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„Bei manchen hat die Aufklärung nicht funktioniert“

Zum Welttag für sexuelle Gesundheit erklärt Marlon Jost von der Jugend gegen AIDS im Interview, was die Hamburger Initiative zur Aufklärung von Jugendlichen tut und welche Zukunftspläne es gibt.

Marlon Jost von der Initiative Jugend gegen AIDS.Sind AIDS und HIV bei Jugendlichen ein Thema?

Immer weniger und wenn, dann wird es als eine Sache aus der Vergangenheit angesehen. Viele haben schon davon gehört und wissen auch grob, was es ist. Bei manchen ist es auch ein wenig mit Angst verbunden, weil sie wenig darüber wissen. Wenn jemand denkt, es betrifft ihn nicht, ist das für uns eine große Herausforderung, weil dadurch sehr wenig Diskussionen und Interesse an dem Thema entstehen. Dann informiert sich derjenige natürlich nicht und dann kommen auch wenig Informationen über andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis, Chlamydien, Tripper oder HPV zu den Jugendlichen.
In Schulklassen oder auf Festivals mit jungen Leuten merken wir immer wieder, dass sich niemand so richtig von diesem Thema angesprochen fühlt und jeder denkt, das betrifft ihn schon nicht. Deswegen ist es für uns ganz wichtig, dass wir nicht nur auf HIV und AIDS, sondern auch auf alle anderen sexuell übertragbare Krankheiten aufmerksam machen.

Wie kamen Sie zu ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit?

Wir sind eine gemeinnützige Organisation und viele, die bei uns aktiv sind – Schüler, Studenten, Azubis – haben selbst in der Schule bemerkt, dass Aufklärung dort kein großes Thema ist. Das Wissen, das man eigentlich haben sollte, um sexuell aktiv zu sein, wird nur selten zielgruppenspezifisch vermittelt. Sehr viele junge Leute haben deswegen viele unbeantwortete Fragen: Wo bekomme ich Kondome her? Wie benutze ich sie? Wie spreche ich darüber? Die häufigste Frage der jungen Leute: Ist mein Körper normal? Bin ich normal? Jeder denkt, er muss der Norm entsprechen. Hier versuchen wir, Orientierung zu bieten. Mit unserem „Projekt Aufklärung“ wollen wir etwas ändern. Sexualität und sexuelle Gesundheit ist in Deutschland noch viel zu oft ein Thema, was totgeschwiegen oder klein geredet wird. Es ist aber ganz normal, wichtig und gehört zum Leben dazu.

Wie genau läuft das Projekt ab?

Bei uns sind knapp 75 Leute ehrenamtlich aktiv. Unsere Kernarbeit sind sogenannte Academys, also regionale Aufklärungsseminare, wo wir Schüler zu „Peer-Aufklärern“ ausbilden. Das heißt, diese Schüler kommen von den Schulen und werden von uns in Rhetorik, Körpersprache und sexuellem Fachwissen fit gemacht. Danach sind sie in der Lage, zu zweit in ihrer eigenen Schule in einer jüngeren Klassenstufe einen Workshop anzubieten, wo es um sexuelle Gesundheit, Verhütung oder verschiedene Körperthemen geht. Für unsere Informationen arbeiten wir mit diversen fachlichen Stellen wie Verbänden, Ministerien oder internationalen Gesellschaften zusammen. Wir sind außerdem auf Festivals unterwegs, jedes Jahr verteilen wir international mehrere hunderttausend kostenfreie Kondome. Wir bieten auch einen Kondomautomaten für Schulen an. Damit ist die Möglichkeit gegeben, das Thema visuell sichtbar zu machen. Für uns ist das vor allem ein Kommunikationsanlass, der dafür sorgen soll, dass man ein bisschen die Scham davor verliert, Kondome zu kaufen. Wenn man sieht, dass es 40- oder 50-jährigen Menschen im Supermarkt noch immer total unangenehm ist, Kondome zu kaufen, kann man von einem 14-Jährigen nicht erwarten, dass dieser das auf lockere Art und Weise macht.

Wie bekommt ihr Kontakt zu den Schulen?

Die fragen uns über unsere Homepage an, wo man auch schon viele Informationen findet. Diese Schule wird dann unsere Partnerschule – das Projekt ist kostenfrei, weil das Bundesministerium für Gesundheit unser Programm fördert, sodass wir es flächendeckend anbieten können. Wir müssen aber noch sehr viel tun, um unser Programm bekannter zu machen, damit es verstanden wird. Viele Schüler kommen aber auch auf uns zu, wenn sie uns auf einem Festival oder Aktionstag gesehen haben.

Welchen Hindernissen begegnet ihr bei eurer Arbeit?

Wir sind auf alle angewiesen, die in dem System etwas zu sagen haben. Das fängt mit den Schulleitungen, Fachlehrern und Lehrervertretern an, geht weiter mit den Elternvertretern und am Ende auch den Schülern, die sich zu einer Ausbildung bei uns entscheiden. Wir brauchen das Engagement der ganzen Schulgemeinschaft. Da müssen wir relativ viel Kommunikationsarbeit leisten. Für uns ist aber wichtig: Wir wollen die Lehrer nicht ersetzen, sondern sehen uns ganz klar als Ergänzung. Froh sind wir aber, dass das Projekt im geschützten Raum der Schule stattfindet.

Wie ist der Wissenstand der Jugendlichen vor euren Workshops?

Das Vorwissen ist ganz unterschiedlich. Die Jugendlichen sind ganz bunt gemischt. Viele bringen Fragen und Erlebnisse mit. Bei manchen hat die Aufklärung nicht funktioniert oder sie haben sich nicht getraut, im Aufklärungsunterricht eine Frage zu stellen. Manche haben auch in Internetforen komische Antworten bekommen. Die Aufklärung im Elternhaus ist auch ganz unterschiedlich. Wir wissen aus Erfahrung, dass viele keine Geschwister haben, mit denen sie über diese Themen reden können und wollen und ehrlich gesagt sind die Eltern auch nicht immer der beste Ansprechpartner.

Welchen Vorurteilen bezüglich HIV begegnet ihr?

Es gibt zwei Richtungen. Zum einen geht es um Stigmatisierung: Denn auch heute denken viele Jugendliche, dass HIV nur relevant für bestimmte Gruppen in unserer Gesellschaft ist. Die andere Richtung ist relativ neu: Durch den medizinischen Fortschritt ist es kein Todesurteil mehr, wenn man mit HIV infiziert. Das sorgt im Umkehrschluss dafür, dass bei jungen Leuten häufig nur hängen bleibt, dass es ein Medikament oder eine Pille gibt und man sich keine Sorgen mehr machen muss. Dass es ganz so nicht ist, darüber müssen wir auch aufklären. Auch bei Tripper und Chlamydien muss man aufpassen und die Antibiotika richtig einnehmen – sonst droht auf lange Sicht eine Resistenzbildung. Das ist eine Sache, die ein bisschen komplexer ist. Bei vielen Jugendlichen bleiben einfache Botschaften hängen: Es gibt eine Pille und dann kann sie nicht schwanger werden – um alles andere brauche ich mich nicht kümmern. Genau an diesem Punkt wollen wir aufklären: Jeder soll verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen.

Welche weiteren Ziele hat Jugend gegen AIDS?

Neben dem „Projekt Aufklärung“ haben wir international verschiedene weitere Projekte und Kampagnen. Global fokussieren wir uns vor allem auf das südliche Afrika, die USA und Asien. In Südafrika arbeiten wir beispielsweise daran, gemeinsam mit dem Südafrikanischen Gesundheitsministerium, hunderte kostenlose Kondomautomaten an Technischen Fachschulen aufzuhängen. Beim diesjährigen Treffen der G20 Gesundheitsminister in Okayama sind wir wieder mit dabei und auch in Deutschland haben wir in diesem Jahr noch viel vor – uns wird also nicht langweilig.

Vielen Dank für das Gespräch!