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Alles digital oder was? Über den bewussten Umgang mit Digitalisierung und Gesundheit

Bewusst mit der eigenen Gesundheit umgehen bedeutet, die richtigen Entscheidungen zu treffen oder das Leben mit einer chronischen Erkrankung gut zu leben. Immer öfter kommen digitale Gesundheitsanwendungen wie Apps, diagnostische Tools zum Hautkrebsscreening und nicht zuletzt Videosprechstunden zum Einsatz. Um wirklich bewusst mit diesen Lösungen umzugehen, braucht es die in den vergangenen Monaten viel besprochene „Digital and Health Literacy“, also das Bewusstsein und die Kompetenz, digitale Lösungen bewusst und sinnvoll für die eigene Gesundheit zu nutzen.

Nutzung steigt durch Corona
Spätestens seit Beginn der Pandemie nutzen Menschen verstärkt digitale Gesundheitslösungen. Auch die Videosprechstunde wird immer häufiger genutzt, eine Umfrage von Jameda bestätigt, dass mehr als 80 Prozent der Befragten, die bereits eine Videosprechstunde genutzt haben, dies wieder tun würden. Persönliche Besuche in der Praxis wären in 50 Prozent aller Fälle gar nicht nötig gewesen, wie eine weitere Studie ergeben hat. Mit der Videosprechstunde spart man also Ressourcen wie Wartezeiten, Wege und Energie bei Patienten, zudem wird das Infektionsrisiko durch Corona bei Patienten und Ärzten minimiert. Klar ist aber auch, nicht immer ist eine Videokonsultation die beste Lösung, verschiedene Tests wie Lungenfunktionstests oder neurologische Test benötigen die persönliche Begegnung mit dem Arzt.

Auch der E-Patient Survey, der seit Jahren von Dr. Alexander Schachinger, Gründer und Geschäftsführer von EPatient Analytics in Berlin, durchgeführt und veröffentlicht wird, bestätigt diese Daten. „Die Zahl der Videosprechstunden stiegen von zwei Prozent auf fünf Prozent in dem Survey“, so Schachinger im Interview mit Birgit Bauer, Patient Expert, Digital Health & Social Media Expertin, Journalistin und Speaker. „20 Millionen Bundesbürger nutzen bereits digitale Gesundheitsanwendungen“, so Schachinger und fügt an: „Patienten sind den Gesundheitsprofessionen oft weit voraus, was Offenheit und den Willen für digitale Gesundheitslösungen betrifft. Sie entdecken selbst Lösungen im Netz, diskutieren sie und empfehlen sie weiter.“

Mehr Aufklärung ist nötig
Gastautorin Birgit Bauer – Patient Expert, Digital Health & Social Media Expertin – lebt mit MS.Nichtsdestotrotz herrscht oft Unsicherheit, was Datensicherheit betrifft. Auch in Sachen künstliche Intelligenz herrscht oft Skepsis, obwohl wir diesen Teil der digitalen Welt fast alle täglich benutzen. Sei es in Social Media oder auch im eigenen Auto, beim Kontakt mit Chat Bots oder in den Apps, die wir täglich benutzen. Es ist wichtig, Bürger jetzt aufzuklären, damit sie bewusst mit ihrer Gesundheit auf digitalen Wegen richtig umgehen und vor allem richtig entscheiden können. „Es fehlt an einer konzertierten, breit gefächerten und deutschlandweiten Informationskampagne, die dafür sorgt, dass die Bürger erreicht werden“, so der Experte. Ein Aufruf, der auch auf dem Digital Health Congress von Bitkom im November von vielen Teilnehmern und Speakern geäußert und gefordert wurde.

Ein anderes Beispiel ist die elektronische Patientenakte, die am 1. Januar 2021 kommen soll. Dazu gibt es zahlreiche Diskussionen, die aber meist im Rahmen von Expertenrunden stattfinden und nur selten den Bürger erreichen oder einbinden. Es gibt viele Fragen über das Was, das Wie, das Woher und Warum in Patientenkreisen. „Daher ist es wichtig, auch die kleinsten Dörfer zu erreichen und dafür zu sorgen, dass die Menschen informiert sind. Reine Marketingmaßnahmen sind nicht ausreichend, es braucht Wissen, verständlich und transparent aufbereitet. Und zwar jetzt und an vielen Stellen on- wie offline“, so der Experte.

Daten sinnvoll nutzen
Ein anderes Thema ist die Datenspende. Oft werden Bürger erst danach gefragt, wenn sie als Notfall und Patient im Krankenhaus eintreffen und sich inmitten von Informationen, Diagnosen und Entscheidungsfindung befinden. Dass die Patienten dann andere Probleme haben als zu entscheiden, ob sie Daten spenden wollen oder nicht, ist verständlich. Hier wäre eine präventive Freigabe der Daten sicherlich hilfreicher. Projekte wie Data Saves Lives, initiiert vom European Patient Forum, versuchen die Wichtigkeit von Datenbanken, Registern etc. mit Wissen und Informationen zu unterstützen und zu erklären, warum Datenspende wichtig ist.

Auch Patientenorganisationen haben Register für verschiedene Erkrankungen eröffnet, um zum Beispiel den Einfluss des Coronavirus auf eine chronische Erkrankung zu messen. Aber auch hier braucht es noch viel Information und Aktionen, um Patienten gut zu informieren und sie zu aktivieren. Nicht zuletzt der European Health Data Space (EHDS), der jetzt unter der deutschen Ratspräsidentschaft der EU auf den Weg gebracht wird, soll dabei helfen, Daten zu vernetzen und nutzbar zu machen, um Gesundheit besser zu fördern und personalisierte Medizin zu gestalten.

Patienten bei Aufklärung einbeziehen
Die Bereitschaft digitale Lösungen zu nutzen, ist bei vielen vorhanden, aber es braucht mehr Information und Aufklärung. Ein gutes Beispiel in Sachen Information ist der Digital Ratgeber, der ein Angebot bietet, das verständlich und einfach ist. Generell gilt, Informationsangebote müssen gebündelt werden und jeden erreichen. Der derzeitige Informationsfluss kommt von unterschiedlichen Beteiligten, wie der Pharmaindustrie, den Kassen, Ministerien, Ausschüssen oder Patientenorganisationen. So gesehen, eine große und oft unübersichtliche Mischung, die für Nutzer schwer überschaubar geworden ist. Wären alle diese Informationen gebündelt und aufbereitet, gemeinsam mit Patienten kommuniziert, könnte dies ein Schritt in eine informierte und involvierte Gesellschaft sein. Blickt man auf Länder wie Estland oder Dänemark, zeigt sich, dass Digitalisierung in Sachen Gesundheit möglich ist. Die digitalen Gesundheitsstrukturen werden von Bürgern angenommen.

Dabei liegt es nicht am Vertrauen, so Schachinger mit Blick auf die Erkenntnisse aus dem E-Patient Survey. „Wir können sehen, dass ein Großteil der Patienten der Sache schon traut und die Vorteile erkennen kann. Wichtig sind einheitliche und verständliche Informationsstrategien.“ Damit Patienten verstehen wie digitale Gesundheit funktioniert und sich die Kompetenz verschaffen, die einen bewussten Umgang mit Apps, der elektronischen Patientenakte und künstlicher Intelligenz ermöglicht und für Verständnis sorgt.

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