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Psychisch gesund während der Corona-Epidemie

Wie läuft die psychotherapeutische Versorgung während der Corona-Krise ab? Wie bleibt man in Home-Office und Quarantäne psychisch gesund? Alle Fragen und Antworten.

Eine gute Tagesstruktur hilft, gesund durchs Homeoffice zu kommen.„Psychisch kranke Menschen brauchen auch während der Corona-Epidemie weiter eine psychotherapeutische Versorgung“, sagt Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Psychotherapie von Angesicht zu Angesicht sei möglich, „solange weder Patienten noch Psychotherapeuten irgendwelche Symptome für Atemwegserkrankungen haben“, erklärt er. Dabei müsse ein ausreichender Abstand von ein bis zwei Metern eingehalten, auf das Hände-Schütteln verzichtet, die Husten- und Nies-Etikette beachtet und Türklinken regelmäßig desinfiziert werden.

Therapie per Videotelefonat möglich

Wenn ein Patient Kontakt zu einem Corona-Erkrankten hatte oder selbst erkrankt ist, bestehe die Möglichkeit, die Behandlung online per Videotelefonat fortzuführen. „Diese Möglichkeit war bis vor Kurzem noch stark begrenzt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen haben jedoch beschlossen, die Begrenzungen aufzuheben“, führt Munz aus. Die neue Regelung gelte vorläufig ab April für das 2. Quartal 2020. „Wenn für den Patienten kein Videotelefonat möglich ist, sollte auch die Behandlung per Telefon möglich sein“, sagt Munz. Dass Akutbehandlungen von der Videobehandlung ausgenommen sind, sei ein Unding. „Gerade diese Patienten brauchen unbedingt Beratung und Behandlung.“

Kontrolle im eigenen Alltag wiederherstellen

Generell gebe es immer mehr Menschen, bei denen eine Art Panik ausgebrochen sei, erklärt Prof. Nadia Sosnowsky-Waschek von der SRH Hochschule Heidelberg. Panik einerseits, sich mit dem Virus anzustecken und andererseits wegen der Ungewissheit, wie man Alltag und Verpflichtungen weiter nachgehen soll. Beim Versuch, Kontrolle im Alltag wiederherzustellen, könnten neue Routinen wie gründliches Händewaschen, Verzicht auf Händeschütteln, Meiden von Menschenansammlungen und gleichzeitig eine positive Umgestaltung des Alltags hilfreich sein. Als Beispiele nennt sie spazieren gehen im Wald, ein Buch lesen oder ein Bad nehmen. „Möglicherweise ist es auch sinnvoll, die Nachrichten nicht im Corona-Liveticker am Handy zu verfolgen, sondern nur einmal am Abend oder nach einer anderen eigenen Vorgabe.“

Online-Programm für Betroffene frei zugänglich

Weil die mit dem Coronavirus verbundenen Ängste und Einschränkungen für depressive Menschen eine große Herausforderung darstellen, haben Betroffene sechs Wochen freien Zugang zum Online-Programm „iFightDepression“, wie die Stiftung Deutsche Depressionshilfe informiert. Durch das Selbstmanagement-Programm werden Menschen mit leichteren Depressionsformen beim eigenständigen Umgang mit den Symptomen geschult und bekommen praktische Hinweise für den Alltag. Betroffene können sich formlos über die E-Mail-Adresse ifightdepression@deutsche-depressionshilfe.de für das Programm anmelden und werden innerhalb von 24 Stunden freigeschaltet.

Tipps, um psychisch gesund zu bleiben

Die Psychologin Julia Leithäuser, stellvertretende Landesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung NRW-Nordrhein, gibt weitere Tipps, wie man psychisch gesund durchs Homeoffice oder die Quarantäne kommt. Wichtig sei eine gute Tagesstruktur: „Setzen Sie sich zur gewohnten Zeit an den Schreibtisch. Legen Sie einen Arbeitsplatz in Ihren Räumen fest, den Sie zu den gewohnten Pausenzeiten verlassen. Wenn Ihre Tätigkeit sonst mit viel Kontakt zu Kollegen verbunden ist, versuchen Sie diesen, soweit möglich, über Telefon und digitale Medien aufrechtzuerhalten“, erklärt sie.

Jeden Tag eine kleine Aufgabe

Soziale Kontakte sollte man auch aus der Ferne aufrechterhalten. „Lächeln Sie den Menschen, denen Sie begegnen, aus der Distanz zu. Lächeln aktiviert Hirnareale, die für Ihr Wohlbefinden sorgen und vermittelt ein Gefühl von Solidarität“, sagt die Psychologin. Auch sollte an Alleinstehende im sozialen Umfeld gedacht werden – „jetzt ist die Zeit für regelmäßige Telefonate“. Ein weiterer Tipp der Pychologin: „Halten Sie Ausschau nach Beschäftigungsmöglichkeiten in Ihrer Wohnung. Jetzt ist Zeit für den Frühjahrsputz! Nehmen Sie sich für jeden Tag eine kleine Aufgabe vor, die sie erledigen wollen. Unser Gehirn liebt es, etwas geschafft zu haben.“ Vielleicht sei jetzt die Zeit zur Reaktivierung längst vergessener Hobbys.

Weitere Beratungsmöglichkeiten

Telefonische und digitale Unterstützungsangebote für psychisch erkrankte Menschen gibt es hier:

- Telefonseelsorge 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 (kostenfei)

- fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch www.diskussionsforum-depression.de

- deutschlandweites Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei)

- E-Mail-Beratung für junge Menschen: www.u25-deutschland.de oder www.jugendnotmail.de