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„Früherkennung ist ein wichtiger Schlüssel zur Heilung“

Zum Start des heutigen Darmkrebsmonats erklärt Dr. Christa Maar, Vorstand der Felix Burda Stiftung, über die Dringlichkeit von Präventionsmaßnahmen, das neue Darmkrebs-Screening-Verfahren 2019 und was sie sich von der Forschung verspricht.

Dr. Christa Maar.Frau Dr. Maar, Sie haben es durch Ihren unermüdlichen Einsatz für die Darmkrebsfrüherkennung geschafft, der Krebsprävention auch politisch einen höheren Stellenwert einzuräumen. Die Regierung hat sich mit der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ zum Ziel gesetzt, in den nächsten zehn Jahren das Thema voran zu treiben. Warum gibt es in Deutschland bis heute noch kein Konzept für Krebsprävention?

Es gibt für einzelne Krebserkrankungen Screening-Maßnahmen und jeweils auch ein bevölkerungsbezogenes Programm, wie beispielsweise bei Darmkrebs, Brustkrebs und Hautkrebs. Einzig für Brustkrebs wurde bisher ein Einladungsverfahren konzipiert, das heißt die anspruchsberechtigten Frauen werden angeschrieben und zur Untersuchung eingeladen. Für Darmkrebs soll dieses Verfahren nun endlich im Juli 2019 kommen. Bei Hautkrebs muss man schon selbst wissen, dass man einen Anspruch auf die Untersuchung hat. Es fehlt generell an wirkungsvollen Kommunikationskonzepten. Das Thema Prävention und Früherkennung von Krebserkrankungen ist in Deutschland stark unterbewertet und hat auch in der Forschung bisher eine eher untergeordnete Bedeutung. Dabei weiß man, dass Früherkennung ein wichtiger Schlüssel zur Heilung ist. Insofern ist die Tatsache, dass die Nationale Dekade gegen Krebs nicht nur auf die Verbesserung der Therapie, sondern auch auf die verbesserte Früherkennung und Prävention von Krebserkrankungen zielt, ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Wie kann die Prävention konkret gefördert werden?

Bei der neu ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe Prävention, in der Experten aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen mitwirken, wird es zunächst darum gehen müssen, höhere Teilnahmequoten an den bestehenden Screening-Programmen zu erreichen. Diese sind zwingend notwendig, um die Wirksamkeit der Programme zu belegen. Eine Hochrechnung des Deutschen Krebsforschungszentrums weist darauf hin, dass sich durch höhere Teilnahmeraten bis zu 40 Prozent der Krebsneuerkrankungen verhindern ließen. Dass die vorhandenen Präventions- und Früherkennungsprogramme unzureichend genutzt werden, hat in erster Linie mit einem eklatanten Mangel an geeigneter Kommunikation zu tun. Dieser bewirkt, dass die Menschen die Programme entweder gar nicht kennen, nicht auf sich beziehen oder ihre Wirkung falsch einschätzen. Das muss sich ändern.

Nicht alle Krebsarten lassen sich durch Vorsorgeuntersuchungen rechtzeitig erkennen. Gute Ergebnisse im Sinne von Früherkennung zeigt die Vorsorgedarmspiegelung (Koloskopie). Sie wird gegenwärtig aber zu wenig in Anspruch genommen. Was würden höhere Teilnehmerquoten bringen?

Ein wichtiger Schritt in Richtung besserer Inanspruchnahme der Vorsorgekoloskopie ist sicherlich das Einladungsverfahren zum Darmkrebsscreening. Ab 1. Juli 2019 sollen die ersten persönlichen Einladungen an Anspruchsberechtigte verschickt werden. Man wird sehen, welchen Einfluss dies auf die Teilnahme an der Vorsorgedarmspiegelung hat. Es ist eine Untersuchung, vor der viele Menschen immer noch Angst haben, weil sie nicht wissen, dass sie nur von erfahrenen Ärzten durchgeführt werden darf und dass die Komplikationsrate extrem niedrig ist. Alternativ kann man sich für den immunchemischen Test entscheiden. Der ist nicht ganz so sensitiv wie die Darmspiegelung, lässt sich aber bequem zu Hause durchführen. Zur angestrebten Teilnahmesteigerung trägt das vorgesehene Procedere aber wohl nicht bei: Man muss den Test beim Arzt abholen und wenn man ihn gemacht hat, muss man ihn auch wieder dorthin bringen. Erwartet wird eine Teilnahmequote von 20 bis 30 Prozent der Anspruchsberechtigten. Wie man es besser und näher an den Bedürfnissen der Versicherten macht, zeigen die Niederländer. Dort erhalten die Angesprochenen zusammen mit dem Einladungsschreiben und einem frankierten Umschlag fürs Labor ein Testkit zugeschickt. Man muss immer bedenken: Bei Präventionsmaßnahmen werden immer gesunde Menschen angesprochen, von denen die meisten wenig Neigung haben, sich mit Krankheiten zu befassen, die sie vielleicht irgendwann einmal bekommen könnten. Man muss ihnen die Teilnahme also so bequem wie möglich machen und all Hürden beiseite räumen.

Immerhin gibt es mit der Gebärmutterhalsimpfung bereits die erste Impfung gegen Krebs. Impfen ist der wirksamste Schutz, wird aber eher zögerlich angenommen. Woran liegt das? Ist das Unwissenheit?

Das ist ein Thema, mit dem wir uns im Rahmen der Dekade sicher näher befassen müssen. Ich denke, es ist ähnlich wie bei Darmkrebs: die Impfung berührt ein Tabuthema. Sie wird den Mädchen ab Einsatz der Pubertät mit 11 oder 12 Jahren angeboten, was richtig ist. Viele Mütter mit Töchtern in diesem Alter denken vermutlich, die Kinder seien zu jung, um an Sex zu denken, und wollen den Töchtern den Kind-Status erhalten. Und die Töchter selbst denken unter Umständen auch noch nicht an Sex. Die Impfung sollte aber möglichst vor der ersten sexuellen Erfahrung gemacht werden. Die Impfquote kann man meines Erachtens nur nachhaltig ändern, wenn man das Thema ganz selbstverständlich in den Schulunterricht integriert.

Krebsprävention soll demnächst besser erforscht werden. Was versprechen Sie sich davon?

Aktuell leben etwas über 4 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Krebsdiagnose, und jedes Jahr erkranken 500.000 Menschen neu an Krebs. Bis zum Jahr 2030 wird ein Anstieg von 23 Prozent prognostiziert. Das sind gewaltige Zahlen, hinter denen sehr viele Einzelschicksale und sehr viel Leid und Trauer in den Familien liegen. Die Zahlen stehen aber auch für exorbitant steigende Kosten. Es gibt durch viele technische Neuentwicklungen jetzt die Möglichkeit, in der Erforschung präventiver Maßnahmen ganz neue Wege zu gehen. Ich setze hier auf die Entwicklung individualisierter Risikoprädiktion mittels Big Data und Künstlicher Intelligenz. Auf längere Sicht sollte dies die Entwicklung personalisierter Präventions- und Früherkennungsmaßnahmen ermöglichen, so dass sich nicht mehr unterschiedslos die Gesamtbevölkerung einem Screening unterziehen muss. Gerade in diesem Bereich verspreche ich mir durch die Zusammenarbeit vieler verschiedener Bereiche einen großen Schritt vorwärts in Richtung Krebsfrüherkennung und -vermeidung.

Vielen Dank für das Gespräch.