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29. Oktober 2018

„Wir haben eine erhebliche regionale Schieflage“

 
Zum Welt-Psoriasistag spricht Marius Grosser, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Psoriasis Bundes, über die von Rolle Biologica und Biosimilars bei der Therapie gegen Schuppenflechte, die Defizite in der Versorgung und darüber, was Patienten tun können, um an das richtige Medikament zu gelangen.

Marius Grosser, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Psoriasis Bundes, kämpft gegen die Stigmatisierung von Schuppenflechte-Patienten. (© Marius Grosser/DPB)
Welche Rolle spielen Biologica und Biosilimars bei der Behandlung von Schuppenflechte?
Es war für uns eine ziemliche Revolution, als vor etwa zehn Jahren die ersten Biologica auf den Markt kamen. Derzeit kommen nicht nur weitere dieser Arzneimittel hinzu, sondern es drängen aufgrund des auslaufenden Patentschutzes auch die Nachahmerprodukte, die so genannten Biosimilars, auf den Markt. Mit diesen Medikamenten kann die Erkrankung bei vielen Patienten so weit zurückgedrängt werden, dass sie nahezu komplett beschwerdefrei werden. Die Wirkweise der Biologica: Sie blockieren Botenstoffe, die für den Entzündungsprozess verantwortlich sind. Aber nicht jeder Patient, dem unter therapeutischen Gesichtspunkten diese Medikamente zustehen, bekommt sie auch.

Warum nicht?
Wir haben eine erhebliche regionale Schieflage und immer noch eine massive Unter- und Fehlversorgung von Menschen mit Schuppenflechte. In Baden-Württemberg zum Beispiel verschreibt kaum ein Dermatologe diese Arzneimittel, einfach weil sie hohe Therapiekosten verursachen. Es gibt aber auch vorbildliche Ärzte, die sich nicht scheuen, Regressforderungen der Krankenkassen zu riskieren. Bisher ist uns kein einziger Fall bekannt, bei dem die Forderungen erfolgreich durchgesetzt wurden – offenbar reicht die Androhung einer Prüfung, die für die Ärzte mit einem erheblichen Verwaltungsaufwand verbunden ist, aus. Die ökonomischen Rahmenbedingungen und Zwänge, die auf das Verordnungsverhalten der Ärzte einwirken, sind für die Patienten leider völlig intransparent.

Schlagen Biologica bei jedem Patienten an?
Patienten reagieren mitunter sehr unterschiedlich – in der Regel wirken sie aber sehr gut. Es kommt natürlich auch auf den Schweregrad der Erkrankung und die individuelle Verträglichkeit an. Was auch hinzu kommt: Es kann durchaus sein, dass die Wirkung mit der Zeit nachlässt. Der Körper produziert Antikörper, sodass das Biologicum nach ein paar Jahren eventuell gewechselt werden muss. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass den Patienten eine möglichst große Bandbreite an Therapieoptionen zur Verfügung steht.

Sind Biologica also das Allheilmittel?
Keinesfalls. Viele vergessen, dass trotzdem noch eine gewisse Basispflege der Haut betrieben werden muss. Besonders bei Erkrankungsschüben werden Biologica auch mit den herkömmlichen Therapien, wie etwa arzneimittelhaltigen Cremes und Salben, kombiniert. Aufgrund des Schweregrades der Erkrankung stehen diese Medikamente nur einem Bruchteil der Patienten zur Verfügung. Etwa zwei Drittel der Erkrankten haben nach den derzeit angewendeten Beurteilungskriterien eine leichte Schuppenflechte. Und ich kann mit dieser nicht zum Arzt gehen und sagen, ich hätte gern ein Biologicum. Diese Kriterien sind allerdings stark verbesserungsbedürftig: Es wird vornehmlich danach geschaut, wie groß der Anteil der erkrankten Körperoberfläche ist. Dabei macht es doch auch einen großen Unterschied, welche Areale erkrankt sind. Mit Schuppenflechte an den Händen zum Beispiel können die alltäglichsten Verrichtungen nahezu unmöglich werden – und Schuppenflechte im Gesicht schränkt die sozialen Aktivitäten mitunter enorm ein. Trotzdem bleibt aber auch das Problem der Unterversorgung: Viele Hautärzte verordnen keine Biologica, obwohl es medizinisch angezeigt wäre.

Wie wird Psoriasis klassischerweise behandelt?
Es gibt die topischen, äußerlich anzuwendenden Therapien: Das sind arzneimittelhaltige Cremes oder Salben, die direkt auf die erkrankten Hautstellen aufgetragen werden. Die physikalische Behandlung mit UV-Licht und Salzwasser, auch mit Bestrahlungsgeräten, ist eine weitere Möglichkeit zur Linderung der Symptome. Die Wirkung der Lichttherapie kann durch bestimmte Medikamente noch verstärkt werden. Die dritte Möglichkeit sind Systemtherapeutika, also innerlich wirkende Medikamente, die mittels Tabletten oder Spritzen verabreicht werden – hier kann man noch zwischen konventionellen, chemisch hergestellten Arzneimitteln und den biotechnologisch hergestellten Biologica bzw. Biosimilars unterscheiden. Die Systemtherapeutika kommen jedoch in der Regel erst bei mittelschwerer bis schwerer Psoriasis zur Anwendung.

Was können Patienten tun, um an das richtige Medikament zu kommen?
Der Knackpunkt ist, dass der Patient erst einmal wissen muss, was es überhaupt gibt und was für ihn in Frage kommt. Wenn jemand das Gefühl hat, bei seinem Dermatologen nicht an der richtigen Adresse zu sein, kann er sich an das Psoriasisnetz unter www.psonet.de wenden. Da sind Ärzte zu finden, die sich auf die Behandlung der Schuppenflechte spezialisiert haben. Um sich über die Therapiemöglichkeiten zu informieren, bietet sich die Kontaktaufnahme zum Deutschen Psoriasis Bund unter www.psoriasis-bund.de an. Bei uns erhalten die Erkrankten qualitätsgesicherte und verständliche Informationen zu allen möglichen Aspekten der Erkrankung. Ein guter Arzt hat sicherlich nichts dagegen, auf einen informierten Patienten zu treffen.

Ist die Zahl der Ersterkrankungen rückläufig?
Nein, dazu ist nichts bekannt. In Deutschland sind etwa zweieinhalb Millionen Menschen an Schuppenflechte erkrankt. Leider gibt es eine hohe Dunkelziffer, da die Schuppenflechte oftmals nicht erkannt wird und da viele Erkrankte nicht mehr zum Arzt gehen, weil die bisherigen Therapien nicht erfolgreich waren. Man müsste auch unter den Betroffenen noch einmal darauf hinweisen, dass es neue Medikamente gibt und dass sich ein Arztbesuch doch noch einmal lohnen könnte. Leider nutzen die Patienten auch die Angebote der Selbsthilfeorganisationen viel zu wenig. Bedauerlich ist auch: Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Schuppenflechte ansteckend sei oder dass sie ausbricht, weil man sich nicht genügend pflegen würde. Diese Annahmen sind furchtbar und für die Erkrankten ganz schlimm. Nur Aufklärung in der Bevölkerung kann dem entgegenwirken.

Vielen Dank für das Gespräch.
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Digitalisierung im Gesundheitswesen – Status quo und Ausblick", 21.11.2018, Berlin
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