Design-Elememt

11. April 2019

Weltparkinsontag: Verdreifachung der Patienten bis 2040

 
Der demografische Wandel und die steigende Lebenserwartung werden die Zahl der Parkinson-Betroffenen in Zukunft weiter steigen lassen. Die Krankheit ist laut Deutscher Gesellschaft für Neurologie (DGN) die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Jeder fünfte Patient wird nicht medikamentös versorgt.

Parkinson ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung. (© iStockphoto/Astrid860)
In Deutschland leben laut Deutscher Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DGP) etwa 400.000 Patienten mit der Parkinsonkrankheit. In 20 Jahren rechnen die Experten mit bis zu 1,2 Millionen Erkrankten. Fast die Hälfte der Betroffenen erkrankt zwischen dem 50. und dem 60. Lebensjahr, weitere 20 Prozent in noch höherem Alter.
Jeder fünfte Patient wird der DGP zufolge nicht medikamentös versorgt. Deshalb sei die enge Vernetzung aller Akteure von Pflegeeinrichtungen über Haus- und Fachärzte bis zur Spezialklinik essenziell. Die Deutsche Parkinson Vereinigung (dPV) fordert die Krankenkassen dazu auf, die Folgen eines nicht medizinisch indizierten Medikamentenaustauschs zu erforschen. Nur mit einer Studie könne die fortgesetzte Gefährdung der Patienten bei gleichzeitiger Verschwendung von Beitragsgeldern beendet werden.

Motorische Symptome

Parkinson ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, bei der laut DGN unter anderem Nervenzellen einer bestimmten Hirnregion, der sogenannten schwarzen Substanz (Substantia nigra) absterben. Diese Zellen produzieren normalerweise den Botenstoff Dopamin. Ein Dopamin-Mangel aufgrund des Zellunterganges führt letztendlich zu einer Unteraktivierung der Hirnrinde, die die Motorik steuert. Daher treten im Verlauf die typischen motorischen Symptome auf wie ein kleinschrittiger Gang, Verlangsamung von Bewegungen, Sprachstörungen, reduzierte Mimik, Zittern, Muskelsteifigkeit in Armen und Beinen sowie zunehmende Bewegungslosigkeit und plötzliches Einfrieren („Freezing“) von Bewegungen. Vor diesen Symptomen kommt es meistens zu vegetativen und psychisch-kognitiven Störungen. Weiterhin werden die Sinnesorgane beeinträchtigt, wie z.B. durch gestörten Geruchssinn, Depressionen, Sehstörungen, Konzentrationsstörungen oder Problemen bei alltäglichen Arbeiten.

Verlangsamte Bewegungsabläufe

Das häufigste Symptom im Frühstadium der Parkinson-Krankheit ist die sogenannte Bradykinese: Dabei verlangsamen sich die Bewegungsabläufe des Patienten. Noch auffälliger ist das Zittern der Hände, was Experten als Ruhetremor bezeichnen. Hinzu kommen eine Steifheit der Muskeln und eine zunehmende Unsicherheit beim Stehen. Für erfahrene Ärzte reichen diese Anzeichen meist aus, um Parkinson zu diagnostizieren. Den Beweis liefert oft die probeweise Einnahme von L-Dopa. Das Standardmedikament kann die Symptome innerhalb kurzer Zeit beseitigen. L-Dopa ersetzt im Gehirn den Botenstoff Dopamin, dessen Mangel für die Erkrankung verantwortlich ist. Für ältere Menschen mit Parkinson sei dies das bevorzugte Mittel, berichtet Prof. Timmermann. Er ist Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Gießen und Marburg und hat mit seiner Kollegin Dr. Josefine Waldthaler in der Fachzeitschrift „Neurologie up2date“ den aktuellen Forschungsstand zusammengefasst. Jüngeren Patienten verordnen die Ärzte häufiger Dopaminagonisten. Sie ahmen die Wirkung des fehlenden Dopamins nach. In den letzten Jahren sind weitere Mittel hinzugekommen: Safinamid und Opicapon hemmen Enzyme, die L-Dopa im Körper abbauen. Das verbessert die Wirkung des Medikaments. Den größten Nutzen davon haben Patienten, bei denen es zu neuen Bewegungsstörungen, sogenannten Dyskinesien, oder zu Schwankungen in der Wirkungsweise von L-Dopa gekommen ist, erklären die Marburger Wissenschaftler.

Telemedizin kann unterstützend wirken

Heilbar ist die Nervenerkrankung bislang nicht und es gibt noch keine Therapie, die die Ursachen der Krankheit bekämpft. Es existieren jedoch laut DGP eine Reihe von Behandlungen, die die Beschwerden lindern und die Lebensqualität der Patienten länger erhalten können. Effiziente, regionale Versorgungskonzepte seien daher ebenso dringlich wie die Erforschung und Bekämpfung der Erkrankungsursachen. Die Forschung ist laut führender Parkinson-Forscher so weit gekommen, dass zumindest der Mechanismus der chronischen Krankheit verstanden und bekämpft werde. Neben der Therapie dürfe es nicht vernachlässigt werden, die Versorgung von Patienten gerade in späten Stadien der Krankheit sowie im Alter weiterzuentwickeln. Telemedizin könne eine unterstützende Rolle in der flächendeckenden Grundversorgung einnehmen.

Tiefe Hirnstimulation


Wenn die Medikamente nicht mehr helfen, kann einigen Patienten durch eine tiefe Hirnstimulation geholfen werden. Unter Narkose werden Elektroden in die erkrankten Hirnregionen vorgeschoben. Leichte elektrische Impulse lindern danach vor allem den störenden Ruhetremor, schreiben Timmermann und Waldthaler. Möglich sind auch Infusionstherapien, bei denen den Patienten das Medikament Apomorphin in konstanter Menge unter die Haut gespritzt wird. Eine weitere Behandlung besteht in der kontinuierlichen Gabe von Dopamin über eine Magensonde. Weder die Hirnstimulation noch die Medikamente können die Zerstörung des Gehirns jedoch aufhalten. Zunehmende Gedächtnisstörungen gipfeln häufig in einer Demenz. Auch hier können Medikamente helfen. In den USA wurde jüngst mit Pimavanserin speziell ein Psychopharmakon für Parkinson-Kranke eingeführt. In Deutschland ist das Mittel noch nicht zugelassen. Die Experten raten Betroffenen jedoch, nicht allein auf neurochirurgische und medikamentöse Behandlungen zu setzen. Viele motorische Störungen und das Gangbild ließen sich auch durch Physiotherapie und Freizeitaktivitäten verbessern. Studien belegten mittlerweile die positive Wirkung von Tango, Paartanz, Irish Dance, Zumba, Samba, Yoga, Nordic Walking und Ballett. „Die positiven Aspekte regelmäßiger nichtmedikamentöser Therapie sollten nicht außer Acht gelassen werden: Sie leistet einen elementaren Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität und zum Erhalt der Alltagskompetenzen, der Mobilität und der sozialen Integration der Patienten“, betonen Dr. Waldthaler und Professor Timmermann.

Verbesserung von Früherkennung und Therapie

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Heidenblut fordert: „Hochschulforschung, Pharmazeutische Industrie und die öffentliche Hand müssen noch enger zusammenarbeiten, um Früherkennung und Therapie zu verbessern.“ Die Krankenkasse AOK hat Parkinson im Unterstützungsprogramm „Pflege in Familien fördern – PfiFf“ als neues Krankheitsbild auf der Informationsplattform www.aok-pfiff.de aufgenommen. Damit soll beispielsweise über psychische Veränderungen oder Demenz durch die Krankheit informiert werden.
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Sind Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft gefährlich?", am 24.04.2019
weiterlesen

Digitorial

Literaturtipps
Cover Das ist Krebs

"Das ist Krebs. Ein Buch für Kinder über die Krankheit Krebs" von Esther Tulodetzki
weiterlesen