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Corona: Beschleuniger für digitale Gesundheitslösungen?

Birgit Bauer, Expertin für Digital Health und Social Media, lebt mit Multipler Sklerose (MS). Sie erklärt aus ihrer Sicht, welche Vorteile digitale Gesundheitslösungen in Zeiten des Coronavirus bringen können.

Lebt mit MS: Birgit Bauer.Da ist es also. Das Coronavirus COVID-19. Es hat in kürzester Zeit dafür gesorgt, dass sich das Leben sehr verändert. Von A wie Abstand über H wie Hamsterkäufe bis T wie Toilettenpapier – alles kommt zum Stillstand. Bürger und Patienten haben viele Fragen und jeder versucht, irgendwie mit der Situation zurechtzukommen.

Besonders Menschen mit chronischen Erkrankungen müssen jetzt aufpassen. Chronisch Erkrankte gehören wie auch Senioren zu den Risikogruppen. Sie gelten als besonders gefährdet und auch Gesundheitsminister Jens Spahn weist immer wieder darauf hin, mit diesen Gruppen vorsichtig und umsichtig umzugehen, Abstand zu halten und diese Menschen zu unterstützen. Ich lebe mit MS und gehöre dazu. Ehrlich gesagt verändert sich für mich gar nicht so viel, denn ich lebe ohnehin schon achtsamer und bewusster. Allerdings habe ich die Wartezimmer meiner Ärzte als Risikoort eingruppiert und würde mich freuen, genau jetzt auf digitale Gesundheitslösungen zurückgreifen zu können.

Wie digitale Gesundheitslösungen helfen könnten

Ein Beispiel sind Videosprechstunden, also Telemedizin. In der Schweiz ist es längst etabliert, in Deutschland wird es noch diskutiert. Der Vorteil ist klar: Ich kann mich online nicht anstecken. Auch der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Klaus Müller, fordert laut Medienberichten Ärzte auf, Videosprechstunden anzubieten. Die Schweiz sei, so Müller in diesem Bereich, sehr weit fortgeschritten. Ärzte können dort per Videosprechstunde eine Diagnose stellen und dazu auch e-Rezepte ausstellen.

Das e-Rezept ist eine weitere, in Deutschland viel diskutierte Sache. Wie viele Menschen sicherlich auch bin ich immer gut mit Medikamenten ausgestattet, die ich täglich oder öfter benötige. Was aber wenn etwas ausgeht oder zusätzlich gebraucht wird? Das e-Rezept wäre jetzt sinnvoll, denn es würde Menschen mit chronischen Erkrankungen helfen, den gesetzlich verordneten Abstand zu anderen einzuhalten und das Risiko, sich anzustecken, minimieren. Ich muss beim Arzt erscheinen um das Rezept abzuholen und ich muss zur Apotheke. Oder ich finde jemanden, der das für mich erledigt. Was, wenn keiner da ist?

Eine erste Maßnahme: Krankschreibung bei Erkältung per Telefon

Am 9. März gab es ein erstes Zeichen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat ermöglicht, dass Ärzte ihre Patienten bei leichten Erkältungssymptomen telefonisch für sieben Tage krankschreiben können. Ohne Untersuchung, aber mit dem Vorteil, die Praxen zu entlasten.

Ob es wirklich eine Entlastung sein wird? Derzeit haben nur Menschen mit leichten Erkältungssymptomen die Chance auf diese Art der Behandlung.
Für uns, die mit einer chronischen Erkrankung leben, ändert sich erst einmal nichts. So lässt sich hier ein weiterer Bedarf feststellen, der sogar nachhaltig wirkt, das Ansteckungsrisiko bei Infektionen oder Viren beschränkt sich nicht nur auf Corona. Es gibt noch die Influenza und andere Erkrankungen, die chronisch Erkrankten durchaus Probleme bereiten können.

Und die Krankengeschichte? #ePA

Eine andere Frage kam von einer älteren Dame, die über mein Blog an mich herantrat: Was, wenn ich in Quarantäne muss und keinen Zugriff auf meine Krankengeschichte, die in Ordnern verpackt ist, habe? „Ich weiß nicht mehr alles so genau“, sagte sie sorgenvoll. Ich kann das verstehen. Nicht immer sind Patienten in der Lage, sich ein pdf-Dokument mit allen relevanten Belegen zu erstellen. An sich ist dies ohnehin mühsam für Patienten und Ärzte, es erfordert Zeit, alles zu bündeln und natürlich zu lesen. So können Informationen verloren gehen. Tritt jedoch ein Notfall ein, können diese Informationen helfen, Menschen richtig und sinnvoll zu behandeln.

Auch ich sammle viele Papiere von über 15 Jahren mit MS. Ich habe vor langer Zeit begonnen, diese Daten in ein pdf-Dokument zu packen. Allerdings gibt es Ärzte, die nicht gerade begeistert über diese Art der Datensammlung sind und nicht jeder Arzt händigte meine Daten in der Vergangenheit auf Anfrage komplett aus. Das heißt auch für mich, dass es Lücken im System gibt. Eine elektronische Patientenakte kann helfen, relevante Daten zu sammeln und mit Ärzten zu teilen, um so eine gute wie effektive Behandlung zu sichern. Dass damit natürlich der Datenschutz gewährleistet sein muss und ich die Hoheit über meine Daten habe, setze ich voraus.

Die Meldewege für eine Infektion sind ebenso anstrengend für die, die sie beschreiten müssen. In sozialen Netzwerken und in den Medien kann man die Berichte über den mühsamen Weg vom Verdacht bis zum Test und dem Ergebnis verfolgen. Die Meinung vieler ist, dass wir bessere, digitale Wege und Strategien benötigen, um Menschen gut und zeitnah zu informieren.

Corona als Beschleuniger für digitale Gesundheitslösungen?

Klar ist, dass das Coronavirus unser System ordentlich durcheinanderbringt. Manche Dinge müssen in Frage gestellt werden, gerade was Verwaltung und die digitale Infrastruktur betrifft. Es ist ein guter Zeitpunkt, um das, was wir diskutieren, zu überdenken und aus der Krise zu lernen. Vielleicht ist Covid-19 der Beschleuniger für eine zügigere Umsetzung der geplanten digitalen Gesundheitslösungen. Viele chronisch Erkrankte diskutieren bereits darüber und hoffen auf schnelle Wege und konkrete Maßnahmen, die dabei helfen, zukünftig besser und mit reduziertem Risiko durch Ernstfälle zu kommen. Letztlich ist es doch so: Jeder, der jetzt gut aufpassen und sich selbst schützen kann, indem er auch digitale Lösungen in Sachen Gesundheit nutzt, entlastet das System. Auch das ist Solidarität und Achtsamkeit gegenüber unseren Mitmenschen.