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Psychopharmaka: vernünftige Haltung gefragt

Viele Patienten stehen Psychopharmaka reserviert gegenüber. Umso wichtiger ist es, umfassend über deren Wirkweisen und Nebenwirkungen aufzuklären. Das betont die Fachgesellschaft der Psychiater und Psychologen DGPPN. Psychopharmaka schafften häufig erst die Basis für weitere Therapien.

Die Diskussion um Psychopharmaka ist für Angehörige keine akademische, sondern ein „praktisches Problem“, sagt Janine Berg-Peer vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker. „Es ist unheimlich schwer, eine vernünftige Haltung dazu zu gewinnen.“ Denn: Das Thema ist äußerst komplex. Auch von Wissenschaftlern wird beispielsweise unterschiedlich diskutiert, inwiefern bestimmte Psychopharmaka in die Abhängigkeit führen. Es herrscht jedoch Einigkeit, dass Antidepressiva, Antipsychotika, Stimmungsstabilisierer und Antidementiva nicht abhängig machen, während Benzodiazepine und bestimmte Schlafmittel bereits nach einigen Wochen zu Gewöhnung und nach mehrmonatiger Einnahme auch zu Abhängigkeit führen können.

Psychopharmaka schaffen Basis für weitere Therapien

Prof. Dr. Iris HauthDie wissenschaftlichen Behandlungsleitlinien für Ärzte empfehlen eine Behandlung mit Medikamenten insbesondere bei schweren psychischen Störungen wie Depressionen, Schizophrenie oder bipolaren Störungen. Bestimmte Krankheitsbilder werden durch Psychopharmaka erst behandelbar, indem sie eine Basis für eine psychotherapeutische Behandlung und weitere Ansätze wie Soziotherapie schaffen. Darauf weist die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Dr. Iris Hauth, hin. „Viele Betroffene profitieren von der Pharmakotherapie und können wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben“, sagt die Ärztin.

Was sind Psychopharmaka?

Arzneimittel, die bestimmte, für die Informationsvermittlung verantwortliche Botenstoffe im Gehirn beeinflussen und so die psychische Verfassung verändern – Fachleute sprechen von psychoaktiven bzw. -tropen Effekten. Die Substanzen, die im Medikament enthalten sind, wirken entweder direkt oder indirekt über ihre Stoffwechselprodukte im Gehirn. Unverzichtbar sind Psychopharmaka insbesondere bei der Behandlung schwerer psychischer Störungen wie Schizophrenien oder bipolarer (manisch-depressiver) Erkrankungen oder schwerer depressiver Störungen. Auch bei der Therapie schwererer Angst- und Zwangsstörungen kommt ihnen eine wichtige Rolle zu. Weitere Anwendungsgebiete sind Suchterkrankungen und Demenzen.

Viele haben Vorbehalte gegenüber Psychopharmaka

Hauth, die am Zentrum für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie des Alexianer St. Joseph Krankenhauses in Berlin arbeitet, weiß, dass die auf die Psyche wirkenden Medikamente in weiten Teilen der Bevölkerung auf große Skepsis stoßen. Wie alle Arzneimittel hätten auch Psychopharmaka Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Gerade zu Beginn einer Behandlung würden oft die Nebenwirkungen überwiegen, sagt sie. „Deshalb sollten Psychopharmaka nur unter strenger ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden.“ Eine entscheidende Rolle spielt für Hauth dabei die Patienten-Arzt-Kommunikation. „Wir Ärzte müssen unsere Patienten sorgfältig und transparent über den Nutzen eines Wirkstoffs, aber auch über dessen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen aufklären.

Ganzheitlicher Behandlungsansatz erforderlich

Es darf nicht einseitig auf eine medikamentöse Therapie gesetzt werden, auch diese Botschaft ist Hauth wichtig. Entscheidend sei vielmehr, dass diese Teil eines Gesamt-Behandlungsplans bilde, der auch psychotherapeutische und weitere Behandlungsansätze beinhalte. Das gelte auch für Schizophrenie, über deren Behandlung Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim näher informiert. Er sagt: „Die leitliniengerechte Pharmakotherapie der Schizophrenie findet immer im Rahmen eines Gesamtkonzepts statt.“ Das schließe neben Medikamenten Methoden der Psychotherapie, Sozio- und Ergotherapie und Psychoedukation mit ein.

Beide Ärzte betonen, die Vorbehalte ihrer Patienten gegenüber Psychopharmaka ernst zu nehmen und diese nur nach strenger Indikationsstellung in wirksamen, aber möglichst niedrigen Dosen zu verordnen. Dazu benötige man aber auch die entsprechenden Behandlungssettings mit genügend Zeit und Raum für eine ganzheitliche Therapie, verlangt Hauth.

Die Rahmenbedingungen müssen stimmen

Ähnlich drückt es Janine Berg-Peer aus, deren Tochter an einer psychischen Erkrankung leidet: „Es geht nicht nur um ein ja oder nein zu Psychopharmaka – auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen.“ Sie hält es für wichtig, dass zu Beginn der Erkrankung äußert zurückhaltend mit den Medikamenten umgegangen wird – das habe man lange Zeit anders gehandhabt. Keinesfalls dürften nach einem Krankenhausaufenthalt die teureren Medikamente beim niedergelassenen Psychiater durch ein günstigeres Präparat ersetzt werden. Eine weitere Forderung: Im Verlauf der Krankheit sollte immer wieder überprüft werden, ob man die Dosis verringern könnte. Last but not least mahnt sie ausreichend Zeit an, um Patienten ausführlich zu informieren, sie sollten als „gleichberechtigte Gesprächspartner“ angesehen werden.

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