Design-Elememt

23. November 2018

Tag der Krebs-Selbsthilfe: „Das Armutsrisiko ist real“

 
„Krebs und Armut“ lautet das Thema des diesjährigen Tages der Krebs-Selbsthilfe. Dass es im Fall einer solchen Erkrankung nicht nur um die Gesundung geht, macht Andrea Hahne vom Haus der Krebs-Selbsthilfe deutlich. „Das soziale und wirtschaftliche Gefüge gerät kräftig auseinander“, sagt sie.

Bei der Veranstaltung in Berlin haben sich mehrere Betroffene zu Wort gemeldet. (© Deutsche Krebshilfe/berlin-event-foto.de)
Bei der Veranstaltung kommen gleich mehrere Betroffene zu Wort. Den Anfang macht Manfred Schmidt*, der einen Verschiebebahnhof zwischen Krankenkasse, Arbeitsagentur und Rentenversicherungsträger erlebte: „Keiner fühlte sich zuständig.“ Obgleich er sich als Kämpfernatur beschreibt, haben ihn die ständigen Auseinandersetzungen mit Behörden zermürbt. „Man fällt in ein tiefes Loch, wie soll man da gesund werden?“

Ähnlich drückt es die Brustkrebspatientin Sabine Gabert* aus. Sie kritisiert: „Das System, das mir helfen soll, bereitet mir zusätzliche Schwierigkeiten.“ Sie fühlte sich beispielsweise von ihrer Krankenkasse unter Druck gesetzt, die sie noch während der Chemotherapie mehrfach zu einer Reha aufforderte. „Dabei wollte ich erst einmal mein Leben auf die Reihe bekommen und arbeiten gehen“, erläutert Gabert.

Bürokratisch die Hosen herunterlassen

„Man wird medizinisch ausgezogen und dann muss man auch noch bürokratisch die Hosen herunterlassen“, konstatiert Yvonne Schubert*, die wie Gabert an metastasierten Brustkrebs erkrankt ist. Die junge Frau musste zwischenzeitlich mit extrem wenig Geld auskommen, lebte ein halbes Jahr von Spendengeldern. Allgegenwärtig ist für sie die Angst, dass das Geld nicht reicht. Kleine Extras, um auf andere Gedanken zu kommen – beispielsweise ins Café zu gehen – kann sie sich nicht leisten. „Alles, was einem gut täte, fällt weg“. Hinzu kommt das Gefühl abgeschnitten vom normalen Leben zu sein – ein Gefühl der Isolation.
Auf der Veranstaltung wird deutlich, dass auch Patienten, die sich finanziell auf der sicheren Seite wähnten, in Folge einer Krebserkrankung in finanzielle Bedrängnis geraten können. Eine von ihnen ist Marlene Ziegler*, Angestellte des Öffentlichen Dienstes. „So etwas passiert mir nicht“, habe sie vor ihrer Darmkrebserkrankung gedacht. Doch Zuzahlungen, Fahrtkosten und Co. brachten sie in eine finanzielle Schieflage, in der sie sehr dankbar war für externe Unterstützung.

Deutsche Studien sind Mangelware

Studien aus dem Ausland zeigen, dass 28 bis 48 Prozent der Krebspatienten mit einer hohen objektiven finanziellen Belastung konfrontiert sind. Ergebnisse aus Deutschland seien Mangelware, führt Prof. Matthias Richter von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg aus. Die wenigen Studien offenbarten aber, dass auch hierzulande Patienten mit finanziellen Problemen konfrontiert sind. Richter nennt einige Zahlen:

• 13 bis 28 Prozent der Brust- und Prostatapatienten berichten von Zuzahlungen.
• 34 Prozent der Krebspatienten berichten, dass sich ihre finanzielle Lage negativ verändert hat.
• Circa 20 Prozent der Brustkrebspatienten berichten von finanziellen Schwierigkeiten.

Der Wissenschaftler unterscheidet bei der objektiven finanziellen Belastung zwischen indirekten Kosten (z.B. Einkommensverluste), direkten medizinische Kosten (z.B. Zuzahlungen zu Medikamenten, Heil- und Hilfsmittel) und direkten nicht-medizinische Kosten (z.B. Haushaltskosten, Fahrtkosten). Sein Fazit lautet: Auch in Deutschland kann eine Krebserkrankung erhebliche finanzielle Belastungen für die Patienten bedeuten. „Das Armutsrisiko ist real.“

Das Haus der Krebs-Selbsthilfe – Bundesverband hat einen Forderungskatalog zum Thema Krebs und Armut entworfen. Darin wird unter anderem verlangt, dass der Anspruch auf Krankengeld länger und verlässlicher sein müsse. Die Erwerbsminderungsrente müsse angehoben und leichter zu beziehen sein. Weitere Forderungen betreffen die Themen existenzielle Absicherung, Rehabilitation, Rückkehr in den Beruf, Lotsen sowie Mitsprache.

* Da die Betroffenen anonym bleiben möchten, wurden die Namen von der Redaktion geändert.
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Gesundheit und Krankheit im transkulturellen Kontext", am 18.12.2018 in Köln
weiterlesen

Digitorial

Literaturtipps
Cover Das ist Krebs

"Das ist Krebs. Ein Buch für Kinder über die Krankheit Krebs" von Esther Tulodetzki
weiterlesen