgen hat Covid-19 für die Lunge?

Die Folgen der Krankheit können jetzt noch nicht abgeschätzt werden, denn sie muss erst einmal ausheilen. Aber es kommt darauf an, wie schwer man krank war. Bei virusbedingten Atemwegskrankheiten kann eine Defektheilung eintreten, das heißt, der Patient ist zwar wieder ausgeheilt, hat aber an Lungenvolumen verloren. Das hängt davon ab, wie schlimm die Lungenentzündung vorher war. Dazu gibt es noch keine Daten, weil die Krankheit noch zu jung ist. Patienten, die 14 Tage beatmet wurden, werden mit Sicherheit Schäden davontragen. Aber wie stark diese sein werden, kann jetzt noch niemand sagen.

Wann können Patienten sich wieder unbeschwert in der Öffentlichkeit bewegen?

Ich habe Zweifel, ob das jemals wieder passieren wird – wenn sich das alles in den Gehirnen einbrennt. Generell hat man sich schon immer in der Straßenbahn mit Grippe anstecken können. Wenn irgendwann nicht mehr die Gefahr für eine Epidemie besteht, werden trotzdem immer wieder kleine Epidemien in Altersheimen oder Pflegeeinrichtungen auftreten. Aber das hatten wir früher auch schon. Trotzdem gab es noch nie eine Krankheit, bei denen schlagartig so viele Patienten so schwer krank wurden wie bei Covid-19. Das muss man einfach sagen. Wir müssen überdenken, wie wir unser Verhalten ändern müssen, zum Beispiel beim Reisen. Aber ich persönlich habe keine Hoffnungen, dass der Mensch in dieser Hinsicht lernfähig ist. Lassen Sie uns, wenn alles überstanden ist, eine grundlegende Debatte über unseren Lebensstil führen. Das ist meine Botschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.