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Wie entstehen Volkskrankheiten?

In ihrer Größenordnung bisher einzigartig ist die NAKO-Gesundheitsstudie (Nationale Kohorte). Sie hat inzwischen ein wichtiges Etappenziel erreicht: 200.000 Menschen zwischen 20 und 69 Jahren haben schon teilgenommen. Erste Ergebnisse drehen sich um die Häufigkeit von Herzkreislauferkrankungen und psychischen Leiden.

Christian Luft, Staatssekretär aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung beim Festakt der NAKO-Studie.Warum bekommen manche Menschen Krebs, warum werden manche dement? Welche Chancen haben Patienten angesichts neuer medizinischer Möglichkeiten? Diese Fragen stellt sich Christian Luft, Staatssekretär aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung beim Festakt der NAKO-Studie. Die größte Langzeit-Bevölkerungsstudie Deutschlands soll sich diesen Problematiken widmen und Antworten finden, wie die Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung von Volkskrankheiten verbessert werden kann und wie schnellere Diagnosen und zielgenaue Therapien möglich sind.

Männer erleiden häufiger Herzinfarkte
Erste Ergebnisse sind nun veröffentlicht worden. Dabei wird deutlich: Zwei Prozent der ersten 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichten darüber, einen oder mehrere ärztlich diagnostizierte Herzinfarkte erlitten zu haben. Bei Männern wurden jedoch häufiger Herzinfarkte diagnostiziert als bei Frauen – die Herzrhythmusstörung ist jedoch auf beide Geschlechter gleich oft verteilt, erklärt Prof. Tobias Pischon vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft.

Prof. Anette Peters, Vorstandsvorsitzende der NAKO-Gesundheitsstudie.„Depression ist eine Volkskrankheit“
15 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekamen von einem Arzt in der Vergangenheit die Diagnose Depression gestellt – 68 Prozent davon sind Frauen, weiß Prof. Klaus Berger von der Universität Münster. „Depression ist eine Volkskrankheit“, sagt er. Auch das Problem Kopfschmerzen betrifft mehr Frauen als Männer: Nur 46,2 Prozent der weiblichen und 66,6 Prozent der männlichen Studienteilnehmer klagten in den zwölf Monaten vor der NAKO-Untersuchung nicht über Kopfschmerzen. Knapp zehn Prozent der Frauen und nur etwas mehr als zwei Prozent der Männer erfüllen die Kriterien der International Headache Society für Migräne.

Wohnumfeld ist oft zu laut
Ein drittes Thema, das bereits am Beginn der Auswertung steht, sind Belastungen durch die Umwelt. „Unser Wohnumfeld ist nicht so leise, wie es sein sollte“, sagt Dr. Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München. 27 Prozent der ersten 100.000 Teilnehmer fühlen sich durch Lärm etwas gestört, 10 Prozent stark oder sehr stark – Frauen häufiger als Männer.

Untersuchungen in den kommenden 30 Jahren
Die 200.000 Frauen und Männer werden in den kommenden 20 bis 30 Jahren wiederholt medizinisch untersucht und zu ihren Lebensumständen befragt. Weil der Langzeitcharakter der Studie von zentraler Bedeutung ist, werden sie zu den Folgeuntersuchungen immer wieder eingeladen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stammen aus 150 verschiedenen Ländern, was drei Viertel aller Länder der Welt entspricht. „Die NAKO ist de facto eine multi-ethnische Kohorte und spiegelt die Zusammensetzung der Bevölkerung in Deutschland wider“, fasst Prof. Heiko Becher, Direktor des Instituts für medizinische Biometrie und Epidemiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, zusammen.

„Datenschatz, wie es ihn bislang noch nicht gab“
Deutschlandweit messen Wissenschaftler an 18 Studienzentren beispielweise den Blutdruck, überprüfen die Lungenfunktion und führen Ultraschalluntersuchungen durch. Ein großer Teil der Teilnehmenden erhält zusätzlich eine Ganzkörper-Magnetresonanztomographie (MRT)-Untersuchung. Zudem sammeln die Forscher Bioproben, wie etwa Blut und Urin und befragen die Teilnehmenden ausführlich zu ihren Lebensumständen, zur Lebensweise und zum Gesundheitsverhalten. „Dadurch schaffen wir einen Datenschatz, wie es ihn bislang noch nicht gab“, betont Prof. Anette Peters, Vorstandsvorsitzende der NAKO-Gesundheitsstudie. „Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, diesen Datenschatz so aufzubereiten, dass er zukünftig von möglichst vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern genutzt werden kann.“ Eine zweite wichtige Zukunftsaufgabe sei es, die gesammelten Biomaterialien optimal zu nutzen, um das Zusammenspiel der Gene, der Umwelt und des Lebensstils besser zu verstehen. „Dafür verwenden wir moderne Laborverfahren und müssen die zum Teil hochkomplexen Informationen mit modernen wissenschaftlichen Methoden in gut auswertbare Daten überführen“, sagt Peters.

„Weiterer Mosaikbaustein, der in Deutschland gefehlt hat“
Die Studie sei „in ihrer Größe, thematischen Breite und Detailtiefe einzigartig“, betont Dr. Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft in Sachsen. Beim Festakt der Gesundheitsstudie deutet sie an: „Sag mir, wo du wohnst und ich sage dir, welchen Bildungsabschluss und welche Krankheiten du bekommst.“ Prof. Martin Hrabě de Angelis, Direktor des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung, bezeichnet die Studie beim Festakt als einen „weiteren Mosaikbaustein, der in Deutschland gefehlt hat.“ Das Bundesforschungsministerium, 13 Bundesländer und die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren finanzieren die Studie bis 2023 mit insgesamt bis zu 256 Millionen Euro.

Weitere Informationen zur NAKO-Gesundheitsstudie sind unter www.nako.de zu finden.