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Diagnose per Telefon? In der Schweiz kein Problem!

Was in Deutschland nur eingeschränkt erlaubt ist, ist bei unseren Schweizer Nachbarn längst gängige Praxis: Das ärztliche Gespräch via Telefon. Die Firma „Medgate“ wächst und wächst und weckt auch das Interesse von deutschen Patienten, Ärzten und der Politik.

Mutter eines kranken Kindes ruft den Arzt anDie Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Die Patienten vertrauen darauf, per Telefon die richtige Diagnose vom verbundenen Arzt gestellt zu bekommen – in der kleinen Schweiz mit ihren gut acht Millionen Einwohnern haben seit Start des Telemedizinischen Zentrums im Jahr 2000 rund sechs Millionen Telekonsultationen stattgefunden. „In der Hälfte der Fälle können die Patienten dabei von den Medgate-Ärzten abschließend am Telefon beraten und behandelt werden, ohne dass ein weiterer Arztbesuch notwendig ist“, so das Unternehmen. Medgate sieht in seinem Angebot viele Vorteile: Das Zentrum sei 24-Stunden geöffnet – Patienten können sich also rund um die Uhr an einen Arzt wenden, ohne dafür das Haus verlassen zu müssen. Die Wartezeit bei Medgate sei gering: Durchschnittlich warten die Patienten etwa 35 Minuten, bevor sie einen Rückruf eines Arztes erhalten. „Die Ärzte können nach einer Telekonsultation – wenn telemedizinisch sinnvoll – auch ein Rezept für ein Medikament (wird direkt an die vom Patienten gewünschte Apotheke gefaxt) oder ein Kurz-Arbeitsunfähigkeitszeugnis ausstellen oder den Patienten bei Bedarf auch direkt zu einem Spezialisten überweisen“, so eine Sprecherin des Unternehmens.

Spezielle Schulungen für die Mediziner

Die Beratung am Telefon ist auch für Mediziner eine Herausforderung: Sie müssen dem Patienten genau zuhören, konkrete Fragen stellen und entscheiden, ob die Informationen ausreichen, um die Behandlung am Telefon abzuschließen, oder ob eine Überweisung zu einem niedergelassenen Arzt notwendig ist. „Alle bei Medgate tätigen Ärzte werden speziell für die telemedizinische Tätigkeit ausgebildet. Sie durchlaufen eine mehrmonatige Einführungsschulung, die zum Ende mit einer Prüfung abgeschlossen wird“, erklärt die Unternehmenssprecherin. „Bei bestandener Prüfung erhalten die Ärzte eine Lizenz für die telemedizinische Tätigkeit, welche jährlich überprüft und dann erneuert wird.“

Wer kann in der Schweiz bei Medgate anrufen? Die Krankenversicherungen schließen mit dem Unternehmen Verträge ab, die es den Versicherten ermöglichen, Medgate zu kontaktieren. Ein kleinerer Anteil der Anrufer hat auch eine private Mitgliedschaft für die telemedizinische Dienstleistung abgeschlossen.

Anderes System – Medgate macht es für Versicherte billiger

Die Schweiz hat ein etwas anderes Krankenversicherungssystem als Deutschland: Jeder Einwohner ist obligatorisch für die Behandlungskosten versichert. Die Zahlung der Prämie ist aber Sache des Versicherten. Die Krankenversicherungen sind privatwirtschaftliche Unternehmen, es gibt keine gesetzlichen Krankenkassen wie in Deutschland (lesen Sie dazu auch „Wie ist unsere gesundheitliche Versorgung organisiert?“). Die Versicherungen müssen zwar jeden in die Grundversicherung aufnehmen, sie können die Prämien für Zusatzversicherungen jedoch frei wählen und auch Personen die Versicherung verweigern. Um die steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen, führte die Politik in den vergangenen Jahren steigende Kostenbeteiligungen für die Patienten ein. Die Prämie hängt in der Schweiz nicht vom Einkommen ab – Personen mit niedrigem Einkommen bekommen allerdings einen staatlichen Zuschuss. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Schweizer auf Telekonsile setzen, weil sie damit billiger fahren: „Die Partner-Krankenversicherer übernehmen die Kosten für die Telekonsultation, wobei dem Patienten weder die Kosten für den Selbstbehalt noch die Franchise verrechnet werden, wie dies bei einer normalen Konsultation die Regel wäre“, so Medgate.

Effizienter und schneller?

Der Telefon-Arzt scheint viele Vorteile zu haben, negative Kommentare von Patienten findet man im Internet jedenfalls nicht. Dabei profitieren auch die Krankenversicherungen von dem Angebot: Weil die Patienten zielgenauer durch das Gesundheitssystem gelenkt werden, sinkt die Anzahl der Arztkontakte – ein Problem, das auch hierzulande immer wieder diskutiert wird. Bei Medgate wird gezielt gesteuert: Wer dort anruft, landet beim Patientenempfang, dort werden die Personalien und die Symptome aufgenommen. Bei Haut- oder Augenveränderungen muss ein Foto über Mail oder App eingereicht werden. Dann erfolgt zeitnah ein Rückruf durch einen Arzt.

Das alles ist in Deutschland aufgrund des Fernbehandlungsverbots nicht möglich. In der Berufsordnungen der Ärzte steht geschrieben: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“ Zwar arbeiten manche Ärzte oder Klinken inzwischen auch in Deutschland mit den Mitteln der Telemedizin, zum Beispiel über Videochats, dem muss aber eine Diagnosestellung mit unmittelbarem Kontakt vorausgegangen sein. Das Interesse in Deutschland scheint jedoch groß an derartigen Angeboten und es bleibt spannend abzuwarten, wann und wie es Vorstöße hierzulande geben wird, die Vorgaben zu lockern: „Wir empfangen sehr regelmäßig interessierte Personengruppen aus Deutschland. Das sind sowohl Ärzteverbände, als auch Krankenversicherer sowie Vertreter der Politik. Auch von Patientenseite erhalten wir immer mal wieder Anfragen, ob auch sie diesen Dienst nutzen können, der jedoch nur für in der Schweiz versicherte Personen verfügbar ist“, so Medgate.

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