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26. Juli 2018

Demenzvorhersage: Fluch oder Segen?

 
In der Demenzforschung findet derzeit offenbar ein Perspektivwechsel statt – von der Heilung zur Früherkennung. Geheilt werden können Patienten nach wie vor nicht. Aber Tests können bald bereits weit vor Eintritt der ersten Symptome vorhersagen, wie hoch das Risiko ist, an Demenz zu erkranken.

(© Pixabay)
Erste Bluttests dieser Art werden momentan entwickelt. Sie sind im Unterschied zu anderen Verfahren relativ günstig, minimalinvasiv und damit für ein breiteres Screening geeignet. Bei Betroffenen und Angehörigen führt das zu Erwartungen, aber auch zu Ängsten. Die Frage, die sich jeder unwillkürlich stellt, lautet: Würde ich einen solchen Test machen?

Dazu hat der AbbVie Healthcare Monitor im März in Kooperation mit www.gerechte-gesundheit.de eine Umfrage durchgeführt. Der repräsentativen Befragung zufolge würde sich jeder Zweite wahrscheinlich für die Testung entscheiden. Befragte ab 60 Jahren würden den Test häufiger als die anderen Gruppen „auf jeden Fall“ durchführen lassen. Jüngere Befragte unter 40 Jahren sehen dadurch besonders häufig Planungsvorteile für das Leben, zum Beispiel bezogen auf Pflege, Wohnsituation oder Beruf. Unter denjenigen, die einen Bluttest ablehnen, dominiert die Angst vor einer hohen psychischen Belastung. Risiken der Diskriminierung werden allerdings verhältnismäßig selten befürchtet – unabhängig davon, ob die Befragten einen Test auf Altersdemenz machen würden oder nicht. Nur 16 Prozent fürchten Ausgrenzung in der Familie.

Frühtests, Biomarker und Co
Bei Frühtests, die mittels Biomarker Vorboten der Krankheit aufspüren, bevor die ersten Symptome auftreten, können verschiedene Verfahren angewendet werden: zum Beispiel die Positronen-Emissions-Tomographie (PET), ein bildgebendes Verfahren der Nuklearmedizin, oder eine Analyse der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit. Ferner werden momentan blutblasierte Biomarker-Tests entwickelt. Unter Biomarkern sind charakteristische biologische Merkmale zu verstehen, die objektiv gemessen werden und auf einen krankhaften Prozess im Körper hinweisen können. Die Identifikation von Biomarkern, die mit Demenz im Zusammenhang stehen, ist Gegenstand der aktuellen Forschung. Grob kann man beispielsweise zwischen genetischen und neurologischen Biomarkern unterscheiden. Eine Übersicht der Verfahren zur Diagnostik der Alzheimer-Krankheit kann in der Stellungnahme der Bundesärztekammer nachgelesen werden:
http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/WB/SN_Alzheimer_Risikodiagnostik.pdf



Individuelle Abwägung und Herausforderung für das System

Das Für und Wider zur prädiktiven Demenzdiagnostik ist aber nicht nur eine individuelle Entscheidung, die es sorgfältig abzuwägen gilt: Planungsvorteile bzw. bewusstes Risikomanagement versus psychische Belastung und potenzielle Diskriminierungsgefahr. Es stellt auch das Gesundheitssystem vor Herausforderungen. „Momentan ist völlig unklar, wie innerhalb des Gesundheitssystems mit einem auf Demenz bezogenen Biomarker-Ergebnis umzugehen wäre“, sagt Prof. Martina Roes. Die Forscherin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen verweist etwa auf die Gefahr, dass für Betroffene medizinische Leistungen ausgeschlossen werden.

Betroffene bleiben anonym

Geht man noch einen Schritt weiter, so zeigt sich, dass sich nicht nur Fachkreise mit den Herausforderungen, die dieser medizinische Fortschritt im Gepäck hat, auseinandersetzen müssen – auch die gesellschaftliche Dimension ist nicht zu unterschätzen. In Deutschland leben gegenwärtig fast 1,6 Millionen Demenzkranke; zwei Drittel von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Jahr für Jahr treten etwa 300.000 Neuerkrankungen auf. Einer Umfrage der DAK zufolge fürchtet sich jeder zweite Deutsche davor, an Demenz zu erkranken. Offenbar nimmt mit dem Alter die Sorge zu. Laut aktuellen Umfrage im Auftrag der gemeinnützigen Alzheimer Forschung Initiative fürchten von den über 70-Jährigen 61 Prozent die Erkrankung, bei den unter 30-Jährigen sind es lediglich 14 Prozent.

Kommen sie alle in nicht allzu ferner Zukunft für einen Biomarker-Test infrage? Und wie geht es nach dem Test weiter, wenn dieser ein hohes Krankheitsrisiko anzeigt? Sich Jahre vor einem möglichen Krankheitsausbruch als potenzieller Alzheimerpatient zu outen, dürfte gegenwärtig ein gesellschaftliches Tabu darstellen. Nicht ohne Grund bleiben die meisten Betroffenen anonym – etwa jene, die Träger von einem oder mehreren APOE4-Allelen sind und sich auf dem englischsprachigen Webforum www.ApoE4.info austauschen. Der APOE4-Genotyp gilt als der wichtigste genetische Risikofaktor für die Alzheimererkrankung.

Wann fängt Alzheimer an?

Prof. Robert Jütte (© pag, Maybaum)
Die Demenzprädiktion hinterfragt unsere üblichen Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit. Wann hört das eine auf, wann fängt das andere an? Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Eine pragmatische Orientierung zu dem Thema bietet der wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer, der im März eine „Stellungahme zum Umgang mit prädiktiven Tests auf das Risiko für die Alzheimer Krankheit“ herausgegeben hat. Der Vorsitzende des zuständigen Arbeitskreises „Alzheimer-Risikodiagnostik“, Prof. Robert Jütte, zeigt sich im Interview mit dem Ärzteblatt gegenüber den prädiktiven Tests skeptisch: Diese seien lediglich für einen kleinen Personenkreis sinnvoll, den meisten Menschen brächten sie nichts und könnten sogar schaden.

Aktiv geworden ist auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Es fördert das Diskursverfahren „Konfliktfall Demenzvorhersage“, das eine ethische, rechtliche sowie öffentliche Debatte zu dem Thema beleben soll. Eine Stakeholder-Konferenz hat im Juni dieses Jahres stattfinden. Sie dürfte der Diskussion zur Demenzprädiktion wichtige Impulse verleihen. Diese sind dringend notwendig, denn es gibt noch viele unbeantwortete Fragen.

Weitere Informationen

Auskünfte zu dem vom BMBF geförderten Diskursverfahren gibt es hier: www.praediadem.de
Terminhinweise

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zum Beispiel: Von der Qualitäts- zur Patientensicherheitsoffensive am 16.08.2018 in Berlin
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Digitorial

Literaturtipps
Cover Spork

"Gesundheit ist kein Zufall" von Spork Peter
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