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Ein Virus verändert die Welt

Das Coronavirus ist nun auch in Europa angekommen – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat umfangreiche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus angeordnet: "Es geht um das Gewinnen von Zeit".

Gesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Bundespressekonferenz.Die Bundesregierung informiert in diesem Video zu allen Fragen rund um Corona.

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, betont, dass noch nicht abzusehen ist, wann die Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus gelockert werden. "Wir haben gerade erst begonnen, Corona zu bekämpfen", sagt er in einer Pressekonferenz. Es sei noch völlig offen, wie sich die Epidemie weiterentwickelt.

RKI-Chef Lothar Wieler.Die Vorgaben für eine telefonische Krankschreibung sind weiter ausgedehnt worden, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband mitteilen. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) per Telefon ist nun für bis zu 14 Tage – statt bisher sieben Tage – zu bekommen. Patienten mit leichten Erkrankungen der Atemwege können die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung nutzen. Die Option sei laut KBV bis zum 23. Juni befristet. Eine telefonische Bestätigung der Arbeitsunfähigkeit sei auch möglich, wenn der Verdacht auf eine Corona-Infektion besteht – Patienten müssten dafür also nicht eigens in die Praxis kommen.

Bereits seit zwei Wochen dürfen Ärzte per Telefon eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bzw. eine Bescheinigung für den Bezug von Krankengeld bei der Erkrankung eines Kindes für bis zu sieben Tage ausstellen. Patienten, die Fragen zu ihren Medikamenten haben, können den Bereich "Medical Information" der Pharmaunternehmen kontaktieren.

116117 nur in begründeten Fällen

Mehrere Kassenärztliche Vereinigungen bitten darum, die 116117 nur in medizinisch begründeten Fällen anzurufen. Die Nummer sei denjenigen vorbehalten, die aus einem Risikogebiet kommen oder Kontakt mit einem nachweislich positiv getesteten Menschen hatten und Erkältungssymptome aufweisen, sagt Walter Plassmann, Vorsitzender der KV Hamburg.

Mittlerweile haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband vereinbart, dass Ärzte und Psychotherapeuten ihren Patienten jetzt öfter eine Videosprechstunde anbieten können, die Begrenzungsregelungen seien zunächst für das zweite Quartal aufgehoben, teilt die KBV mit. „Damit sind Fallzahl und Leistungsmenge nicht limitiert.“

Planbare Operationen werden verschoben

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fordert die Kliniken auf, planbare Operationen und Eingriffe zu verschieben. „So entstehen freie Kapazitäten bei der Grundversorgung und insbesondere auf Intensivstationen, um Menschen mit schweren Atemwegserkrankungen behandeln zu können“, sagt er.

Jegliche Kontakte reduzieren

Bundeskanzlerin Merkel informiert darüber, dass es in Krankenhäusern, Vorsorge- und Reha-Einrichtungen sowie Pflegeheimen zu Einschränkungen kommt. Einmal am Tag sei Besuch für eine Stunde zulässig, jedoch nicht von Kindern unter 16 Jahren und nicht von Besuchern mit Atemwegsinfektionen. In diesen Einrichtungen sowie in noch offenen Universitäten, Schulen und Kindergärten sollen Menschen keinen Zutritt haben, die sich in den vergangenen 14 Tagen in Risikogebieten aufgehalten haben.

Merkel fordert die Menschen auf, wenn möglich, öffentliche Verkehrsmittel zu meiden, von zu Hause aus zu arbeiten und jegliche Kontakte auf das Notwendigste zu reduzieren. Außerdem muss auf den Besuch von Veranstaltungen mit Menschenansammlungen verzichtet werden. Bürgern ab 60 Jahren wird eine Impfung gegen Pneumokokken angeraten.

„Maßnahmen, die es so noch nicht gegeben hat“

Neben Schulen und Kindertagesstätten hat nun auch ein Großteil der Geschäfte geschlossen, zudem Spielplätze, Sportanlagen, Schwimmbäder und Fitnessstudios. Verboten sind auch Gottesdienste. Touristische Übernachtungsangebote sowie Urlaubsreisen ins In- und Ausland sind ebenfalls untersagt. Geöffnet sind Einzelhandelsbetriebe für Lebens- und Futtermittel, Wochenmärkte, Lieferdienste, Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien, Tankstellen, Banken und Sparkassen, Poststellen, Waschsalons und der Großhandel, ebenso Baumärkte und Friseure. Merkel erwägt zudem, ob das Sonntag-Verkaufsverbot aufgehoben werden sollte. Dienstleister und Handwerker sollen ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen können.

Bis zu einer Milliarde Euro zusätzliche Mittel für Forschung

„Wir tun jetzt das, was notwendig ist“, kündigt die Kanzlerin zusammen mit Gesundheitsminister Jens Spahn und Prof. Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), an. So würden bis zu einer Milliarde Euro zusätzliche Haushaltsmittel freigegeben, die ins Gesundheitssystem und in die Forschung fließen sollen.

Ambulante Betreuung für leicht erkrankte Personen

Um einem Ärzteengpass vorzubeugen, haben die KVen Westfalen-Lippe und Nordrhein zuletzt Mediziner im Ruhestand um Mithilfe gebeten. Sie sollen unter anderem die Arztnotrufzentrale unterstützen oder einspringen, wenn Praxis-Kollegen ausfallen. Die Stadt Düsseldorf greift bei der Telefonberatung auch auf Medizin-Studenten zurück. Wer tatsächlich nachweislich erkrankt, war bislang grundsätzlich ein Fall fürs Krankenhaus. Mittlerweile hat das RKI seine Empfehlung angepasst: Leicht erkrankte Personen können demnach auch ambulant betreut werden, wenn die stationären Kapazitäten erschöpft sind.