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Rheuma: Erkrankung mit 100 Gesichtern

Zum morgigen Weltrheumatag wird deutlich, dass Betroffene heutzutage aufgrund von wirksamen Medikamenten ein selbstbestimmtes Leben führen können. Nachholbedarf gibt es bei den Diagnose- und Versorgungsmöglichkeiten.

In meisten Fällen liege das Alter der Rheuma-Betroffenen zwischen 55 und 75 Jahren.Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland – zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung – leiden unter entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Diese Systemerkrankungen sind durch eine fehlgeleitete körpereigene Abwehr verursacht und können alle Gewebe und Organe des Körpers befallen, informiert die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). Die häufigste und bekannteste ist die rheumatoide Arthritis, von der in Deutschland etwa 640.000 Menschen betroffen sind.

Vielfältige Auslöser

„Rheuma ist eine Erkrankung mit 100 Gesichtern, die mit einer Entzündung in den Gelenken gekennzeichnet ist“, sagt Dr. Jörg Berling, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Etwa zwei Drittel der Patienten seien weiblich, in meisten Fällen liege das Alter der Betroffenen zwischen 55 und 75 Jahren. „Die Krankheit kann in den verschiedensten Gelenken auf unterschiedliche Art und Weise auftreten – wobei mit etwa 75 Prozent die Fingergelenke am häufigsten befallen werden“, erklärt Berling weiter. Bis heute sei nicht wirklich bekannt, welche Ursachen für die Rheumabeschwerden verantwortlich sind. Es werde vermutet, dass das Erbgut eine Rolle spielt. Auch eine sogenannte Autoimmunreaktion wurde bereits zu den möglichen Urhebern gezählt. „Weitere Auslöser, die die Rheumaschmerzen begünstigen können, sind Allergien, Infektionen, Röteln- oder Herpesviren, Übergewicht oder auch häufiges Rauchen. Es wird vermutet, dass die Rheumaursachen häufig nicht nur durch einen, sondern mehrere Faktoren begründet sind, die eine gemeinsame Rolle spielen“, ergänzt Berling.

Gelenke verformen sich

So unterschiedlich sich der Krankheitsverlauf darstellen kann, so vielfältig sind auch die Symptome: Sie können schleichend über die Dauer von mehreren Jahren oder auch schlagartig einsetzen. Ein Grund dafür kann die mehr oder weniger spezifische Art der Beschwerden sein, da zu Beginn der Erkrankung vor allem Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Depressionen, leicht erhöhte Temperatur, Gewichtsabnahme oder ein allgemeines Krankheitsgefühl zu den Symptomen gehören. Erst danach kommen konkretere Symptome wie warme, gerötete oder geschwollene Gelenke hinzu. „Im weiteren Verlauf können sich die Gelenke verformen und verlieren ihre Beweglichkeit. Besonders nachts treten die Schmerzen auf. Rheuma-Finger können dazu führen, dass der Patient Gegenstände nicht mehr richtig greifen kann. In seltenen Fällen sind außerdem Organe wie Herz, Lunge oder auch Augen betroffen“, sagt Berling.

Je eher die Behandlung, desto besser

Für die genaue Diagnose stellt der Rheumatologe zunächst Fragen zur Kranken- und Familiengeschichte, zu den betroffenen Gelenken, zu weiteren Symptomen neben den Gelenkschmerzen und auch zu den Zeitpunkten und der Schwere der Beschwerden. Anschließend können anhand von bildgebenden Verfahren wie Ultraschall oder Magnetresonanztomografie (MRT) Beschwerden einer rheumatoiden Arthritis diagnostiziert werden. Eine genaue Blutuntersuchung ist ebenfalls Teil der Diagnose. Berling: „Für die Behandlung von Rheumapatienten gibt es einen besonders wichtigen Faktor, der entscheidend für den Erfolg der Therapie ist: die Zeit. Je eher mit der Behandlung begonnen werden kann, desto günstiger die Prognose.“

Neun Monate bis zur Diagnose

Die DGRh weist auf den Bedarf einer verbesserten Versorgung von Menschen mit entzündlich-rheumatischen Systemerkrankungen hin. „Weil die Patienten nicht früh genug zum Rheumatologen gelangen, sind sie kurzfristig nicht so gut versorgt, wie es mit heute verfügbaren Medikamenten möglich wäre und benötigen auch langfristig mehr Therapie“, mahnt Prof. Hendrik Schulze-Koops, Präsident der DGRh. Zwischen ersten Anzeichen einer rheumatoiden Arthritis bis zur korrekten Diagnose und zum Therapiebeginn vergehen in Deutschland im Schnitt neun Monate, bei anderen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen vergeht sogar noch weitaus mehr Zeit. „Das Zeitfenster, in dem wir die Krankheit effektiv zurückdrängen könnten, schließt sich nach wenigen Wochen. Je später eine Behandlung einsetzt, desto schwerwiegender sind die Folgen für den Patienten und das Gesundheitssystem im Allgemeinen“, sagt Prof. Hanns-Martin Lorenz, Vizepräsident der DGRh. Screening- oder Frühsprechstunden könnten dies verhindern: Sie ermöglichen es, Menschen mit entzündlichen-rheumatischen Erkrankungen früh zu sehen, ihre Erkrankung zu erkennen und diese zu behandeln. Erste Daten belegen, dass die Krankheit in diesem Fall deutlich effektiver zu behandeln ist.

Medikamente ermöglichen Beschwerdefreiheit

Erstes und wichtigstes Ziel einer Behandlung ist es, Gelenkknorpel und Knochen sowie Gelenkversteifungen zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern“, weiß Berling: „Rheuma ist nicht heilbar, aber durch eine erfolgreiche Therapie lässt sich oft ein weitgehender Stillstand der Erkrankung erreichen.“ Die Krankheit kann gut mit einer Kombination aus entzündungshemmenden Medikamenten und anderen Therapien behandelt werden. „Pharmaforschung zu Rheuma hat vielen Menschen geholfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie hilft aber auch der Volkswirtschaft in Zeiten eines aufkommenden Fachkräftemangels und im demografischen Wandel", sagt vfa-Präsident Han Steutel. Waren im Jahr 1997 rund 42 Prozent der Menschen mit rheumatoider Arthritis erwerbstätig, sind es heute rund 65 Prozent, teilt der vfa mit. Und nur noch rund halb so viele Patienten wie vor 20 Jahren bräuchten heute wegen dieser Krankheit eine Behandlung im Krankenhaus.
Neue Medikamente hätten es ermöglicht, bei vielen zuvor schwer behandelbaren Patienten mit rheumatoider Arthritis Schmerzen und Versteifungen entzündeter Gelenke zu vermeiden – damit auch Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung. Die Arzneimittel greifen an unterschiedlichen Stellen in das überaktive Immunsystem ein. Viele der Medikamente müssen gespritzt oder infundiert werden, doch inzwischen können sich Patienten viele Mittel mithilfe von Pens oder Smart Devices selbst verabreichen.