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Tag der seelischen Gesundheit: Suizidprävention im Fokus

Berlin/Kassel (pag) – Der heutige internationale Tag der seelischen Gesundheit widmet sich in diesem Jahr der Suizidprävention. Angehörige sollten laut Nationalem Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro) stärker von Hilfsangeboten profitieren können.

Einsamkeit ist oft Ursache seelischer Erkrankungen.Es müsse „konsequent und beharrlich für ein vorurteilsfreies gesellschaftliches Klima im Umgang mit psychischen Erkrankungen“ gearbeitet werden, betont Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. „Damit für die Betroffenen Selbstbestimmung und Teilhabe möglich werden, aber auch damit Prävention gelingt und die verschiedenen Hilfsangebote auch in Anspruch genommen werden.“ Er hat die Schirmherrschaft für die bundesweiten Aktionswochen zur seelischen Gesundheit übernommen und unterstützt den Einsatz für einen vorurteilsfreien, entstigmatisierenden Umgang mit psychischen Erkrankungen.
Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ruft regionale Organisationen und Initiativen dazu auf, sich an den Aktionswochen zu beteiligen. Eine Übersicht der deutschlandweiten Veranstaltungen finden Sie hier.

Hilfe für die Angehörigen

Dr. Iris Hauth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sowie Ärztliche Direktorin des Alexiander St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weissensee sowie Prof. Wolfgang Gaebel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Düsseldorf.„Wenn ein Patient nach einem Suizidversuch in die Notaufnahme eingeliefert wird oder mit Suizidgedanken auf einer Station liegt, sollte auch immer Unterstützung für die Angehörigen, besonders für die Kinder, vermittelt werden. Dies passiert noch viel zu selten“, erläutert Prof. Reinhard Lindner vom NaSPro. „Wir brauchen eindeutige Angebote, die den Menschen Mut machen, sich Hilfe zu suchen“, ergänzt er. Erst nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen gebe es Hilfe. Diese werde jedoch fast ausschließlich durch Selbsthilfegruppen angeboten.
Insbesondere die kompetente Unterstützung der Angehörigen helfe suizidalen Menschen sehr. „Viele nehmen professionelle Hilfe an, wenn ein Nahestehender sagt: Ich will, dass du lebst und nicht stirbst. Hol auch du dir Hilfe“, sagt Prof. Barbara Schneider vom NaSPro. Ein großer Risikofaktor für psychische Erkrankungen ist laut Dr. Iris Hauth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sowie Ärztliche Direktorin des Alexiander St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weissensee, das Thema Einsamkeit. „Wenn sie als Isolation und Ausgrenzung erlebt wird, kann dies zu chronischem Stress führen“, sagt sie. Ein besonders starkes Einsamkeitsempfinden gebe es unter jungen Erwachsenen um das 35. Lebensjahr, im Alter um 60 Jahre sowie in der Gruppe der Hochbetagten. „Stabile und vertrauensvolle soziale Beziehungen sind der beste Schutz für die psychische und körperliche Gesundheit. Hier sind wir alle gefragt“, erklärt Hauth.

Thema offen ansprechen

Auch Baden-Württembergs Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha fordert, dass Angehörige mit in den Blick genommen werden: „Suizidale Handlungen sind immer Zeichen seelischer Not und oft Ausdruck damit verbundener seelischer Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit von Selbsttötungen und suizidalen Krisen lässt sich verringern, wenn es gelingt, die Betroffenen beispielsweise zusammen mit wichtigen Bezugspersonen in Behandlungen und hilfreiche Kontakte zu integrieren“, sagte er und wünscht sich dabei einen „offeneren gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Suizid und psychischen Erkrankungen“. Familienangehörige, Freunde oder Kollegen sollten das Thema bei entsprechenden Warnsignalen möglichst offen ansprechen und neben persönlicher Zuwendung auch auf bestehende Hilfsangebote aufmerksam machen. So können die Betroffenen beispielsweise bei der Suche nach professioneller Hilfe – etwa nach einem Hausarzt, einem niedergelassenen Psychiater oder Psychotherapeuten beziehungsweise einer Klinik – unterstützt werden. Bei akuter Gefahr helfen rund um die Uhr psychiatrische Notfallambulanzen sowie die Telefonseelsorge (0800-1110111 oder 0800-1110222).

Bessere psychotherapeutische Versorgung

Laut aktuellem Psychoreport der DAK-Gesundheit werden Arbeitnehmer mittlerweile am dritthäufigsten aufgrund von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Überlastungen krankgeschrieben, weiß Sylvia Gabelmann, Sprecherin der Fraktion Die Linke für Arzneimittelpolitik und Patientenrechte. „Besonders Frauen sind davon betroffen. Die Politik muss Verantwortung für eine angemessene Versorgung dieser Patientinnen und Patienten übernehmen, aber auch nach den Ursachen forschen“, erklärt sie und ergänzt: „Deutschland braucht mehr Psychotherapie: Für die jährlich 2,2 Millionen psychisch Erkrankten steht keine ausreichende Versorgung zu Verfügung.“ Im Schnitt müssen Erkrankte 20 Wochen auf einen Therapieplatz warten – ein zu langer Zeitraum, der viele Krankheitsbilder noch verschlimmern kann, findet Gabelmann. Jens Spahns Reform der Psychotherapeutenausbildung sei überfällig, dennoch bestehe Handlungsbedarf: „Die Übergangsregelungen für bereits in Ausbildung befindliche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind völlig unzureichend“, sagt Gabelmann. Studieninhalte und Approbationsordnung des neuen Studiengangs Psychotherapie seien noch gänzlich unklar. Auch fehle eine Finanzierungsgrundlage für die vorgesehene ambulante Weiterbildung. Gabelmann: „Damit steht die psychotherapeutische Gesundheitsversorgung in Deutschland auch nach der Gesetzesreform auf eher wackligen Beinen, worunter alle Beteiligten leiden.“ Auch die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fordert den Gesetzgeber auf, für mehr Personal in den psychiatrischen, kinder- und jugendpsychiatrischen und psychosomatischen Kliniken und Fachabteilungen zu sorgen.