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17. September 2018

Digitalisierung kann Fehlmedikationen verhindern

 
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit hat die Chancen der Digitalisierung im Medizinbereich aufgegriffen: Neue technische Möglichkeiten können die Behandlungen in Arztpraxen und in Krankenhäusern sicherer machen.

Hedwig François-Kettner, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS), sieht Digitalisierung als Chance für den weiteren Ausbau der Patientensicherheit im Gesundheitswesen. „Durch digitale Anwendungen können Schnittstellen und Prozesse zwischen Haus- und Fachärzten, ambulantem und stationärem Bereich sowie Medikamentenabgabe in der Apotheke besser miteinander verbunden werden“, sagt sie zum heutigen Internationalen Tag der Patientensicherheit (ITPS).

Hedwig Francois-Kettner, Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS. (© pag, Anna Fiolka)
Für François-Kettner ist der elektronische Medikationsplan längst überfällig. „Er wurde bisher nur in Papierform umgesetzt und wird seine volle Wirkung für die Verbesserung der Patientensicherheit erst entfalten, wenn er digital vorliegt“, sagt sie. Dann könne mittels Software geprüft werden, ob gefährliche Wirkstoffkombinationen, bedenkliche Polymedikation oder potenziell inadäquate Medikation vorliegen.

Patientenverwechslungen vermeiden

Ein zweiter Schwerpunkt des Aktionsbündnisses ist die elektronische Patientenakte und daran gekoppelte Systeme, um Fehler in Krankenhäusern abzuwenden. „Das reicht von digitalen Armbändern zur Vermeidung von Patientenverwechslungen bis hin zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit durch digitales Unit-Dose“, erklärt François-Kettner. „Dabei werden alle Arzneimittel durch die Klinikapotheke patientenindividuell zusammengestellt, verpackt und etikettiert und danach direkt zu den Stationen geliefert.“ Übertragungs- und Lesefehler, aber auch Fehler bei der Zusammenstellung der Medikamente auf den einzelnen Stationen können so vermieden werden. Eine Studie aus Freiburg – ohne Unit-Dose-System – zeigt, dass es dort in 39 Prozent der Fälle Fehler gab, bei 315 von 720 Medikationen stimmte sogar die Identität des Arzneistoffs nicht, ergänzt Ruth Hecker, APS-Vizevorsitzende und zugleich Leiterin der Stabsstelle Qualitätsmanagement und klinisches Risikomanagement an der Uniklinik Essen.

Ein weiteres digitales Feld in der Medizin ist die roboterassistierte Chirurgie: Das Da-Vinci-Operationssystem, das im Universitätsklinikum Essen zum Einsatz kommt, kombiniere laut Hecker die Vorteile der minimalinvasiven Chirurgie mit High-Definition3D-Visualisierungstechniken und biete – sozusagen als verlängerter Arm – den Ärzten einzigartige Bedienmöglichkeiten für die Operationsinstrumente. Patienten, die mit dem Da-Vinci-Roboter behandelt wurden, klagten anschließend deutlich weniger über Schmerzen, seien wesentlich schneller wieder fit und könnten schon häufig nach wenigen Tagen entlassen werden.

Dreidimensionale Orientierung und Organe aus dem Drucker
Auch die chirurgische Navigation werde immer digitaler: Durch dreidimensionale Orientierung haben Chirurgen ein hohes Maß an Sicherheit, erklärt Hecker. Im Bereich Röntgendiagnostik entstehe durch intelligente Datenbankverknüpfungen eine Art Erfahrung und damit künstliche Intelligenz, die der menschlichen überlegen sei. Auch dies steigere die Patientensicherheit.
Zudem seien laut Hecker Ärzte mittels 3D-Druck und 3D-Datenbrillen in der Lage, Nachbildungen von Knochen, Organen oder Gewebeteilen anhand von Computertomografie-Daten zu drucken. Diese werden genutzt, um Operationen zu planen oder Prothesen anzupassen.

APS stellt Infomaterial zur Verfügung

Das kürzlich herausgegebene APS-Weißbuch beschreibt notwendige Maßnahmen zum Ausbau der Patientensicherheit. Zudem stellt das APS kostenlose Broschüren und Handlungsempfehlungen zum Thema Digitalisierung und Risikomanagement sowie eine Checkliste für Gesundheits-Apps bereit. Die Anzahl dieser sei erdrückend, sagt Hardy Müller, Geschäftsführer des APS. „Wir wollen den Nutzen dieser Apps qualifizieren. Man sollte immer darauf achten: Wer macht die App? Wie wird sie finanziert und wo werden die Daten gelagert?“ Zudem sollte sich jeder Nutzer überlegen, welche genauen Anforderungen er an die digitale Dienstleistung hat.

Nach Ansicht von Müller birgt die fortschreitende Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht nur Vorteile, sondern auch Risiken. „Wenn die Medikamentendosis für einen Patienten beispielsweise falsch berechnet oder Persönlichkeitsrechte nicht ernst genug genommen werden, kann das zu ernsthaften Problemen führen“, sagt er. Müller ist davon überzeugt: „Der Markt für Arzneimittel und digitale Gesundheitsangebote ist ein internationaler. Hier für Patientensicherheit zu sorgen, erfordert länderübergreifende Ansätze.“ Viele globale Herausforderungen der Patientensicherheit – wie etwa Infektionskrankheiten – seien nur mit multinationalen Strategien zu lösen. Er ist der Ansicht: „Wir brauchen verstärkt internationale Kooperationen.“

Eine Übersicht der Veranstaltungen am Tag der Patientensicherheit:
www.tag-der-patientensicherheit.de
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Fachtag der Selbsthilfe Neubrandenburg und Umgebung" am 27.10.2018 in Neubrandenburg
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