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Tuberkulose: „Vor Resistenzen haben wir Angst“

Die Tuberkulose erlebt gegenwärtig in Deutschland eine kleine Renaissance. Im Interview mit dem vfa-Patientenportal erklärt der Ulmer Lungenfacharzt Dr. Michael Barczok, wie die Krankheit behandelt wird.

Herr Dr. Barczok, wie werden Personen, die an Tuberkulose erkrankt sind, hierzulande versorgt?
Dr. Michael Barczok, Lungenfacharzt in UlmDas kommt darauf an, in welchem Stadium sich die Erkrankung befindet. Grundsätzlich werden drei Formen unterschieden: Im ersten Fall wird eine Ansteckung befürchtet, weil jemand in der Familie erkrankt ist und ein Angehöriger die Bakterien aufgefangen haben könnte. Als nächstes gibt es die geschlossene Tuberkulose. In diesem Fall können bei dem Betroffenen Antikörper gegen die Bakterien nachgewiesen werden, aber er ist noch nicht ansteckend. Als drittes gibt es die Form, bei der bei jedem Husten oder Niesen Tuberkulose-Erreger aushustet werden – das ist die offene Tuberkulose, sie ist hochansteckend. Jede der drei Formen muss unterschiedlich behandelt werden.

Fangen wir mit dem Verdacht an, dass sich jemand angesteckt haben könnte. Wie wird da vorgegangen?
Wenn die Möglichkeit besteht, dass sich jemand bei einem Tuberkulose-Erkrankten angesteckt hat, wird zuerst einmal ein Test gemacht. Das kann ein Hauttest, der sogenannte Tuberkulin-Test, oder ein Bluttest, der Quantiferon-Test, sein. Darüber wird feststellt, ob sich der Körper in letzter Zeit mit Tuberkulose-Bakterien beschäftigt hat. Wenn ja, muss man unterstellen, dass Bakterien in die Lunge gekommen sein könnten und gerade dabei sind, sich zu vermehren. In der Regel geben wir dem Patienten dann für drei Monate spezielle Antibiotika, die bei Tuberkulose helfen. Das ist eine Art Vorbeugebehandlung, damit die Krankheit gar nicht erst entsteht.

Was passiert, wenn die Erkrankung schon eingetreten ist?
Wenn ein Patient bereits einen Fleck auf der Lunge hat, wird getestet, ob im Auswurf der Erreger nachgewiesen werden kann. Wenn dies nicht der Fall ist – der Betroffene also eine geschlossene Tuberkulose hat – behandeln wir das auch mit Antibiotika. Der Unterschied zur Vorstufe ist jedoch, dass man mehrere Mittel gleichzeitig gibt, weil Tuberkulose-Bakterien nur schwer zu bekämpfen sind.

Können Sie uns das näher erläutern?
Antibiotika helfen grundsätzlich nur, wenn Bakterien sich fortpflanzen. Immer nur in der Phase, wenn sie sich teilen, können sie durch Antibiotika vernichtet werden. Normale Bakterien, zum Beispiel Streptokokken, teilen sich alle zehn oder 20 Minuten. Tuberkulose-Bakterien teilen sich aber nur alle paar Wochen. Die Krankheit entsteht dementsprechend ganz langsam, zwischen Infektion und einem im Röntgenbild sichtbaren Befund vergeht eine lange Zeit. Dadurch merken die Betroffenen oft nicht, dass sie krank sind. Um die Krankheit zu behandeln, müssen die Patienten mindestens ein Jahr Antibiotika nehmen – nur dann kann man sicher sein, dass man auch wirklich jedes Bakterium in der Teilungsphase erwischt wird. Außerdem müssen mehrere Antibiotika gleichzeitig geben werden, sonst kommt es zur Bildung von Resistenzen und das Mittel wirkt nicht mehr. Früher mussten Patienten mit einer geschlossenen Tuberkulose ins Krankenhaus, heute kann diese Form zu Hause behandelt werden.

Und wie sieht die Behandlung bei der offenen Form aus?
Die offene Tuberkulose ist die gefährlichste Form. Bei ihr können im Auswurf Tuberkulose-Bakterien nachweisen werden. Damit sich andere Menschen nicht anstecken, müssen Erkrankte in der Regel für einige Zeit in eine Klinik und isoliert werden. Allerdings haben wir die offene Form in den letzten Jahren in Deutschland ganz selten gesehen. Sie betrifft meist nur Randgruppen, zum Beispiel Obdachlose, Alkoholiker – also Menschen, die häufig einen ganz schlechten Gesundheitszustand haben und nicht zum Arzt gehen. Gefährdet sind auch chronisch kranke Menschen, zum Beispiel HIV-Patienten, Diabetiker oder Krebskranke, sie neigen eher als andere dazu, eine Tuberkulose entwickeln.

Macht sich in Ihrer Praxis die Zunahme von Flüchtlingen und Asylbewerbern bemerkbar?
Ja, definitiv. Wir sehen jetzt häufiger Tuberkulosepatienten als früher. Wir haben hier in Ulm zwar kein großes Aufnahmelager, sondern nur kleinere Einrichtungen, die vor allem Jugendliche aus Syrien, Irak und Äthiopien aufnehmen. Angesichts der schwierigen Lebensbedingungen in diesen Ländern ist es auch nicht überraschend, dass haben wir in dieser Gruppe einige Fälle mit Tuberkulose sehen. Bisher waren die Patienten immer sehr gut ansprechbar und motiviert, die Krankheit zu behandeln. In der Folge davon gab es auch immer wieder deutsche Betreuungspersonen, die dann im Rahmen der ASV nachuntersucht und beobachtet wurden.

ASV bedeutet Allgemeine Spezialfachärztliche Versorgung. Worum geht es dabei?
Die ASV wurde ins Leben gerufen, damit Patienten mit sehr schweren oder sehr seltenen Erkrankungen besser versorgt werden können. Für bestimmte Erkrankungen werden interdisziplinäre Teams gebildet. Sie bestehen aus niedergelassenen Ärzten und Krankenhausärzten, die dann gemeinsam einen Patienten versorgen. Zu den ersten zwei Krankheiten, die für die ASV benannt wurden, gehörte die Tuberkulose. Unsere Praxis war die erste in Deutschland, die ein solches ASV-Team für Tuberkulose gebildet hat. Gegenwärtig behandeln wir in dieser Versorgungsform etwa 70 Patienten im Quartal. Das ist für uns nicht viel – wir sind eine große Lungenfacharztpraxis.

Welche Vorteile hat die ASV für Patienten?
Bei der Tuberkulose bringt die ASV nicht so viel. Der Tuberkulosespezialist ist und bleibt der Pneumologe, weil die Lunge das Organ ist, das die Erreger am häufigsten angreifen. Ein Vorteil ist vielleicht, dass in der ASV bei schweren Fällen die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten und der Klinik besser klappt. Auch wenn neben der Lunge noch andere Organe von der Tuberkulose betroffen sind, können schnell weitere Spezialisten hinzugezogen werden, zum Beispiel ein Gynäkologe, ein Urologe oder ein Orthopäde – sie alle sind Teil des interdisziplinären ASV-Teams. Aber Komplikationen mit anderen Organen sind extrem selten.

Können Asylbewerber auch im Rahmen der ASV behandelt werden?
Nein, das können sie nicht. Asylbewerber gehören nicht zur Gesetzlichen Krankenversicherung. Die Leistungen laufen bei ihnen direkt über das Sozialamt oder das Land. Aber das macht in der Behandlung keinen Unterschied. Wir dürfen bei Asylbewerbern nur Krankheiten behandeln, die dringend sind. Aber wenn er Tuberkulose hat, dann wird er genauso behandelt wie andere Patienten auch.
Für uns Ärzte ist es sogar günstiger, weil die Beschränkungen, die wir bei Kassenpatienten haben, hier nicht gelten. Patienten, die über das Sozialamt kommen, können wir zusätzlich behandeln, ohne dass wir Angst haben müssen, unsere Fallzahl zu überschreiten – ähnlich wie auch bei der ASV

Eine letzte Frage: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat wiederholt vor zunehmenden Resistenzen gewarnt. Hatten Sie schon solche Fälle?
Davor haben wir Angst. Es gibt Fälle, in denen keines der üblichen Antibiotika gegen Tuberkulose mehr hilft, da würde ich mich ungern anstecken – ich habe ja auch Verantwortung für meine Mitarbeiter. Aber bislang ist das bei uns noch nicht vorgekommen. Wenn es aber so ist, dann muss der Betroffene stationär behandelt werden, dort müssen dann besondere Schutzmaßnahmen getroffen und auf spezielle Medikamente ausgewichen werden.

Herr Dr. Barczok, vielen Dank für das Gespräch.

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