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Sexuell übertragbare Infektionen nehmen zu

In Europa und damit auch in Deutschland nimmt die Anzahl der Menschen, die sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten infizieren, immer mehr zu, warnen Experten. Insbesondere junge Erwachsene sind betroffen. Die Bundesregierung bekämpft die Entwicklung mit einer „Strategie zur Eindämmung sexuell übertragbarer Infektionen“.

„Es ist immer die sexuelle Aktivität und das Fehlen von Schutzmaßnahmen, beispielsweise des Kondoms, die das Infektionsrisiko steigen lässt“, stellt Dr. Norbert H. Brockmeyer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für sexuell übertragbare Krankheiten (DSTIG), fest. Der Professor und Experte für Geschlechtskrankheiten an der Universitätshautklinik Bochum appelliert seit vielen Jahren für eine vorurteilsfreie und nicht stigmatisierende Beschäftigung mit Sexualität und sexuell übertragbaren Infektionen. Nur so könne man einer weiteren Ausbreitung von solchen Erkrankungen entgegenwirken, betont er. Auch bereits Infizierte würden profitieren: Werden Krankheiten früh erkannt und behandelt, seien die Heilungschancen in der Regel gut – dazu müssten die Betroffenen allerdings offen und ohne die Angst vor einer Stigmatisierung über ihre Erkrankung reden können, vor allem mit ihrem Arzt.

Was sind STI?

Sexuell übertragbare Erkrankungen oder Infektionen, auch STI (englisch: sexually transmitted infections) oder STD (englisch: sexually transmitted diseases) genannt, sind Krankheiten, die auch oder hauptsächlich durch sexuelle Kontakte übertragen werden können. Sie können von Bakterien, Viren, Pilzen, Protozoen und Arthropoden verursacht werden. Nicht jede Krankheit, die beim Sex übertragen wird, ist eine Geschlechtskrankheit. Ärzte unterscheiden zwischen STI und „klassischen Geschlechtskrankheiten“, zu letzteren gehören beispielsweise Syphilis und Gonorrhoe. HIV-Infektionen, Hepatitis B, Chlamydien und Humane Papillomviren (HPV) dagegen werden zwar beim Sex übertragen, gelten aber nicht als Geschlechtskrankheiten. Das Risiko, sich mit einer STI anzustecken, lässt sich durch „Safer Sex“ reduzieren, zum Beispiel durch den Gebrauch eines Kondoms. Damit wird nicht nur Rücksicht auf die eigene Gesundheit genommen, sondern auch auf die anderer Menschen.

Konstante HIV-Neuinfektionen – andere Erkrankungen nehmen zu

Nach der dramatischen HIV-Ausbreitung in den 1980er Jahren gingen die sexuell übertragbaren Krankheiten in Deutschland zunächst stetig zurück. Inzwischen spricht die DSTIG jedoch von einem Comeback. Zwar blieben die HIV-Neuinfektionen bundesweit mit circa 3.000 Fällen jährlich seit langem konstant und seien weltweit die niedrigsten, allerdings würden vor allem in den letzten zehn Jahren stattdessen andere Infektionen wieder gehäuft vorkommen.

So infizierten sich hierzulande laut der Fachgesellschaft rund 80.000 Menschen pro Jahr mit HPV. Die Viren könnten unter anderem Gebärmutterhalskrebs verursachen. Betroffen seien meist junge Männer oder Frauen. Anlass zur Sorge böten auch die jährlich 100.000 bakteriellen Infektionen durch Chlamydien, die bei Frauen und Männern Unfruchtbarkeit auslösen können, so die DSTIG.

Syphilis: Verbreitung vor allem unter Männern

Daten zu Syphilis wiesen ebenfalls auf einen ansteigenden Trend hin. Im Jahr 2014 wurden circa 5.700 Syphilis-Infektionen gemeldet, der Großteil betraf Männer: Laut Robert Koch-Institut (RKI) waren 4 von 5 der gemeldeten Fälle über sexuelle Kontakte zwischen Männern übertragen worden. Die Zahl der Infektionen, bei denen Kontakte zu Prostituierten als Quelle angegeben werden, bleibe dagegen konstant. „Hier müssen wir das Risikoverhalten betrachten und keine Scheindebatte über Prostitution führen“, sagt Brockmeyer auf dem STI-Kongress 2016. So würden Syphilis-Ausbrüche auch bei Besuchern von Swingerclubs beobachtet.

Ansteigende Infektionsraten seien vor allem bei jungen Erwachsenen in der sexuellen Findungsphase zu beobachten. Brockmeyer: „Hier müssen wir in Deutschland viel mehr Aufklärungsarbeit leisten.“ In dieser Gruppe seien hierzulande insbesondere Chlamydien und HPV weit verbreitet. In der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (kurz: DEGS) des RKI wurden Prävalenzen von 4,5 Prozent bei 18- bis 19-jährigen Frauen und 4,9 Prozent bei 25- bis 29-jährigen Männern geschätzt.

Soziale Netzwerke erleichtern Kontaktaufnahme

Die Anzahl der Sexualpartner, die sexuelle Orientierung, bestimmte Sexualpraktiken sowie psychosoziale Faktoren hätten Einfluss auf das Risiko, sich zu infizieren, heißt es in der „Strategie zur Eindämmung sexuell übertragbarer Infektionen“ der Bundesministerien für Gesundheit und für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (siehe Link am Ende des Beitrags). Zusätzlich veränderten und erleichterten soziale Netzwerke und Internet-Dating-Portale die Kontaktaufnahme. Dies habe Einfluss auf das Sexualverhalten.

„Auch injizierende Drogengebrauchende sind besonders von HIV-, Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Übertragungen durch Blutkontakte betroffen“, wird im Bericht festgestellt. Neben den Opioidkonsumenten gebe es neue Gruppen von Drogenabhängigen, die vor allem Crystal, Speed und andere aufputschende Drogen, sogenannte Partydrogen, zu sich nähmen. „Durch den Konsum dieser Drogen werden sowohl das Sexual- als auch das Schutzverhalten beeinflusst“, konstatieren die Autoren. Dadurch und ebenfalls durch das gemeinsame Benutzen von Injektions- bzw. Inhalationsutensilien steige das Infektionsrisiko.

Zudem nehme die Mobilität innerhalb Deutschlands, in Europa und weltweit weiterhin zu. Dabei spielten sowohl die berufliche Reisetätigkeit als auch das Freizeitverhalten eine Rolle. Aufgrund der Mobilität ergäben sich in Deutschland, aber auch für Auslandsreisende Vulnerabilitäts- und Risikofaktoren, wie etwa die Entstehung sexueller Netzwerke innerhalb der Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben, die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen oder der Drogenkonsum. Auch Tattoo- oder Piercingstudios im Ausland entsprächen häufig nicht den notwendigen Hygienestandards, bemängelt der Bericht. Die Anzahl der Tätowierwilligen steige aber, auch im Ausland. All dies seien STI-begünstigende Faktoren.

Maßgeschneiderte Prävention auf dem Weg

Laut der Strategie der Regierung sollen in der Allgemeinbevölkerung die Kenntnisse zu HIV sowie das Schutzverhalten auf hohem Niveau gehalten werden. Das Basiswissen zu anderen STI müsse dagegen aufgebaut werden.

Junge Mädchen könnten durch frühzeitige Impfungen vor Gebärmutterhalskrebs geschützt werden. Die Ausdehnung der HPV-Impfung auf Jungen werde derzeit durch die Ständige Impfkommission (STIKO) geprüft. Jugendliche sind in dem Strategiebericht eine zentrale Gruppe für die Prävention. Durch frei und einfach zugängliche Aufklärungsmedien zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen, Präventionsangeboten im Bereich der sozialen Medien sowie eine qualitätsgesicherte Sexualaufklärung in Schulen sollen junge Menschen möglichst frühzeitig an einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität und das Wissen über sexuell übertragbare Infektionen herangeführt werden.

Die Kampagne der BZgA zur Prävention

Kampagnenmotiv der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu sexuell übertragbaren KrankheitenKampagnenmotiv der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu sexuell übertragbaren Krankheiten (© BZgA /screenshot pag)
Bereits seit 1987 hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter dem Dach von „Gib Aids keine Chance“ eine der größten Kampagnen zur Gesundheitsförderung in Deutschland umgesetzt. Seit Mai 2016 wird die Initiative unter dem neuen Namen LIEBESLEBEN fortgesetzt, um neben HIV auch andere STI sowie weitere Themen der sexuellen Gesundheit effektiv und zeitgemäß kommunizieren zu können. Dazu treibt die Kampagne die Enttabuisierung der Kommunikation über STI voran und fördert weiter die Solidarität mit von HIV betroffenen Menschen. Sie klärt auf über Risiken, Nicht-Risiken und Schutzmaßnahmen und sie aktiviert zur Kondomnutzung und zum Arztbesuch bei Verdacht auf eine STI.

Bis 2030 Epidemien beenden

Deutschland verfolgt gemeinsam mit seinen Partnerländern das im Rahmen der nachhaltigen Entwicklungsziele der Agenda 2030 von der internationalen Gemeinschaft vereinbarte Ziel, ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern. Als Teil dieses Ziels wurde vereinbart, bis 2030 die Epidemien von AIDS und Tuberkulose zu beenden, Hepatitis zu bekämpfen und den universellen Zugang zu Diensten und Informationen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte (SRGR) zu sichern.

Weiterführende Informationen:

  • Die „Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. BIS 2030 – Bedarfsorientiert. Integriert. Sektorübergreifend“ wurde erstellt durch das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, online unter: https://www.bmz.de
  • Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland: http://www.rki.de
  • Unterlagen des STI-Kongress 2016: http://dstig.de
  • Die Deutsche Gesellschaft für sexuell übertragbare Krankheiten hat folgende Homepage: http://dstig.de/
  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat einen Themenschwerpunkt zu STI: http://www.bzga.de/themenschwerpunkte/hiv-sti-praevention/. Die Kampagnen-Homepage ist unter folgender Adresse zu finden: http://www.liebesleben.de/

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