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Die Rückkehr einer Krankheit

Für viele Menschen gehört sie in die Welt von Sanatorien und Lungenheilstätten à la Zauberberg: die Tuberkulose. Doch seit einigen Jahren wächst die Rate der Erkrankten auch in Deutschland wieder an – Grund dafür sind Reisen in ferne Länder und Migrationsprozesse.

Einige Jahre schien es, als ob man die Tuberkulose (TB) hierzulande im Griff habe: Die Erkrankungsraten stagnierten. Doch seit 2013 ist das nicht mehr so, die Zahlen mit Neuinfizierten steigen wieder, wie das Robert Koch-Institut in seinem Tuberkulose-Bericht von November mitteilt. Ein besonders großes Wachstum gab es 2015, als knapp 7.000 neue Tuberkulose-Fälle registriert wurden. TB stellt in Deutschland „nach wie vor ein nicht zu unterschätzendes Gesundheitsproblem“ dar, betonen die Wissenschaftler des RKI. Allerdings: Das Krankheitsgeschehen konzentriert sich zunehmend auf bestimmten Risikogruppen.

Tuberkulose – eine tödliche Krankheit

Verursacht wird Tuberkulose durch Mycobacterien, die vor allem die Lunge befallen, aber auch in andere Organe eindringen können. Die Krankheit verbreitet sich durch Tröpfcheninfektion. Die Symptome sind Husten, Nachtschweiß und Gewichtsverlust. Unbehandelt ist Tuberkulose meist tödlich. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung trägt Tuberkulose-Bakterien mit sich; die Krankheit bricht jedoch erst aus, wenn das Immunsystem eines Infizierten – etwa durch HIV oder Mangelernährung – geschwächt ist. Tuberkulose ist heilbar, jedoch nur mit einer langwierigen Arzneimittelkombinationstherapie.

Besonders betroffen: Migranten

Die Experten vom RKI führen das stärkere Aufkommen der TB auf die gegenwärtig hohen Migrationsbewegungen zurück. Viele Asylsuchende kommen aus Ländern mit hohen Tuberkulose-Inzidenzen und haben daher ein höheres Erkrankungsrisiko. Besonders betroffen sind zum Beispiel Flüchtlinge aus Somalia, Eritrea und Afghanistan. Um herauszufinden, ob sie infiziert sind, wird die sogenannte aktive Fallfindung angewendet: Nach Paragraf 36 des Infektionsschutzgesetzes ist vorgeschrieben, die Lunge bei Asylsuchenden und Flüchtlingen ab 16 Jahren zu röntgen. Knapp ein Drittel der Neuerkrankungen würden über dieses Screening aufgespürt, so das RKI. Die Hälfte der positiv getesteten Personen hätte im Vorfeld keine Krankheitssymptome angegeben. „Die aktive Fallfindung ist daher ein wichtiges Instrument zur frühzeitigen Erkennung und Behandlung erkrankter Personen, um so eine Weiterverbreitung der Tuberkulose zu verhindern“, sagen die RKI-Experten.


Die globale Dimension

Trotz der gegenwärtig steigenden Raten gilt Deutschland als Land, das von TB nur gering betroffen ist. Weltweit sieht die Situation anders aus: Dem Tuberkulose-Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind im Jahr 2015 1,4 Millionen Menschen an der Infektion gestorben, dazu weitere 400.000, die neben TB auch an HIV erkrankt waren. Damit zählt die TB zu einer der häufigsten Todesursachen auf der Welt.

Mycobakterium tuberculosisÜber 10 Millionen Menschen steckten sich 2015 neu mit Tuberkulose an, so die WHO. Damit habe die Inzidenz im Vergleich zum Vorjahr um 1,5 Prozent abgenommen. Die Vereinten Nationen hatten sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Zahl der Neuerkrankungen um 80 Prozent im Vergleich zu 2015 zu reduzieren. Um dies zu verwirklichen, müsse bis 2020 ein Rückgang von mindestens 4 Prozent pro Jahr erreicht werden, so die WHO weiter. Doch davon sei man weit entfernt. Allerdings betreffe das Problem vor allem bestimmte Regionen: Über die Hälfte der weltweiten Neuerkrankungen verteilten sich auf nur wenige Länder: Indien, Indonesien, China, Nigeria, Pakistan und Südafrika. „Der weltweite Fortschritt hängt vor allem von der Weiterentwicklung der Behandlung und Vorsorge der Tuberku¬lose in diesen Ländern ab“, schreibt die WHO in ihrem Bericht.

Besonderes Problem: Resistenzen

Die TB gehört zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten weltweit. Sie ist zwar in vielen Fällen heilbar, doch die Behandlung ist teuer, zeitaufwändig und vor allem mit starken Nebenwirkungen verbunden, eine wirksame Impfung gibt es bisher nicht. Es existieren verschiedene TB-Bakterien-Stämme, die sich regional unterschiedlich verbreitet haben. Bisher mussten Betroffene in der Regel vier verschiedene Antibiotika über ein halbes Jahr einnehmen, um die Krankheit zu besiegen.

Laut WHO ist die Anzahl der Patienten mit multiresistenter Tuberkulose in den vergangenen Jahren rasant angestiegen. Knapp 600.000 der weltweiten Neuerkrankungen von 2015 weisen multiresistente Bakterien auf. In diesen Fällen wirkt die übliche Behandlung nicht mehr, es müssen andere Medikamente zum Einsatz kommen, die häufig weniger verträglich sind und auch deutlich länger – oft über ein Jahr – eingenommen werden müssen. Knapp die Hälfte der Erkrankten mit resistenten Erregern leben in Indien, China und der Russischen Föderation.

Ein weiteres Problem bei der Tuberkulose-Bekämpfung ist, dass die Krankheit immer häufiger zusammen mit einer HIV/AIDS-Infektion auftritt. Auch hier sind wieder einige Regionen besonders betroffen: die Länder Afrikas südlich der Sahara, aber auch Russland und die Ukraine.

Weltweite Anstrengungen

Weltweit gibt es bereits zahlreiche Bemühungen, der Krankheit entgegenzuwirken. 2001 haben die Vereinten Nationen (UN) den Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria (Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria, GFATM) ins Leben gerufen. Mit den inzwischen zur Verfügung gestellten 30 Milliarden US-Dollar konnten über 1.000 Programme in mehr als 140 Staaten durchgeführt werden und unter anderem über 15 Millionen Menschen mit Tuberkulose behandelt werden. Deutschland ist gegenwärtig mit 800 Millionen Euro der viertgrößte Geldgeber des Fonds.

Mit verschiedenen lokalen Projekten bekämpft die deutsche Organisation German Doctors seit über 30 Jahren die Tuberkulose unter anderem auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Sierra Leone und Kenia. Sie betreibt zum Beispiel in den Slums von Kalkutta und Howrah mehrere Stadtteil-Tuberkulose-Zentren und spezielle Krankenhäuser für Schwerkranke. Die deutschen Ärzte, die jeweils sechs Wochen ehrenamtlich vor Ort arbeiten, identifizieren Verdachtsfälle und behandeln die Menschen, die sich keinen Arzt leisten können.

Der Aus- und Weiterbildung widmet sich das Berliner Koch-Metschnikow-Forum (KMF). Gemeinsam mit dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) hat die Organisation ein Tuberkulose-Trainingszentrum geschaffen, das Ärzte und Manager von Tuberkulose-Programmen in Diagnostik und Therapie fortbildet und unter anderem die richtige Handhabung der Medikation vermittelt. Der erste Kurs mit Teilnehmern aus Lettland, Litauen, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Kroatien und Südafrika fand im Dezember 2014 statt.

Dringend benötigt: neue Medikamente

Entscheidend für Fortschritte beim Kampf gegen Tuberkulose ist die Entwicklung neuer Medikamenten. Ein Hindernis ist, dass Tuberkulose zu den armutsassoziierten Erkrankungen gehört, sodass nur wenig Geld in Forschung und Entwicklung zu neuen Diagnostika, Medikamenten und Impfstoffen gesteckt wird. Nichtsdestotrotz arbeiteten Forschungsorganisationen und Pharma-Unternehmen gegenwärtig an neuen Wirkstoffen gegen die Krankheit, wie der vfa mitteilt. 2014 wurden erstmals seit 1995 wieder neue TB-Arzneimittel zugelassen und im Markt eingeführt. Die beiden Medikamente greifen über neue Wirkmechanismen an. Um zu verhindern, dass der Erreger auch gegen diese Mittel Resistenzen entwickelt, dürften sie nur wohlüberlegt und in sinnvollen Kombinationen mit anderen Medikamenten eingesetzt werden. Zudem sei auch eine neue Darreichungsform für einen älteren Wirkstoff herausgekommen, so der vfa. Alle drei Medikamente könnten in Kombination mit weiteren Mitteln gegen vielfach resistente TB-Bakterien eingesetzt werden. Weitere Arzneimittel befänden sich in unterschiedlichen Erprobungsphasen. Sie basierten teils auf neuen Wirkstoffen, teils auf solchen, die gegen andere bakterielle Infektionen schon zugelassen sind.

Der beste Schutz vor dem Erreger wäre allerdings eine Impfung, denn so könnte die Verbreitung der Krankheit vor allem auch in Entwicklungsländern rasch gestoppt werden. Forscher arbeiten daher weltweit bereits an etwa zehn verschiedenen Impfstoffen – bisher noch ohne einen vielversprechenden Durchbruch.

Was ist in Deutschland zu tun?

Das Robert Koch-Institut weist darauf hin, wie wichtig es ist, die Entwicklung der Krankheit hierzulande zu überwachen. Neben dem Screening der Asylsuchenden müsse auch das Umfeld eines Erkrankten untersucht werden, um weitere Infizierte frühzeitig zu erkennen. TB-Patienten müssten außerdem ausreichend lange behandelt werden. Darüber hinaus gelte es durch entsprechende Aus- und Fortbildungen in Studium und Beruf sicherzustellen, dass Ärzte über genügend Wissen im Umgang mit TB verfügten.

Der Welt-Tuberkulose-Tag am 24. März soll dazu dienen, die Erinnerung an die Tuberkulose in der Öffentlichkeit wachzuhalten. Er geht auf dem 24. März 1882 zurück, auf den Tag, an dem Robert Koch in Berlin die Entdeckung des Tuberkulose-Bakteriums bekannt gab.

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