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1. Oktober 2018

Schon in Kitas seelische Gesundheit fördern

 
Depressionen werden immer häufiger diagnostiziert – junge Erwachsene sind besonders betroffen. Im Kindes- und Jugendalter ist es wichtig, die psychische Verfassung zu stärken. Hier finden Sie Hilfe und erste digitale Anlaufstellen.

Die Bilder von verheulten Frauen oder Piloten, die Flugzeuge in Berge fliegen, haben alle sofort im Kopf: Davon ist der Slampoet Tobi Katze überzeugt, wenn es um Depressionen geht. Trotz häufigerer Diagnosen würden sich viele Betroffene aus genau aus diesem Grund nicht trauen, offen mit der Krankheit umzugehen, weiß der Autor aus Erfahrung. Er selbst ist erkrankt und möchte, dass anders mit dem Thema umgegangen wird: „Wir sind ganz normale Leute, nicht besonders dünnhäutig oder besonders gefährlich. Zeigt uns so. Wenn ihr uns schon zeigen müsst“, fordert er.

Definition: Eine Depression tritt dann auf, wenn über mehr als zwei Wochen mindestens drei der folgenden Symptome auftreten: Niedergeschlagenheit, wenig oder kein Empfinden von Freude, schnelle Ermüdung und kaum Antrieb. Hinzu können Störungen des Schlafs, leichte Erschöpfbarkeit, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste, negative Gedanken, Pessimismus oder sozialer Rückzug kommen.


Unter allen Altersgruppen sind in Deutschland rund 4,1 Millionen Menschen von der Krankheit betroffen. Sie werde zwar schon häufiger diagnostiziert, sei aber oft noch mit Vorurteilen verbunden, weiß Detlef E. Dietrich, Vertreter der European Depression Association (EDA). Dagegen kämpft der Europäische Depressionstag auch in diesem Jahr, denn es ist bewiesen: „Je früher eine Depression erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen“, erklärt Dietrich.

Gesunde Emotionsregulierung

Etwa die Hälfte der Erwachsenen, die depressiv erkranken, haben schon in der Kindheit – häufig in der Pubertät – erste Symptome entwickelt, weiß Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Deutschen Bundestages. „Es ist notwendig, schon in Kitas und Schulen mit der Förderung der seelischen Gesundheit zu beginnen“, sagt sie und weiß aus ihrer Erfahrung als Ärztin: „Starke Kinder und Jugendliche lernen in der Gemeinschaft, sie selbst zu sein und zum Gemeinwohl beizutragen.“ Gesunde Emotionsregulierung müsse immer wieder geübt werden: Die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen, zu benennen und zu adressieren. Besonders hoher Bildschirmkonsum hemme laut Kappert-Gonther eine valide Emotionsregulierung. Ihr ist vor allem wichtig, dass in den Familien und Schulen die Einsicht ankommt: Depression ist nichts Schlimmes und hat nichts mit Schuld zu tun.

Zukunftsängste und finanzielle Sorgen

Bei Jugendlichen können zahlreiche Faktoren Ursache einer depressiven Erkrankung sein. „Neben Zeit- und Leistungsdruck spielen möglicherweise verstärkt Persönlichkeitsfindung, Zukunftsängste und finanzielle Sorgen eine Rolle“, sagt Dr. Iris Hauth von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Für Politik, Krankenkassen und alle in der psychiatrischen Versorgung Tätigen müsse es oberstes Ziel sein, vorbeugende Angebote zu fördern. Hauth: Depressionen verlaufen in der Regel episodisch und das Risiko ist hoch, im Laufe des Lebens immer wieder daran zu erkranken.

„Enttabuisierung psychischer Leiden tut den Menschen gut“

Aus Sicht der Fachgesellschaft haben psychische Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten aber nicht zugenommen, sondern sind nur sichtbarer geworden und werden häufiger diagnostiziert. Die häufigere Depressions-Diagnose liege laut Hauth daran, dass sich immer mehr Menschen Hilfe suchen. „Das Bewusstsein für die Zusammenhänge von körperlichem und seelischem Leiden ist in den letzten Jahren nicht nur gestiegen, sondern man redet auch offen darüber. Die Enttabuisierung psychischer Leiden tut den Menschen gut“, sagt sie.

Erste digitale Hilfe

In Deutschland beträgt die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz etwa vier Monate – zu lange für Menschen, denen es wirklich schlecht geht. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat in einer Übersicht erste Anlaufstellen zusammengetragen: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe. Das Info-Telefon Depression steht unter der Nummer 0800-33 44 533.

Daneben können digitale Angebote Betroffenen und Angehörigen zur Seite stehen. Der AOK Bundesverband hat den „Familiencoach Depression“ entwickelt: Das interaktive Online-Programm zeigt, wie mit Krisensituationen umgegangen werden kann. „Es bietet den Angehörigen schnelle und direkte Hilfe im Umgang mit dieser besonderen Situation an“, sagt Stefanie Stoff-Ahnis von der AOK Nordost. Es ist kostenfrei unter www.familiencoach-depression.de zugänglich. Das Programm ergänzt damit das Selbsthilfeprogramm „moodgym“ zur Vorbeugung und Linderung von depressiven Symptomen.

Apps und Online-Portale bieten schnelle Hilfe

Auf dem Online-Portal Selfapy (www.selfapy.de) kann komplett anonym eine neunwöchige Therapie durchlaufen werden, die begleitet wird von telefonischen Gesprächen mit Psychologen oder im Chat. Mit der App Moodpath (www.moodpath.de) sollen Fragen zum Wohlbefinden beantwortet werden, wodurch das Erkennen einer Depression erleichtert werden soll. Apps wie Arya oder Daylio folgen einem ähnlichen Prinzip der Selbstbeobachtung. Die genannten Apps sind beispielhaft und können den Arztbesuch nicht ersetzen.
Weiterführende Informationen zum Thema Depression sind hier zu finden:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/depression.html
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